Han Kangs Nobelpreisrede aus dem Jahr 2024 wie auch ihre Dankesworte bei der Verleihung sind nun in einen Band aufgenommen, dessen drei Kapitel gar nicht so leicht auf einen Nenner zu bringen sind. Das erste versammelt essayistische Texte rund um das Nobelpreis-Geschehen; im zweiten finden sich fünf Gedichte. Der letzte Teil widmet sich vornehmlich in Form von Tagebucheinträgen dem winzigen Garten, den Han Kang in ihrer Heimatstadt Seoul angelegt hat. Das Buch trägt den Titel ihrer Nobelpreisrede: „Der goldene Faden“.
Diese Rede hebt an mit einer erstaunlichen Wiederentdeckung: In einem alten Schuhkarton findet die Autorin ein selbst gebundenes Heft, das sie im Alter von acht Jahren mit Gedichten gefüllt hat. Aus einem davon zitiert sie:
„Wo könnte die Liebe sein?
In meinem pochenden Herzen ist sie verborgen.
Was ist Liebe?
Ein goldener Faden, der Herz mit Herz verbindet.“
Aus "Der goldene Faden"
Mit diesem Zeitsprung zurück ins Jahr 1979 beginnt eine poetologische Selbstbestimmung: Von dem lyrischen Frühwerk ausgehend durchschreitet sie Roman für Roman und lässt uns teilhaben an den Kernfragen, die sie jeweils über mehrere Jahre der Arbeit an ihren Büchern geleitet haben – nicht um Antworten zu finden, wie sie betont, sondern um an jenen Punkt zu gelangen, an dem sie sich verändert fühlte. Als sie an „Menschenwerk“ schrieb, einem Roman, der vom Massaker von Gwangju im Mai 1980 handelt, lauteten die Fragen:
„Kann die Vergangenheit der Gegenwart helfen?
Können die Toten die Lebenden retten?“
Aus "Der goldene Faden"
Liebe - der älteste Akkord ihres Lebens
„Unmöglicher Abschied“ wiederum sei getrieben gewesen von der Ungewissheit, wo unsere Grenze liege, wie sehr wir lieben müssten, um am Ende Mensch zu bleiben. Mit welch grausamen Episoden der Geschichte sie sich in ihren Büchern auch beschäftigt, wie stark sie das Schicksal einzelner Figuren im Mahlstrom des Sozialen auch betrachtet – letztlich, so erkennt sie schließlich, treibe sie das um, was schon die naive Achtjährige umgetrieben hat: Wo könnte die Liebe sein? Was ist Liebe? Das ist „der älteste und grundlegendste Akkord meines Lebens.“
Nun könnte man dieser Erkenntnis aus „Der goldene Faden“ durchaus ein bisschen Naivität unterstellen. Tatsächlich wirken die poetologischen Aussagen verglichen mit den changierenden und doppelbödigen Romanen Han Kangs mitunter etwas unterkomplex. Die Schlichtheit aber scheint Programm, ein Programm der Reduktion auf das Essenzielle, auf bestimmte Schlüsselbegriffe oder Motive.
Das wird ganz besonders deutlich in den fünf Gedichten, die den goldenen Faden der achtjährigen Han Kang bis fast in die Gegenwart fortspinnen. Es sind Meditationen über Hoffnung und Schmerz, über den Übergang von Schreiben zu Leben und umgekehrt. Und über die Wahrnehmung des Schwerelosen:
„Anders als all die anderen Schneeflocken,
fielst du nicht einfach senkrecht,
sondern breitetest irgendwie
deine Flügel zu mir hin aus.
Und dann – wohin bist du gegangen?
Ich habe dich nie wiedergesehen.“
Aus "Der goldene Faden"
Übungen in Geduld und Demut
Vielleicht die schönste Abteilung des Bandes, weil sie am unspektakulärsten, eine Übung in Geduld und Demut ist, beinhaltet Gedanken über das Gärtnern: Als Han Kang ein winziges Häuschen erwirbt, wird sie zugleich stolze Besitzerin eines noch winzigeren Gärtchens, das aber leider auf der Nordseite liegt.
Der „Miss Kim“-Flieder, der Fächer-Ahorn, die Schneeballhortensie, die Funkien, die sie dort pflanzt, werden kaum mit Sonne versorgt – also stellt sie Spiegel auf, die das Sonnenlicht auf die Pflanzen umlenken sollen. Alle 15 Minuten muss sie deren Winkel verändern, damit der gewünschte Effekt eintritt.
Wie diese Arbeit sind auch ihre Notizen und Tagebucheinträge von einer geradezu zenartigen Ruhe und Einfachheit, mal wirken sie schier belanglos, mal schillernd wie diese Zeilen:
„Es gibt diesen durchscheinenden hellgrünen Schimmer, der entsteht, wenn die Sonne durch Blätter fällt. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, überkommt mich eine urtümliche Freude, die mir eingebrannt zu sein scheint in die Gene des Menschen, der seit jeher von Pflanzen umgeben lebt. Von dieser Freude gefangen unterbreche ich das Schreiben und gehe jede Viertelstunde in den Hof hinaus, um die Spiegel neu auszurichten, bis kein Licht mehr einzufangen ist.“
Aus "Der goldene Faden"
Hier, in diesem letzten Teil des Bandes, stehen ebenfalls zentrale Fragen im Zentrum – jene nach unserem Platz in der Welt und der Natur. Mithin jene nach der Liebe, die Han Kang, wie wir gesehen haben, seit Kindestagen umtreibt. Fundamentale, gar intellektuelle Einsichten liefert „Der goldene Faden“ kaum; aber dafür hat dieser Band etwas behutsam Aufmerksames – als würde die Sprache wie die Sonne in ihrem Garten über Spiegel umgeleitet und ganz gezielt auf das Wesentliche gerichtet werden.