Joke Hermsen: „Melancholie in unsicheren Zeiten“

Die andere Seite der Traurigkeit

06:59 Minuten
Buchcover "Melancholie in unsicheren Zeiten“ von Joke Hermsen
© HarperCollins

Joke Hermsen

Übersetzt von Bärbel Jänicke

Melancholie in unsicheren ZeitenHarperCollins, Hamburg 2021

240 Seiten

20 Euro

Von Andrea Roedig  · 17.01.2022
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Gibt es einen Unterschied zwischen Melancholie und Depression? Die niederländische Philosophin Joke Hermsen geht mit der "depressiven Gesellschaft" hart ins Gericht – und bricht eine Lanze für das "gesunde" Traurigsein.
Die Melancholie, jenes Gefühl, das man auch als „Traurigkeit“, „Sehnsucht“ oder „Wehmut“ umschreiben könnte, hatte nicht zu allen Zeiten einen guten Leumund. Im Mittelalter stand Schwermut als „acedia“ im Rang einer Sünde, und auch heutzutage, so meint Joke Hermsen, rangiert sie vorwiegend unter dem negativen psychiatrischen Begriff der Depression.
Dabei ist Melancholie selbst ein ambivalentes Gefühl – diese Wehmut ist auch „süß“ –, sie galt in manchen Zeiten als sicheres Zeichen von Genialität, und es gibt, wie schon bei Platon nachzulesen, neben einer „krankhaften“ auch eine „vortreffliche“ Form der Melancholie.
Diese Unterscheidung macht sich Joke Hermsen zu eigen, und ihr Buch ist ein nachdrückliches Plädoyer für die gesunde, „gute“ Form der Melancholie, die zugleich auch Grundlage für Kreativität, Empfindsamkeit und Liebe sei.

Sehnsucht, die alle betrifft

Den Ursprung der Melancholie sieht Hermsen in einem Verlustgefühl, das im Übergang von Kindheit zu Jugend entstehe, jener Zeit also, in der wir „selbst“ werden und das unmittelbare Einssein mit der Welt aufgeben. Daher sei Melancholie immer mit dem Empfinden der Vergänglichkeit verbunden und, weil uns das alle angeht, ein Teil der Conditio humana: eine Grundstruktur des Menschseins also.
Ob Melancholie nun aber „gesund“ bleibt oder „krankhaft“ wird, hänge unter anderem davon ab, ob die Heilmittel Liebe, Kunst und Gemeinschaftlichkeit zur Verfügung stehen.
In ihrer gelungenen Form belebt sie ein kindliches „Glück des Zeitlosen“, das Hermsen – abgeleitet von „Kairos“, dem günstigen Augenblick – „kairotische Zeit“ nennt: Das Aufgehen im Augenblick, wie wir es in Liebe oder im Kunstgenuss oder dem Kunstschaffen erfahren, lindert den Schmerz der Melancholie.

Eine Gesellschaft zwischen Marktlogik und Angst

Sind diese Grundbedürfnisse nicht befriedigt oder in ihrer Empfindung verkümmert, entsteht krankhafte Melancholie: Die Depression, von der nicht nur einzelne Personen, sondern auch ganze Gesellschaften erfasst werden können.
In den gegenwärtigen „unsicheren Zeiten“ seien die heilenden Momente zugunsten einer an Marktlogik orientierten Welthaltung zurückgedrängt. Zugleich schüren populistische Demagogen Angst und suchen nach Sündenböcken. Essenziell für Gesellschaften sind aber „Natalität (Neubeginn), Pluralität und Freiheit“, meint Hermsen in Anlehnung an Hannah Arendt.
Die Autorin argumentiert nicht gegen medikamentöse Behandlung schwerer Depressionen, nur will sie der auf das Krankheitsbild verengten Auffassung, die im 20. und 21. Jahrhundert vorherrscht, eine weiter gefasste kulturgeschichtliche Perspektive an die Seite stellen.
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