Hanau, NSU & Ibiza-Affäre

    Wie Podcasts Gesellschaft erzählen

    35:26 Minuten
    Ein Graffiti an einer Hauswand in Hanau zeigt eine Weltkarte, die Namen von neun der zehn Ermordeten, zwei weiße Tauben und die Worte: Niemals vergessen, Hanau 19. Februar
    "Niemals vergessen": Auch ein Podcast erinnert an die Opfer des Anschlags in Hanau – und erzählt, wie die Angehörigen das Vertrauen in die Behörden verloren haben. © imago images / Patrick Scheiber
    Moderation: Heiko Behr · 19.02.2021
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    Ein sechsteiliger Podcast widmet sich dem Anschlag von Hanau – und legt großen Wert auf die Sicht der Angehörigen und die gesellschaftliche Einbettung. Immer häufiger wagen Podcasts große und schwere Erzählungen. Warum eignet sich das Medium dafür?
    "190220 – Ein Jahr nach Hanau" heißt der Spotify-Podcast zum rechtsextremen Anschlag in Hanau. Es ist ein sehr eindringlicher, bewegender Podcast, der die Hörer*innen sehr nahe heranbringt an das Grauen und an die Trauer und wirkt wie ein Kampf gegen das gesellschaftliche und mediale Vergessen – in Podcastform.
    Die ersten Folgen sind bereits erschienen. Das Feedback hat Co-Autorin und Reporterin Alena Jabarine überrascht: Viele junge Menschen hätten sich über Instagram gemeldet, die bisher noch keinen Podcast gehört haben.

    Raum für die Angehörigen

    Für Jabarine kann das Medium Podcast daher eine Chance sein, Menschen für komplexe Themen zu gewinnen. Podcasts würden sich besonders durch ihre Flexibilität auszeichnen. Es sei möglich, zwischen verschiedenen Erzählebenen zu wechseln.
    Außerdem biete sich hier die Möglichkeit, den Angehörigen und Familien der Opfer viel Raum zu geben, sie als Menschen kennenzulernen und zu begleiten, meint sie.
    Ähnlich sieht es Vinzent-Vitus Leitgeb, Redakteur im Audioteam der "Süddeutschen Zeitung". Er hat bereits die Podcast-Serie "Deutsche Abgründe" über den NSU und den rechten Terror für die "SZ" gemacht.
    Soeben hat er zusammen mit seiner Kollegin Leila Al-Serori in Kooperation mit der Audioplattform Fyeo den Podcast "Going to Ibiza - Österreich, die Korruption und der Populismus"" veröffentlicht.

    Töne für das Kopfkino

    Mit vielen Zeitzeug*innen und Archivmaterial hat Leitgeb versucht, die zentralen Momente in der mehrere Jahre umfassenden Geschichte anschaulich zu machen, die schließlich zu Heinz-Christian Straches selbstherrlichem Auftritt im Ibiza-Video geführt haben.
    Entscheidend sei gewesen, nicht alles auszubuchstabieren, sondern bei den Hörer*innen mithilfe von bestimmten Tönen das Kopfkino zu entfachen.
    Anhand der zwei Podcasts sprechen wir über Erzählhaltungen und Spannungsbögen und fragen in diesem Werkstattgespräch, was Podcasts anders und vielleicht auch besser oder eindringlicher machen können als Texte oder Videos, wenn es um die Vermittlung von großen gesellschaftlichen Erzählungen geht.
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