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Rang I | Beitrag vom 24.04.2021

Heidelberger StückemarktErzählungen aus Litauen am laufenden Band

Von Marie-Dominique Wetzel

Szene aus dem Stück Good Day der Oper Operomanija in Vilnius. (Modestas Endriuska)
Supermarkt auf der Opernbühne: Szene aus des Stück "Have a good day" vom Theater Operomanija in Vilnius (Modestas Endriuska)

Litauen ist in diesem Jahr Gastland beim Heidelberger Stückemarkt, Corona-bedingt ein Jahr später als ursprünglich geplant. Nächste Woche kommen "Have a good day" und "Regenland" per Stream zum Publikum. Die Oper spielt an Supermarktkassen.

"Have a good day" heißt die zeitgenössische Oper für zehn Supermarktkassierinnen, geschrieben und komponiert von drei Frauen: Vaiva Grainytė, Lina Lapelytė and Rugilė Barzdžiukaitė, den Gewinnerinnen des Goldenen Löwen der Kunstbiennale in Venedig 2019.

Erzählen am laufenden Band

Es ist eine Oper, die vom rauen Alltag der vielen Frauen erzählt, die tagtäglich in den Supermärkten an den Kassen sitzen, Waren übers Band schieben und jedem zum Abschied einen "Schönen Tag" wünschen – möglichst noch mit einem Lächeln.

Die Oper "Have a good day" ist eines der drei Gastspiele aus Litauen, die beim diesjährigen Heidelberger Stückemarkt gezeigt werden – per Streaming versteht sich. Genauso wie die Produktion "Regenland" des freien Theaters "Open Circle" aus Vilnius. Vier Schauspielerinnen und vier Schauspieler sitzen im Kreis auf Akkordeon-Koffern und beginnen, nacheinander zu erzählen.

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Die Geschichten sind die Geschichten ihrer Großelterngeneration. Manche schlüpfen direkt in die Rolle ihrer Großmütter oder Großväter, andere haben ihren Charakter aus mehreren authentischen Personen zusammengesetzt. Sie erzählen von ersten Lieben, von strengen Lehrern, vom Verlust eines Elternteils. Aber auch vom Krieg, von Flucht und Vertreibung, von Inhaftierungen und Straflagern.

Einer der Schauspieler ist Justas Tertelis: "Ich zum Beispiel erzähle die Geschichte eines Kollaborateurs, der mit den Feinden zusammengearbeitet hat. Wir sagen aber nicht, der ist gut, der ist böse. Wir erzählen sie aus ihrer persönlichen Perspektive", erklärt Tertelis. "Wir verstehen unsere Arbeit nicht politisch, sondern gesellschaftlich. Wir wollen, dass diese Geschichten nicht vergessen werden. Wir wollen, dass die Menschen die Geschichten ihrer Familien bewahren und erinnern."

Schauspieler, Produzenten, Dramaturgen in Einem

Das Theater "Open Circle" hat sich 2006 aus einer Schauspielklasse des Regisseurs Aidas Giniotis gegründet. Sie wollten neue Formen der kollektiven Theaterarbeit und der Spielweise ausloten.

"Eine ganze wichtige Sache ist: Es gibt am Anfang keinen Text", betont Gründungsmitglied Justas Tertelis: "Wir sind auch nicht nur Schauspieler bei diesen Produktionen, sondern auch Dramaturgen und Autoren. "Wir suchen nach den Geschichten, wir wählen die Passagen aus. Unser Regisseur setzt dann diese Episoden zusammen. Natürlich ist auch immer Platz für Improvisation. Und das ist unsere Arbeitsmethode, wie wir sie seit der ersten Produktion immer weiter verwenden."

Theaterszene aus dem Stück Regenland. Einem Beitrag vom Theater in Vilnius. (Dainius Putinas)Theaterszene aus dem Stück Regenland. (Dainius Putinas)

Die erste Produktion ging um ihre eigenen Lebensgeschichten, dann nahmen sie sich die Generation ihrer Großeltern vor und gerade beschäftigen sie sich mit den Schicksalen ihrer Eltern.

"Open Circle" hat mit dieser Form von Theater großen Erfolg. Man bekommt für "Regenland" kaum Tickets, obwohl die Produktion jetzt schon viele Jahre auf dem Programm steht. Viele Schulklassen wollen es sehen – aber auch ältere Menschen.

Perspektivwechsel im litauischen Theater

Die Theatertruppe sei die erste gewesen, die solche Themen auf die Bühne gebracht habe, sagt Giedre Liugaite. Sie hat für das Festival als Scout fungiert: "Ich kenne bis heute kein anderes Theaterstück in Litauen, das sich mit diesem Kapitel unserer Geschichte in so einer Form beschäftigt."

Die Theatermanagerin in Vilnius sieht kein Tabu mehr. "Seit der Unabhängigkeit können wir tun, was wir wollen. Aber nach der Unabhängigkeit schauten alle erst mal alle nach Westen – oder gingen sogar in den Westen. Wir wollten Anschluss bekommen an die europäische Theaterszene. Erst jetzt, seit ein paar Jahren, beschäftigen wir uns mehr mit uns, mit unserer eigenen Geschichte. Vielleicht gab es auch davor keine geeignete Form dafür, die mussten wir vielleicht erst finden."

Die Theaterszene in Litauen ist seit der Unabhängigkeit 1990 sehr vielfältig geworden. In den beiden größten Städten Vilnius und Kaunas gibt es drei Nationaltheater und über das kleine Land verstreut noch acht Stadttheater – sowie über 50 Theater der freien Szene.

Früher waren die litauischen Theater natürlich stark von Russland beeinflusst. Inzwischen pflegt man regen Austausch mit dem Nachbarland Polen. Aber man schaue auch gerne nach Deutschland, sagt Giedre Liugaite, die viele Jahre ein Festival für zeitgenössisches Theater mitorganisiert hat.

Alle Möglichkeiten, schwierige Entscheidungen

Es tue sich viel, sagt sie. Immer mehr Frauen besetzten wichtige Positionen und schrieben Stücke, wie überhaupt in den letzten Jahren immer mehr litauische Stücke geschrieben und aufgeführt würden.

Das Publikum sei sehr interessiert daran, sagt Giedre Liugaite – wohl auch, weil viele Menschen sich jetzt, dreißig Jahre nach der Unabhängigkeit, Gedanken über die eigene Identität machten: "Die jüngere Generation von Dramatikerinnen und Dramatikern beschäftigt sich viel mit den Generationenkonflikten bei uns. Denn unsere Eltern sind ja noch ganz anders aufgewachsen. Wir haben ja heute alle Möglichkeiten, uns steht die ganze Welt offen, da ist es manchmal gar nicht so einfach zu entscheiden, was man will. Und das verstehen die Älteren oft nicht. Die jüngeren Stückeschreiberinnen und Stückeschreiber beschäftigen sich viel mit solchen Themen."

Das zeigen auch die beiden Stücke, die als Lesungen beim Heidelberger Stückemarkt eingeladen wurden: "Identify" von Ieva Stundžytė und "Mütter und ihre Söhne" von Matas Vildžius.

Auch wenn es für die Theaterschaffenden aus Litauen traurig ist, dass sie nicht zum Heidelberger Stückemarkt anreisen können, so trösten sie sich damit, dass sie jetzt in digitaler Form ihre Stücke einem weltweiten Publikum präsentieren dürfen und so auf die große, spannende Theaterszene ihres kleinen Landes aufmerksam machen können.

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