Seit 08:30 Uhr Nachrichten

Freitag, 13.12.2019
 
Seit 08:30 Uhr Nachrichten

Lesart / Archiv | Beitrag vom 23.04.2018

Hörbuch "100 Gedichte"Drei Stunden Bertolt Brecht

Von Eva Hepper

Podcast abonnieren
Büste von Bertolt Brecht im Turmzimmer im Berliner Ensemble in Berlin.  (Jörg Carstensen / dpa)
Für das Hörbuch sind Katharina Thalbach und Sylvester Groth eine Traumbesetzung. (Jörg Carstensen / dpa)

Mal lakonisch, mal schnörkellos und immer virtuos: Katharina Thalbach und Sylvester Groth lesen "100 Gedichte" von Bertolt Brecht und hauchen dem Dichter neues Leben ein.

"Der Radwechsel
Ich sitze am Straßenhang. Der Fahrer wechselt das Rad. Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. Warum sehe ich den Radwechsel mit Ungeduld?"

Der Radwechsel. Das Gedicht stammt aus den Buckower Elegien, der letzten großen, bedeutenden Gedichtsammlung von Bertolt Brecht. Entstanden ist es im Sommer 1953 in dem namensgebenden Buckow am Schermützelsee.

Brecht war 55 Jahre alt und berühmt, keine Frage. Aber, gelinde gesagt, auch umstritten. Lange schon wegen seiner bedingungslosen Parteinahme für den Kommunismus. Jetzt aber im Besonderen, denn er hatte die Niederschlagung des Arbeiteraufstandes vom 17. Juni 1953 begrüßt. Damit stand der Dichter im Niemandsland.

"Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre."

Thalbach zischt, flucht, droht

Lakonisch, reduziert, klar und schnörkellos interpretiert Sylvester Groth Brecht. Mit dem Gedicht erfasst er zugleich die ganze Situation, in der es entstanden ist. Brechts Schwebezustand im Sommer 1953. Ganz anders geht Groths Kollegin Katharina Thalbach ans Werk. Sie wirft sich in die Stücke geradezu hinein: zischt und brodelt, flucht und droht, ist mal schneidend, mal spöttisch, mal flüsternd und flehend. Und immer pointiert, jedes Wort, jeden Buchstaben auskostend:

"Von der Kindesmörderin Marie Farrar.
Marie Farrar, geboren im April Unmündig, merkmallos, rachitisch, Waise Bislang angeblich unbescholten, will Ein Kind ermordet haben in der Weise." 

(picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)Schauspieler Sylvester Groth (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Aus den 1910er-Jahren bis zum Spätwerk

Katharina Thalbach und Sylvester Groth lesen jeweils zur Hälfte dieser 100 Gedichte. Die Sammlung ist chronologisch sortiert; auf drei CDs mit etwa drei Stunden Gesamtlaufzeit. Sie beginnt mit den Werken der Hauspostille aus den 1910er- und 20er-Jahren und reicht bis zum Buckower Spätwerk. So lässt sich der ganze Brecht samt Zeitgeschichte erleben: von den politischen Wirren der Weimarer Republik mit seiner Hinwendung zum Kommunismus, über die Jahre mit Kurt Weill und die des Exils von 1933 an bis ins Ostberlin der 50er-Jahre.

Die Schauspielerin Katharina Thalbach (dpa/picture alliance)Die Schauspielerin Katharina Thalbach (dpa/picture alliance)

Und wer glaubte, Brecht, der sei doch Geschichte, vielleicht gar ein alter Hut – von wegen Alabama-Song, Surabaya-Johnny oder die Marie A. – der muss hören, wie Katharina Thalbach und Sylvester Groth ihm neues Leben einhauchen.

Die Thalbach kennt ihren Brecht

"Und ein Schiff mit acht Segeln
Und mit fünfzig Kanonen
Wird liegen am Kai." 

Die Seeräuberjenny...

"Einst glaubte ich, als ich noch unschuldig war. Und das war ich einst grad so wie du –

Natürlich kommt auch zu mir einmal einer. Und dann muß ich wissen, was ich tu."

Der Barbara-Song. Katharina Thalbach kennt ihren Brecht. Tatsächlich hört man ihre lebenslange Beschäftigung mit dem Dichter. Virtuos spielt sie mit ihrer Stimme und seinen Gedichten. Sie ist die Expressivere, aber Sylvester Groth ist auf seine Art mit Brecht auf Du und Du. Er liest fast beklemmend reduziert, regelrecht abgezockt:

"Ja, mach nur einen Plan!
Sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch nen zweiten Plan
Gehn tun sie beide nicht."

Sylvester Groth und Katharina Thalbach sind Traumbesetzung

Katharina Thalbach und Sylvester Groth sind eine Traumbesetzung für dieses Hörbuch. Zu Recht vertraut Regisseur Torsten Feuerstein den beiden und gibt den Raum, in dem sich ihr ganzes Können entfaltet. Dass Brecht ihnen etwas sagt, das hört man durch jede Zeile. Dass er auch uns etwas zu sagen hat, daran erinnern die beiden. Beeindruckend!

Mehr zum Thema

Das Haus an der Bleichstraße - Eine Reise in die Vergangenheit von Bertold Brecht
(Deutschlandfunk, Sonntagsspaziergang, 11.02.2018)

Vor 70 Jahren - Bertolt Brecht vor dem "Komitee für unamerikanische Umtriebe"
(Deutschlandfunk, Kalenderblatt, 30.10.2017)

Verhör vor 70 Jahren - Als Brecht zur Zielscheibe der Kommunistenjäger wurde
(Deutschlandfunk Kultur, Kalenderblatt, 30.10.2017)

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur