Heinrich Schliemann - ein verdienter Archäologe?

Der Schatzsucher und seine Beute

29:51 Minuten
Eine künstlerische Darstellung zeigt Heinrich Schliemanns Ausgrabungen in der Troas
Wie war es wirklich? Heinrich Schliemanns Ausgrabungen in der Troas als Illustration © picture-alliance / United Archives / TopFoto / Mono Book Illustration
Von Tobias Barth und Lorenz Hoffmann · 05.01.2022
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Er beginnt als Krämergehilfe, verdient in Kalifornien und Russland Millionen. Erst im reiferen Alter zieht Heinrich Schliemann los, um Troja auszugraben. Medienwirksam inszeniert er sich und seine Funde, befördert so die Popularität der Archäologie.
Heinrich Schliemann ist 51, als er nach Jahren aufwendiger Suche die Entdeckung seines Lebens macht.

Troja, 17. Juni 1873. Legte in acht bis neun Meter Tiefe die vom Skaeischen Thor weiter gehende trojanische Ringmauer bloß und stieß beim Weitergraben unmittelbar neben dem Hause des Priamos auf einen großen kupfernen Gegenstand höchst merkwürdiger Form, der umso mehr meine Aufmerksamkeit auf sich zog, als ich hinter demselben Gold zu bemerken glaubte.

Fünf Jahre zuvor hatte er erstmals den Hügel Hissarlik in der Troas unweit der Dardanellen begutachtet und war zu dem Schluss gekommen, hier müsse die sagenhafte Stadt Troja gestanden haben.

Um den Schatz der Habsucht meiner Arbeiter zu entziehen und ihn für die Wissenschaft zu retten, war die allergrößte Eile nöthig, und, obgleich es noch nicht Frühstückszeit war, so ließ ich doch sogleich „païdos“, Ruhezeit, ausrufen und während meine Arbeiter aßen und ausruhten, schnitt ich den Schatz mit einem großen Messer heraus, was nicht ohne die allergrößte Kraftanstrengung und die furchtbarste Lebensgefahr möglich war, denn die große Festungsmauer, welche ich zu untergraben hatte, drohte jeden Augenblick auf mich einzustürzen.

Aber der Anblick so vieler Gegenstände, von denen jeder einzelne einen unermesslichen Werth für die Wissenschaft hat, machte mich tollkühn und ich dachte an keine Gefahr. Die Fortschaffung des Schatzes wäre mir aber unmöglich geworden ohne die Hülfe meiner lieben Frau, die immer bereit stand, die von mir herausgeschnittenen Gegenstände in ihren Shawl zu packen und fortzutragen.

„Und in den Quellen liest man dann später nach, dass Sophia Schliemann überhaupt an diesem Tag nicht in Troja war, sondern sie war bei ihrem sterbenskranken Vater in Athen“, erzählt Frank Vorpahl. „Das heißt, sie war die einzige Zeugin dieses Fundes, und diese einzige Zeugin ist erfunden. Wie wahr ist dann dieser Fund?“
Der Journalist ist Autor einer neuen Schliemann-Biografie mit dem Titel „Schliemann und das Gold von Troja“.

„Schliemann macht sich angreifbar“

„Fundorte, Fundumstände sind in der Archäologie sehr wichtig. Also Schliemann erfindet hier die einzige Zeugin hinzu“, erklärt er. „Und macht sich damit angreifbar, weil viele Konkurrenten, Neider dann auch sagen: Vielleicht hat er ja den Schatz des Priamos in Wirklichkeit fabrizieren lassen und in Troja deponiert, um ihn dann zu finden, um wieder Reklame für sich zu machen. Und die Frage nach der Echtheit des Schatzes des Priamos taucht ja bis heute auf.“
Mit Schliemann befasst sich Frank Vorpahl seit 1994. Damals berichtete er für das ZDF, als nach einem halben Jahrhundert bekannt wurde, dass der sogenannte Schatz des Priamos als Beutekunst in Moskau lagert. In deutschen Museen sind nur Kopien zu sehen.
„Hier zum Beispiel dieses große Diadem, das ist aus purem Gold. Und das hat Berlin nicht! Da hängen die Dinger an Goldschnüren. Das ist hier alles Gold, Gold und nur Gold“, erklärt Wilfried Bölke im Heinrich-Schliemann-Museum im mecklenburgischen Ankershagen.
Ein Höhepunkt der Ausstellung ist die Nachbildung eines prachtvollen Schmuckstücks, das Schliemann als Diadem der Helena bezeichnete. Ein filigraner Stirnschmuck aus Goldfäden und zarten Goldplättchen.
Ein Erfurter Goldschmied hat die Nachbildung in den 1980er-Jahren angefertigt. Daneben hängt das berühmte Foto von Schliemanns 21-jähriger, griechischer Ehefrau Sophia, die den Schmuck angelegt hat. Das Bild ging 1873 um die Welt und sollte für immer Sophia mit dem großen Schatzfund verknüpfen. Bei dem sie nachweislich nicht vor Ort war.

„Er wollte was für seine Frau tun“

Warum hat er das aber so dargestellt? „Er wollte was für seine Frau tun. Sie ist eine ausgezeichnete, hat so große Veranlagungen für eine Archäologin, und er wollte sie praktisch so auch an die Öffentlichkeit bringen“, sagt Wilfried Bölke. „Das ist auch typisch Schliemann, peinlich ist das eigentlich! Sie war nie dabei. Und das hat ja Schlagzeilen gemacht, das ist ja seinerzeit überall übernommen worden dann von den Medien, das Bild, ist ja klar.“

Welchen besonderen Lebensweg Schliemann beschritten hat, soll auch eine Ausstellung im Neuen Museum ab Mai in Berlin verdeutlichen, sagt Matthias Wemhoff . Er ist Direktor des Museums für Vor und Frühgeschichte. Die Ausstellung werde Schliemanns Zeit vor der Archäologie genauso stark gewichten wie seine Zeit als Archäologe:
"Seine größte Fähigkeit ist es, zwischen den Welten zu wandern und sich in ganz unterschiedlichen Situationen zurechtzufinden.“

Schliemann habe Maßstäbe entwickelt, die zum Teil noch heute für Archäologen gelten würden, so Wemhoff. „Und er begreift – und da ist er wirklich einer der allerersten – dass es gar nicht darauf ankommt, möglichst viele Kunstwerke freizulegen, sondern darauf, Objekte zu finden, die dann die Schichten auch datieren und Kulturzusammenhänge ermöglichen.“

Wilfried Bölke war lange Direktor des Schliemann-Museums in Ankershagen. Seinem Engagement ist zu verdanken, dass 1980 eine offizielle Gedenkstätte eingerichtet werden konnte. Im alten Pfarrhaus, in dem Schliemann seine Jugend verbrachte. Auch wenn die DDR Oberen den „reaktionären Großkaufmann“ Schliemann nur für begrenzt „erbpflegewürdig“ hielten.
„Geradeaus, wo jetzt das trojanische Pferd steht, stand die reetgedeckte Fachwerkscheune. Im hinteren Teil vor uns der große Pfarrgarten – seinerzeit, als wir hier in den 80er-Jahren zu wirken anfingen, total verunstaltet, ungepflegt. Hier hat keiner mehr etwas gemacht“, erzählt Bölke. „Hier drin dann der legendäre Teich, Silberschälchen.“
Blick auf das Schliemann-Museum Ankershagen im alten Pfarrhaus.
Heute Sitz des Schliemann-Museums: Das alte Pfarrhaus in Ankershagen, in dem Heinrich Schliemann (1822-1890) als Kind lebte.© picture alliance/dpa
Das Silberschälchen, ein kleiner Tümpel auf dem Pfarrgrundstück. Hier soll, der lokalen Sage nach, eine hübsche Jungfrau wohnen, die gelegentlich nachts mit einer silbernen Schale in der Hand aus dem Wasser steigt.
„Heinrich Schliemann hatte sein Kinderzimmer auf dem Dachboden. Die Fenster sind erhalten, das sind die beiden in der Mitte. Und es wird erzählt, dass der Schliemann so manche Mitternacht aufgestanden ist, um die Jungfrau sehen zu können. Das sind so die Sagen, die hier so eine Rolle spielen und die Schliemann garantiert beeinflusst haben.“, erklärt Wilhelm Bölke.

Tief in Mecklenburgs Sagenwelt eingetaucht

Der junge Schliemann taucht, so schreibt er später, tief ein in die mecklenburgische Sagenwelt, die in der Grundmoränenlandschaft zwischen Waren und Neustrelitz noch lebendig ist. Auch zwei Hügelgräber im Ort beschäftigen seine Fantasie.
In seiner Autobiografie schreibt er, hier sei, in jungen Jahren schon, sein archäologisches Interesse geboren worden. Sicher ist, dass Heinrich als Kind Grund hatte, sich in Fantasiewelten zu flüchten.
„Sein Vater war Pfarrer, hat einen ganz schlechten Ruf. Ist der Trunksucht verfallen, hat willige Mägde immer wieder verführt, die Kirche war leer! Das ganze Dorf hat mit Topfdeckeln gegen diesen Pfarrer protestiert“, erzählt Frank Vorpahl. „Er wurde suspendiert. Der Vater war nicht dieser disziplinierte Mann, der sein Sohn Heinrich Schliemann dann war. Ich weiß nicht, wie Schliemann sich das angeeignet hat.“
Der öffentliche Skandal um Pfarrer Schliemanns Affäre mit einer Dienstmagd führt zu seiner Amtsenthebung. Sohn Heinrich muss, weil der Vater nun das Schulgeld nicht mehr zahlen kann, nach gerade einmal drei Monaten das Gymnasium in Neustrelitz verlassen.
Er wird Krämerlehrling in Fürstenberg an der Havel, lebt in prekären und beengten Verhältnissen, die er schnellstmöglich hinter sich lassen möchte. Mit 19 Jahren geht er nach Hamburg und schifft sich nach Venezuela ein. Doch das Auswandererschiff gerät in einen Sturm und strandet vor der holländischen Küste.

Rasante Karriere als Händler und Bankier

Schliemann kann sich retten. Er geht nach Amsterdam und wird Kontorbote eines Handelshauses. Unermüdlich lernt er Fremdsprachen, Niederländisch, Spanisch, Italienisch und Portugiesisch, arbeitet an einer rasanten Karriere.
1844 wird er Korrespondent beim Hamburger Handelshaus Schröder und Co.. Zwei Jahre später geht er als dessen Vertreter nach St. Petersburg, um schließlich sein eigenes Handelshaus in der russischen Hauptstadt zu gründen. Als geschickter und risikofreudiger Händler mit Kolonialwaren gelangt er bald zu einem ansehnlichen Vermögen.
Anfang der 1850er-Jahre geht er während des kalifornischen Goldrauschs nach Amerika und kann als Bankier dort sein Vermögen binnen weniger Monate verdoppeln.
Im Krimkrieg 1853-56 beliefert er die zaristische Armee mit kriegswichtigen Rohstoffen – Blei, Schwefel, Salpeter und dem Farbstoff Indigo zum Färben der Uniformen. Damit wird er endgültig zum Superreichen. Ein Selfmademan.
1864 gibt er seine kaufmännischen Aktivitäten auf und stürzt sich in ein neues Abenteuer.

Ich wollte noch etwas mehr von der Welt sehen. So reiste ich im April 1864 nach Tunis, nahm die Ruinen von Karthago in Augenschein, und ging von dort über Aegypten nach Indien, weilte dann zwei Monate in China. Dann begab ich mich nach Jokohama und Jeddo in Japan und von hier auf einem kleinen englischen Schiffe über den Stillen Ozean nach San-Francisco in Californien. Unsere Überfahrt dauerte 50 Tage, während deren ich mein erstes Buch „La Chine et le Japon“ schrieb.

„Es waren wirklich mühsame Recherchen und er hat ein tolles Buch darüber geschrieben, das ist 1867 in Paris erschienen, also heißt ‚Japan und China heute‘, und dieses Buch hat keiner wahrgenommen. Zur gleichen Zeit 1867 kommt ein Grieche, Giorgos Nikolaidis, und veröffentlicht ein Buch über Troja, vermutet Troja am falschen Ort. Aber trotzdem sind die Pariser 1867 von diesem Griechen hingerissen, und alle reden darüber“, erklärt Frank Vorpahl.
„Und Schliemann mit seinem tollen Recherchebuch erlebt einen Flop. Ich glaube, das ist für ihn der Moment, wo er sagt: Aha, dann ist es also offenbar Homer, Troja. Es sind die antiken Mythen, die die Leute erfassen und da hat er auch ganz recht. Denn seine Zeit ist sehr romantisch und möchte an diesen Mythen anknüpfen. Das versteht er. Und deswegen startet er dann durch.“

Als Mittvierziger an die Sorbonne

1866 schreibt sich der inzwischen 44-Jährige an der Pariser Sorbonne ein. Er studiert Sprachen, Literatur und auch ein wenig Altertumskunde. Nach zwei Jahren bricht er zu seiner nächsten großen Reise auf: nach Rom, Neapel und zu Inseln im Mittelmeer.
Heinrich Schliemann posiert mit Zylinder und Mantel für ein Foto
Geschäftsmann und Archäologe: Heinrich Schliemann wurde mit Spekultionsgeschäften vermögend, widmete sich dann seinen Ausgrabungen.© picture alliance / Heritage Images / IBL Bildbyra
Auf Ithaka, der legendären Heimat des Odysseus, glaubt er bei jedem Schritt auf die Spuren des Helden zu treffen. Schliemann nimmt die Ilias und die Odyssee des Homer als historische Zeugnisse, nicht als literarische Werke.
Und er wird erstmals Ausgräber. Seinen Homer immer unterm Arm findet er eine alte Grabstätte mit 20 aschegefüllten Vasen. 15 der tönernen Gefäße zerbrechen bei seinen unsanften Bergungsversuchen. Über die Verbliebenen schreibt er:

Obgleich das Alter dieser Gegenstände schwer zu bestimmen ist, so scheint es mir doch gewiss, dass die Vasen weit älter sind als die ältesten Vasen von Cumae im Museum von Neapel, und es ist wohl möglich, dass ich in meinen fünf kleinen Urnen die Asche des Odysseus und der Penelope oder ihrer Nachkommen bewahre.

Homer wird Schliemanns Evangelium

„Also klar er ist, Schliemann hat es durchaus übertrieben mit seiner Homer-Gläubigkeit oder mit der Gläubigkeit an die historischen Quellen. Beziehungsweise bei Homer muss man vielleicht eher von einer literarischen Quelle sprechen“, sagt Stefanie Samida. Die Kulturwissenschaftlerin lehrt am Historischen Seminar der Universität Heidelberg.
„Also, es ist durchaus positiv zu werten, dass er diese Quellen berücksichtigt hat. Aber er hat es dann eben immer wieder auch zu weit getrieben, weil er sie tatsächlich für bare Münze genommen hat, eins zu eins genommen hat“, erklärt sie.
„Er schreibt auch an verschiedenen Stellen von seinem Evangelium, oder dass er glaubte an Homer wie an das Evangelium also. Ja, das war einfach eine feststehende Tatsache: Alles, was Homer berichtet über den Trojanischen Krieg, das hat auch so eins zu eins stattgefunden.“
Auf der ausgedehnten Reise 1868 kommt Schliemann auch erstmals in die Troas. Die Landschaft zwischen der Insel Lesbos und den Dardanellen gehört zum Osmanischen Reich. Hier, irgendwo unterhalb des idäischen Hains, soll sich der sagenhafte Trojanische Krieg ereignet haben.
Einige Altertumsforscher im 19. Jahrhundert vermuten Troja auf einem Hügel namens Burnabaschi. Schliemann vergleicht die geografischen Gegebenheiten dort mit Homers Beschreibungen und kommt zu dem Schluss: Dort jedenfalls liegt Troja nicht.
„Wenn man die Ilias von Homer liest, merkt man: Es gibt wahrscheinlich noch viele andere Orte, die auch als Kulisse des Trojanischen Krieges gedient haben könnten. Also so ganz spezifisch ist es ja nicht“, sagt Frank Vorpahl. „Man muss zwei Quellen haben, eine kalte und eine warme, und Hektor und Achill müssen die Burg umrunden können.“

Troja suchen – und finden

Das vor allem sprach gegen Burnabaschi: Der Berghügel hat so steile Flanken, dass ein in der Ilias beschriebenes Rennen zwischen Hektor und Achill dort niemals hätte stattfinden können.
Durch Zufall begegnet Schliemann dem britischen Kaufmann und Diplomaten Frank Calvert. Ihm gehören Teile des Hügels Hissarlik, nur wenige Kilometer von Burnabaschi entfernt. Und dort, so sind sich die beiden Ausgräber bald einig, dort muss Troja zu finden sein.
Zwei Jahre später, im Frühjahr 1870, kommt Schliemann zum Ausgraben zurück in die Troas. Bald stößt er auf die Überreste von Mauern aus großen Steinquadern, die er cyklopisch nennt und die er öffentlichkeitswirksam dem Palast des Trojanischen Königs Priamos zuordnet.
„Er hat dann ziemlich konsequent und vom ersten Tag an begonnen, Zeitungen anzuschreiben. Schickt wirklich vom ersten Tag an einer Zeitung unaufgefordert einen Bericht mit der Bitte um Abdruck, weil das ja die deutsche Öffentlichkeit interessieren könnte. Und so hat er das konsequent betrieben, und die ‚Augsburger Allgemeine Zeitung‘ druckt diesen Beitrag“, erzählt Stefanie Samida.
„Er sendet dort immer weiter Berichte ein, die dann auch abgedruckt werden. Weil dieses Thema ‚Wo lag Troja?‘ am Ende des 19. Jahrhunderts großes Interesse in vielen Kreisen der Bevölkerung hatte.“
Einheimische Bauern beschweren sich über Schliemanns illegale Grabungen, dieser unterbricht und bemüht sich um eine offizielle Grabungserlaubnis. Erst 1871 wird sie ihm erteilt. Der Ferman, also der Vertrag mit der Regierung des Osmanischen Reiches legt fest, dass Schliemann die Hälfte aller Funde an das Archäologische Museum der Türkei abzutreten hat.

Ausser Böcken, Ketten und Winden bestehen meine Werkzeuge aus 24 grossen eisernen Hebeln, 108 Spaten und 103 Hacken, … dazu 60 ausgezeichnete Schiebkarren mit eisernen Rädern zur Fortschaffung des Schutts, alle besten englischen Fabrikats. Es wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang eifrig gearbeitet.

Brachial zur Urscholle

„Schliemann ist brachial. Er schlägt also in diesen Grabungshügel, legt einen riesigen Graben an mit 150 Arbeitern, industriemäßig. Troja besteht aus zehn Ebenen. Neun davon schafft er weg. Entsorgt ganze Siedlungsschichten im Schutt, weil er unbedingt zur Ur-Scholle vorstoßen will, weil er meint, da sei das homerische Troja zu finden. Das ist brachial, aber viele seiner Kollegen – wie zum Beispiel in Knossos Evans – gehen genauso vor. Darüber spricht selten jemand“, sagt Frank Vorpahl.
„Das macht die Sache nicht besser, aber man muss Schliemann schon auch sozusagen im Spielraum seiner Zeit sehen. Indem er diesen Schliemanngraben durch den Grabungshügel schlägt, sieht er dann die ganzen Siedlungsschichten. Und dann kann die Archäologie anfangen, über Siedlungsschichten nachzudenken. Sein Assistent Wilhelm Dörpfeld entwickelt die Stratigraphie.“
Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt den Ort mit Schliemanns Lagerhütten  bei Hissarlik
Auf der "brachialen" Suche nach Troja: Heinrich Schliemanns Lager bei Hissarlik© picture-alliance / akg-images
„Er gräbt ja im Ägäisraum, in ‚Troja‘ sage ich jetzt mal mit Anführungszeichen, und findet da eine ganz andere Art von Welt vor sich. Ja, es gibt dann keine Statuen, die er findet, keine Plastik aus archaischer Zeit, sondern er findet da ja Kleinfunde, Scherben und Keramik, die vorher so noch gar nicht wahrgenommen wurde“, sagt Stefanie Samida.
„Er entdeckt da sozusagen ein ganz neues Feld, wo ihm klassische Archäologen erst mal nicht viel helfen konnten, weil die natürlich ein ganz anderes Verständnis hatten und ganz anderes Interesse hatten als er. Er steht da erst mal letztendlich allein und vor einem Scherbenhaufen, kann man vielleicht sagen, der so vorher in der Form noch gar nicht da war.“
Im Mai 1873 findet Schliemann schließlich das große Konvolut aus Goldgegenständen, das er „den Schatz des Priamos“ nennt, den er angeblich von seiner Frau im Schal eingewickelt vom Grabungsplatz schmuggeln lässt und der ihn weltberühmt machen wird. Sein ausführlicher Fundbericht erscheint im August wiederum in der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“.

Ein Medienstratege der Gründerzeit

„Natürlich haben wieder andere Redakteure oder Zeitungsmacher dann gelesen: Ah, da jemand in Troja ausgegraben und sendet hier interessante Berichte ein. Dann möchten wir auch irgendwie einen Beitrag von diesem Herrn Schliemann haben und schreiben dann Schliemann an. Es wurde dann zu einem Selbstläufer“, erklärt Stefanie Samida.
Sie hat ein Buch geschrieben über Schliemann als Medienstrategen der Gründerzeit. „Irgendwann wurde es immer größer und dann kam auch die englische Presse natürlich auf ihn zu und hat gesehen: Okay, da gibt es jemand, der gräbt da an weltberühmten Orten. Auch uns interessiert ja, ist es nun Troja, was er gefunden hat oder nicht?“
Zu Schliemanns Medienstrategie gehört auch, dass er geschickt auf das damals noch junge Medium Fotografie setzt. Das Foto seiner jungen griechischen Frau Sophia mit dem Diadem der Helena geht um die Welt. Doch der Ruhm hat auch seine Schattenseiten.
Die deutsche archäologische Fachwelt stellt seine Glaubwürdigkeit und seine Methoden infrage und die Satirezeitung „Kladderadatsch“ spottet immer einmal wieder über die mythenumwehte Selbstinszenierung: „Nachdem Herr Schliemann infolge homerischer Studien den trojanischen Schatz gefunden, liest er zufällig die Nibelungensage und begibt sich sofort nebst Frau und Umschlagetuch auf die Rheingold-Suche.“

Den Schatz außer Landes geschmuggelt

Schliemann lebt in Paris und Athen, hat die amerikanische Staatsbürgerschaft und ist mit Handel im russischen Zarenreich Millionär geworden. Den Schatz des Priamos schmuggelt er vertragswidrig an den türkischen Behörden vorbei außer Landes nach Athen. Ganz genau lässt sich der Weg bis heute nicht rekonstruieren.
Aber es existieren aufschlussreiche Briefe. Wie der, den er im Juni 1873 aus Hissarlik an den Bruder seines britischen Kompagnons Calvert schreibt.

Ich muss ihnen leider mitteilen, dass ich scharf bewacht werde und damit rechne, dass der türkische Aufpasser, der aus unerfindlichen Gründen über mich erbost ist, morgen mein Haus durchsuchen wird. Ich erlaube mir daher, sechs Körbe und einen Beutel bei Ihnen zu deponieren, mit der Bitte, sie freundlicherweise einschließen zu wollen und den Türken unter keinen Umständen zu gestatten, sie anzurühren!

Nach dem weltweiten Medienrummel um den Sensationsfund fordert die türkische Regierung ihr Recht. Nach einem Gerichtsprozess zahlt Schliemann dem Osmanischen Reich 50.000 Goldfranken – das Fünffache der festgesetzten Summe. Den Schatz darf er behalten. Er weiß, aus dem Goldfund lässt sich Kapital schlagen – für seinen Ruhm und seinen Namen.

In London ein Publikumsrenner

„Die Briten sind Kaufleute, die Briten sind schon immer kommerziell gewesen. Die haben dieses tolle South Kensington Museum. Sie brauchen immer wieder neue Knüller, damit möglichst viele Besucher kommen. Und da ist dieser Schliemann, der hat diesen Goldschatz des Priamos total berühmt gemacht durch das Foto seiner Frau, mit diesem Goldschmuck aus Troja“, erklärt Frank Vorpahl.
„Das ist ein Publikumsrenner. Und im South Kensington Museum versteht man das und denkt: Wir holen mal diesen Schatz des Priamos her und stellen ihn aus. Drei Jahre lang haben sie dann Besucherrekorde.“

Die Londoner überschütten mich mit Artigkeiten. Zehn Gesellschaften wünschen Vorträge. Ich bin auch weiter der Löwe der Saison. Täglich bin ich bei den Lords und Dukes eingeladen.

„In Deutschland würde man sagen: Wie, der hat nicht studiert. Wie, der ist kein Professor, das gucke ich nicht an. Diese Art Arroganz haben die Briten nicht, sondern sehen das Kommerzielle. Ich mache eine tolle Ausstellung mit dem Schatz des Priamos und machen Riesengewinn damit“, sagt Frank Vorpahl.
„Tatsächlich schlägt ja Schliemanns Schatz des Priamos in London ein wie eine Bombe. Also diese Rekordbesuche. Da fangen dann die Deutschen an zu überlegen: Vielleicht wäre dieser Schatz nicht doch auch ganz schön in unserer kaiserlichen Sammlung?“

Weitere spektakuläre Ausgrabungen

In den Folgejahren gelingen Heinrich Schliemann weitere spektakuläre Ausgrabungen. In Mykene findet er Goldgegenstände mit einem Gesamtgewicht von 13 Kilogramm, darunter eine Maske, die alsbald als „Goldmaske des Agamemnon“ berühmt wird. Schliemann, der auf die 60 zugeht, ist immer noch rastlos, ein Getriebener, auf der Suche.
„Was ihm fehlte, waren eigentlich dauerhafte Freundschaften. Am Ende seines Lebens findet er ein Freund, einen berühmten Mann aus Berlin: Rudolf Virchow, Anatomie-Papst, Chef der deutschen Fortschrittspartei, Linker, Liberaler, der politisch sehr wichtig ist“, sagt Frank Vorpahl.
„Virchow und Schliemann kommen beide aus kleinen Verhältnissen, kommen beide aus Norddeutschland, sind sich irgendwie verbunden sozusagen. Sie sind von ganz unten nach ziemlich weit oben aufgestiegen, und die befreunden sich.“
Mit Virchow reist Schliemann zum Nil, gemeinsam graben sie weiter in Troja, durchstreifen homerische Gefilde im Ida-Gebirge.

Virchow holt den Schatz nach Berlin

„Es ist schlechtes Wetter, so am Lagerfeuer. Dann sagt Rudolf Virchow, stößt das mal an: ‚Heinrich, wie wär's denn?‘ Ich glaube, sie haben sich ihr Leben lang gesiezt: ‚Herr Doktor Schliemann, wie wäre es denn, wenn sie den Schatz nach Berlin geben würden?‘ Und Schliemann muss sich eine Weile an den Gedanken gewöhnen. Aber Virchow ebnet ihm dann den Weg und das gefällt Schliemann“, erzählt Frank Vorpahl.
„Der hat Forderungen. Er sagt, wir brauchen Orden vom Kaiser – und er muss Ehrenbürger von Berlin werden. Virchow kann ihm das alles organisieren. Als das Troja-Gold dann nach Berlin kommt, kommt die kaiserliche Familie und so weiter, alle. Alles, was ich Schliemann so erträumt hat, wird wahr, wird Wirklichkeit. Er kann seine Frau Sofia mitnehmen. Deswegen kommt der Schatz des Priamos eigentlich nach Berlin, weil Rudolf Virchow sich so dafür einsetzte.“
1890 stirbt Heinrich Schliemann in Neapel. Sein Troja-Schatz wird über Jahrzehnte das Prunkstück des Museums für Ur- und Frühgeschichte in Berlin. In den Wirren des Kriegsendes verschwindet das Museumsgut – fast 50 Jahre lang bleibt unklar, ob es noch existiert.

Bürgerinitiative in Ankershagen zu DDR-Zeiten

Mitte der 1970er-Jahre liest der Agrarwissenschaftler Wilfried Bölke aus dem mecklenburgischen Bornhof zufällig in einer Romanbiografie, dass Heinrich Schliemann im Nachbarort Ankershagen seine Jugend verbracht hat. Er sieht sich dort um, erfährt, dass es keinen Gedenkort gibt und beschließt: Das muss sich ändern.
Er erzählt: „Als ich zur Vorstellung war in der Kreisleitung der SED, beim ersten Sekretär für Agitation und Propaganda, um dem unsere Absichten der Einrichtung einer Gedenkstätte vorzutragen, sagt der ganz kalt: Herr Bölke, sie sind sicherlich ein Lokalpatriot und denken so. Wir haben aber kein Interesse daran, für einen reaktionären Kapitalisten in Ankershagen eine Gedenkstätte einzurichten.“
Wilfried Bölke posiert vor einem Nachbau des Trojanischen Pferdes für ein Foto.
Wilfried Bölke gründete die Schliemann-Gedenkstätte im Pfarrhaus Ankershagen, die später zum Museum wurde.© picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck
Schliemann nicht mehr als ein Kriegsgewinnler und reaktionärer Kapitalist? Wilfried Bölke nimmt Kontakt zu internationalen Schliemannforschern auf, organisiert Interviews im Rundfunk der DDR, in denen sie die Bedeutung des Archäologen würdigen. Auch den Präsidenten der Ostberliner Akademie der Wissenschaften und andere Koryphäen kann er für sein Anliegen gewinnen.
„Die haben mich alle unterstützt und dann trat eine Wende ein. Dann tagte Ende 1977 der Bezirkstag. Da wurde der Beschluss gefasst, für Schliemann eine Gedenkstätte einzurichten“, erinnert sich Wilfried Bölke.
„Dann hat der Kreis, um die Kontrolle über die ganze Angelegenheit behalten zu können, einen Schliemann-Beirat gegründet mit staatlichen Vertretern natürlich auch darin. Ich wurde zum Vorsitzenden gewählt und wir erhielten jetzt den Auftrag, eine Gedenkstätte einzurichten.“

Wo ist der Schatz des Priamos?

Die Gedenkstätte wird 1980, zum 90. Todestag Schliemanns, zunächst in drei Stuben des Pfarrhauses eingerichtet. Nach 1990 geht das gesamte Haus samt Außengelände an das Museum.
„Bis heute gibt es außer uns kein Schliemann-Museum in der Welt. Bei uns war es eine Bürgerinitiative. Ich betone das immer, dass die Gedenkstätte hier auf der Grundlage einer Bürgerinitiative hervorgegangen ist. Deshalb hat man uns auch immer von oben sehr kritisch betrachtet, können sie sich vorstellen. Also sehr kritisch beobachtet, auch bei auch jeder Führung, die ich gemacht habe“, erzählt Wilfried Bölke.
„Da ging es damals noch um den Schatz des Priamos. Der war weg, der war 1945 verschwunden aus Berlin. Wo ist der Schatz des Priamos? Da sagten die einen, die DDR sagte dann, die Amerikaner haben den. Die Amerikaner sagten, die Russen haben den. Und bei den Russen war er ja dann auch gewesen.“
Anfang der 90er-Jahre ist es der russische Präsident Jelzin, der vom Schliemann-Schatz in Moskau spricht. Irina Antonowa, die Direktorin des Puschkin-Museums in Moskau bestätigt: Das Gold liegt als Beutekunst in ihren Depots. Erstmals wird es 1994 wieder gezeigt.
Seither verfolgt auch der Kulturjournalist Frank Vorpahl die immer wieder neu aufflammenden Debatten um den Verbleib von Schliemanns Erbe.
Angela Merkel hat ja 2013, am 21. Juni in der Eremitage, zusammen mit Putin eine Bronzezeit-Ausstellung besucht. Und Irina Antonowa war auch angereist aus Moskau, und die Kanzlerin ist auf Irina Antonowa zugegangen und hat ihr gesagt: ‚Ich hatte großen Respekt vor ihrer Lebensleistung.‘ Obwohl Irina Antonowa diejenige ist, die Schliemanns Schätze, solange im Verborgenen gehalten hat“, erklärt er.
„Ich habe großes Verständnis dafür, dass Menschen aus Leningrad, aus dem heutigen Sankt Petersburg nach dem unendlichen Leid, das sie erfahren haben, nach den vielen Zerstörungen: Es sind unglaublich viele Kulturschätze in der Sowjetunion vernichtet worden durch die Deutschen. Insofern habe ich für die russische Position schon immer Verständnis gehabt. Das heißt nicht, dass sie über das Völkerrecht gestellt werden soll.“

“Jeder möchte diesen Schatz haben“

Wem gehört der Schatz des Priamos – bis heute ist diese Frage zwischen Russland, Deutschland und der Türkei ungeklärt.
„Jetzt gibt es natürlich verschiedene Ansprüche. Jeder möchte irgendwie diesen Schatz haben und natürlich auch in seinem Museum präsentieren. Das ist verständlich, weil es eben ein interessanter Fund ist und eine interessante Geschichte auch hinter diesem Schatzfund steckt. Aber ja, es ist unglaublich schwer, da jedem gerecht zu werden“, sagt Stefanie Samida.
„Also mein Vorschlag ist, diesen Schatz oder diesen Fund auf Reisen zu schicken. Sozusagen jetzt von russischer Seite aus Dauerleihgaben zu machen. Er ist mal ein, zwei Jahre in der Türkei, wird mal in Berlin gezeigt für ein, zwei Jahre. Und dann geht er meinetwegen einmal wieder nach England zurück, wo er zum ersten Mal ausgestellt wurde, in London 1877. Dann geht er vielleicht mal nach Übersee, sodass man diese Fundstücke und diese Geschichte dahinter einfach auch weiter in die Welt trägt, dass viele teilhaben können.“
Die Ausgrabungsstätte in der Troas ist heute UNESCO-Weltkulturerbe. Als Schliemanns größtes Verdienst gilt heute, dass er mit seiner Feldarchäologie in die Schichten vor den Römern und den Griechen vordrang – er hat die minoische und mykenische Kultur erschlossen. Die brachialen Grabungsmethoden des Selfmademan hat die Wissenschaft überwunden.

„Menschen funktionieren wie Elstern“

Etwas anderes bleibt: „Also, wir stellen ja immer wieder fest: Alles, was nicht Gold ist, verkauft sich auch schlecht. Das heißt, das gilt auch für die Museen. Es ist sehr klug, eine Ausstellung zu machen, in der irgendwo Gold vorkommt, weil wir Menschen offenbar wie Elstern funktionieren“, sagt Frank Vorpahl.
„Das machen sich Museen zunutze, also wenn sie klug sind, kommt schon mal im Titel einer Ausstellung ‚Gold‘ vor. Auch beim Buchtitel ist es klug, ‚Gold‘ vorkommen zu lassen. So ähnlich funktioniert Archäologie, glaube ich, immer. Man sucht etwas, was erst mal die Aufmerksamkeit erzeugt. Das andere ist, ob man darüber dann alles genau weiß.“
Schliemanns Methode, Archäologie an die Schaulust des Menschen zu knüpfen, ist bis heute ein Erfolgsrezept – für Medien und Museen. Das ist das eigentliche Erbe Schliemanns – mit dem die Archäologie umgehen muss.

Ab 14. Januar 2022 zeigt das Universitätsmuseum Heidelberg eine Schliemann-Ausstellung. Das Buch „Schliemann und das Gold von Troja. Mythos und Wirklichkeit“ von Frank Vorpahl ist im Verlag Kiepenheuer und Witsch erschienen.

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