Hanns-Josef Ortheil über seinen Roman "Ombra"

    Mit fast 70 auf den Zustand des Kindes zurückgeworfen

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    Hanns-Josef Ortheil hat blonde Haar und trägt ein weißes Hemd und dunkle Jacke. Er blickt in Richtung Kamera
    Hanns-Josef Ortheil konnte während der Reha in seinem Elternhaus übernachten. "Ich glaube ganz sicher, dass der Ort viel zu der Gesundung beigetragen hat." © picture alliance / Uwe Zucchi
    Moderation: Andrea Gerk · 28.10.2021
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    Hanns-Josef Ortheil lag im Koma und musste sich in einer Reha wieder in sein Leben zurückkämpfen. Auch das für ihn als Autor so wichtige Schreiben musste er neu lernen. "Eine sehr wichtige Zeit", sagt er heute.
    Hanns-Josef Ortheil beschäftigt sich in seinem neuen Buch mit einem Einschnitt in seinem Leben: Er lag nach einer Herz-OP im Koma und nahm danach an einer Reha-Maßnahme teil. "Ombra – Roman einer Wiedergeburt" heißt das neue Buch des 69-Jährigen über diese Zeit seines Lebens.
    Nach dem Aufwachen aus dem Koma habe er gleich nach einem Stift gefragt – und ihn auch von seiner Frau bekommen, dann aber festgestellt, dass die Hand nicht wie gewohnt funktioniert und er nicht schreiben konnte. "Wieder auf dem Zustand des Kindes, so mit sieben, acht, das auch fast nichts konnte", erinnert er sich. Fast anderthalb Jahre habe es gedauert, bis er wieder habe schreiben können, sagt Ortheil. Hart für einen Autor, der immer alles handschriftlich festgehalten hat.

    Radikale Erfahrung und Selbsterfahrung

    Es sei eine radikale Erfahrung gewesen: Er habe viel Zeit im Bett gelegen, an die Decke gestarrt und viel nachgedacht. "Vor allem entwickelt man da eine sehr starke andere Ästhetik der Wahrnehmung: Also man stößt viele Dinge ab, die man früher für sehr schön gehalten hat, und man zieht anderes an."
    All das sei einhergegangen mit einer Selbstbefragung: "Was will ich eigentlich noch? Und was kann ich noch? Das ist die Erfahrung dieses Einschnitts, den ich erlebt habe durch die Krankheit, und das ist auch die Geschichte des Romans 'Ombra', die ich erzähle."
    In "Ombra" geht es um einen Schriftsteller, der in der Reha unter anderem Sport für Herzpatienten macht und der von sich sagt, er habe seinen Körper immer vernachlässigt. Viel lieber unterhält er sich mit der griechischstämmigen Chefärztin über seine letzte "Mittelmeerreise".

    Zustand des Kindes

    Ortheil selbst sagt, ihm habe die Zeit in der Reha Freude gemacht und er habe sich über die Hilfe gefreut: der Sport, viele Vorträge. "Es gab eine Psychologin, mit der ich mich lange unterhalten habe, und dann auch die Ärztinnen und Ärzte." Er habe immer sehr genau nachgefragt und sich mit vielen Menschen unterhalten, auch mit vielen Patienten.
    "Es war ein großer Erfahrungsraum", blickt Ortheil zurück. "Und ich habe plötzlich gemerkt: Stoß das jetzt nicht so ab und gehe hier so gleichgültig durch, sondern nimm alles ganz ernst und schau dir an, was du daraus für die weitere Zukunft nehmen kannst. Von daher war das für mich eine sehr wichtige Zeit."
    In "Ombra" geht der Erzähler in den Westerwald. Ortheil durfte während der Reha in seinem Elternhaus ebendort übernachten: "Und da erlebte ich natürlich diesen Zustand des Kindes besonders stark." Das Haus sei ein Raum großer Geborgenheit gewesen. "Und ich lag nun da wie früher, als ich als Kind krank war, und habe vieles wieder miterlebt, was ich in diesen Krankheitsphasen früher als Kind gemacht habe." Er glaubt an einen positiven Effekt: "Ich glaube ganz sicher, dass der Ort viel zu der Gesundung beigetragen hat."
    Im Roman tauchen dann auch die Eltern wieder auf und geben Ratschläge: "Da erinnerte ich mich laufend an das, was ich als Kind immer zu hören bekam: 'Zieh dich warm an' oder 'Nimm das und das' und 'Die Vase für die Blumen'."
    Trost und Lebensfreude als Gegenpol
    Das Tröstliche und die Lebensfreude, die aus seinen Büchern sprechen, erklärt sich Ortheil als Gegenpol: Er wolle die stark negativen oder schmerzenden Erlebnisse aus seinem Leben nicht dominant werden lassen - und er wolle keine trostlosen, traurigen Bücher schreiben. "Ich lebe ja auch nicht so, sondern ich gebe mir pausenlos immer wieder einen Ruck, aus diesen krisenhaften Zuständen herauszufinden."
    Er sei auch in der Lage, sich von außen zu beobachten, oft auf komische und humoristische Art, sagt der Autor. "Das tut mir gut. Das milderte die Tragik mancher Ereignisse stark ab und hilft mir wiederum sehr."

    Hanns-Josef Ortheil: "Ombra. Roman einer Wiedergeburt"
    Luchterhand, München 2021
    298 Seiten, 24 Euro

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