Paolo Conte wird 85

Meister der eleganten Melancholie

05:45 Minuten
Der italienische Sänger Paolo Conte beim 52. Montreux Jazz Festival. Er hält das Mikro mit beiden Händen umschlungen und lächelt ins Publikum.
"Mein Stil ist eine confusion mentale fin-de-siècle, die geistige Verwirrung am Ende des Jahrhunderts", sagt der italienische Sänger Paolo Conte. © picture alliance / Valentin Flauraud
Von Sky Nonhoff · 06.01.2022
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Liedermacher, Chansonnier, Jazzlegende: All diese Begriffe treffen auf den italienischen Komponisten Paolo Conte zu und werden ihm doch nicht ganz gerecht. Jetzt wird der Maestro aus dem piemontesischen Asti 85 Jahre alt.
"Prohibito – Verboten". In den Ohren des ganz jungen Paolo Conte klang das wie ein Zauberwort, wenn sein Vater Luigi Platten von Duke Ellington oder Fats Waller vom Schwarzmarkt nach Hause brachte.
Im faschistischen Italien war alles Amerikanische verpönt, und der Komponist der "Cavalleria rusticana", Pietro Mascagni, hatte sich zur musikalischen Moderne so geäußert: „Der Jazz ist ein Produkt der Barbarei, des Opiums und des Kokains.“

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Noch so ein magisches Wort: Jazz. „Für mich bedeutet es das Gegenteil von Faschismus“, hat Paolo Conte einmal gesagt, „jeder behält seine individuelle Stimme.“ 

Die Tränen der Mutter  

Ende der 1950er-Jahre kann Conte einem Kollegen über die Adria zuwinken – dem fast gleichaltrigen Silvio Berlusconi, der ebenfalls als Tanzmusiker auf Kreuzfahrtschiffen spielt. Zehn Jahre später, 1968, schreibt der gelernte Rechtsanwalt aus dem Piemont ein halb trostloses, halb hymnisches Stück mit mediterran verrätselter Dramatik. Als er es zuerst seiner Mutter vorspielt, laufen dieser Tränen über die Wangen.
„Meine Mutter verstand offenbar instinktiv, was ich mit diesem Stück zu bewerkstelligen versucht hatte: nämlich das alte und das moderne Italien zusammenzubringen“, erinnerte sich Conte einmal an diesen Moment.
„Ich glaube, dass sie weinte, weil sie einen Hauch unserer Vergangenheit spüren konnte, aber gleichzeitig auch unsere Zukunft.“

Italiens heimliche Nationalhymne

Diese musikalische Extravaganz heißt „Azzurro“ und wird durch die Interpretation Adriano Celentanos zu so etwas wie Italiens heimlicher Nationalhymne. Die ambivalente Poesie des Stücks hat der Komiker Roberto Benigni so erklärt: „Trommeln und Trompeten simulieren eine Fröhlichkeit, die überhaupt nicht vorhanden ist – ‚Azzurro’ ist wie ein Sonnenuntergang, der uns in einer Tasse kredenzt wird.“
Was wiederum wie die Faust aufs Auge zu Contes Diktum passt, dass das Meer letztlich auch nur horizontaler Regen sei.
Der Sänger Paolo Conte bei einem Auftritt 2019 in Neapel.
Große Gefühle spielten bei Paolo Contes immer eine Rolle © picture alliance / Pacific Press / Salvatore Esposito
 Der Sänger mit der gebrochenen Grandezza ist bereits über 40 Jahre alt, als er seine "canzone" selbst zu interpretieren beginnt. In seinen Songs fließen kubanische Rumba, neapolitanische Canzonette, US-amerikanischer Swing und argentinische Tangomelodien zusammen, verfremdet durch lautmalerisches Dab-du-dab und häufigen Einsatz einer Kazoo, deren Krächzen wie das Geschnatter eines lebensempörten Donald Duck klingt.
Eine durch und durch eigenwillige, transnationale Weltmusik, deren Kern eine tiefe, allumfassende Melancholie innewohnt.

"Geistige Verwirrung am Ende des Jahrhunderts"

„Manchmal kommt es mir vor, als hätte ich mein Leben lang für die sehnsüchtigen Männer der Nachkriegszeit gesungen“, hat Conte einmal gesagt. Seine Musik erklärt er so:
„Nachdem ich im Pariser Lido gefeiert worden war, fragte mich ein französischer Journalist, was denn mein Stil sei, mein Genre. Und ‚cantautore’ konnte ich schlecht antworten, weil ihm das nichts gesagt hätte, auch wenn der Begriff in Italien in jedem Wörterbuch steht. Tja, eine Definition war gar nicht so leicht, doch dann ging mir ein Licht auf. Und so sagte ich, mein Stil wäre eine confusion mentale fin-de-siècle, die geistige Verwirrung am Ende des Jahrhunderts.“

Elegantes Scheitern

 In "Contes canzone" kommt immer wieder eine Bar vor: die Bar Mocambo. Ebenso gut könnte sie „Café der verlorenen Jugend“ heißen, und dort am Tresen sitzen seine Helden, die perfekt geschneiderte Anzüge und blank polierte Schuhe tragen: Männer mittleren Alters, die auf dem Grund ihres Glases immer wieder entdecken, dass ihnen beileibe nicht nur der nächste Whiskey fehlt.
„Ach, Jimmy“, heißt es Contes Song „Jimmy, ballando“: „Wir hätten so viel mehr verdient. Mehr, mehr, ja, mehr.“
Eins aber steht fest: Bei aller Sehnsucht nach einer verlorenen Zeit bleibt Contes Haltung immer Eleganz, und genau darum geht es in seinen Songs: im Scheitern eine "bella figura" zu machen.
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