Guy Stern: „Wir sind nur noch wenige“

Im Dienst der Erinnerung

06:37 Minuten
Cover der Autobiografie "Wir sind nur noch wenige" von Guy Stern. Das Cover zeigt ein sepiafarbenes historisches Foto einer gut gelaunt wirkenden Gruppe junger Männer. Daauf stehen in weißer Schrift Autor und Titel.
© Aufbau Verlag

Guy Stern

Aus dem Amerikanischen von Susanna Piontek

Wir sind nur noch wenige. Erinnerungen eines hundertjährigen Ritchie BoysAufbau Verlag, Berlin 2022

304 Seiten

23 Euro

Von Marko Martin · 27.01.2022
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Guy Stern floh vor dem Holocaust in die USA, verhörte in der Normandie deutsche Kriegsgefangene und prägte nach Kriegsende die amerikanische Germanistik. Zu seinem 100. Geburtstag erscheinen nun Sterns eindringliche Memoiren auf Deutsch.
Es sind existenzielle Erfahrungen, von denen der amerikanische Germanist Guy Stern in seiner soeben in deutscher Übersetzung erschienenen Autobiografie „Wir sind nur noch wenige“ erzählt. Wäre es nach dem Willen der Nazis gegangen, wäre er, der vor knapp zwei Wochen in guter Gesundheit seinen hundertsten Geburtstag feiern konnte, längst nicht mehr am Leben: Eltern, Großeltern und Geschwister wurden im Holocaust ermordet; nach Kriegsbeginn gab es eine letzte Nachricht aus Warschau, danach verlieren sich die Spuren.
Zu dieser Zeit befand sich der am 14. Januar 1922 in Hildesheim als Günther Stern Geborene bereits in den sicheren Vereinigten Staaten. 1937 war er mit fünfzehn Jahren mit einem Visum in die USA gekommen, aufgenommen von seinem Onkel und der Tante in St. Louis. Jahrzehnte später, und inzwischen bereits ein renommierter Germanist namens Guy Stern, entdeckte er, wem er diese Rettung auch verdankte: einem amerikanischen Konsul in Hamburg, der – anders als viele seiner damaligen Kollegen – zum Glück kein Antisemit und rechtskonservativer Roosevelt-Hasser gewesen war.

Eine deutsch-amerikanische Ausnahmebiografie

Es sind Erfahrungen wie diese, die den Überlebenden geprägt haben als einen ebenso illusionslosen wie gleichzeitig bescheiden-sympathischen Intellektuellen, der trotz seines Jahrzehnte währenden Wirkens an renommierten amerikanischen Universitäten wohltuend darauf verzichtet, allgemeine Altersweisheiten zu verbreiten.
Wichtig nämlich ist das Konkrete, und so sind ihm Anekdoten keineswegs Selbstzweck, sondern erhellen stattdessen eine Ausnahmebiografie – und dies durchaus auch zum Vergnügen des Lesers. Da ist etwa jene menschenfreundliche Gewitztheit, die ihm nach der Ankunft in den Vereinigten Staaten als beinahe mittelloser Cafékellner ebenso half wie kurz darauf als Redakteur einer Schülerzeitung, der bei einer Lesung Thomas Manns mit konzisen Fragen nach den Chancen für einen hiesigen Sozialstaat für ein paar Momente sogar die herandrängenden amerikanischen Reporter aussticht.
„In diesem Moment habe ich noch nicht ahnen können, dass ich Jahrzehnte später mit dem Lieblingsenkel von Thomas Mann, dem damals noch nicht geborenen Frido, in Verbindung stehen würde“, erinnert Stern sich.

Zur Geheimausbildung in „Camp Ritchie“     

Der Buchtitel „Wir sind nur noch wenige“ bezieht sich indessen auch auf seine ehemaligen Mitstreiter im Militär. Zuerst noch als Freiwilliger von der Armee ob seines deutschen Akzents abgelehnt, wurde er nämlich 1942 zu einem jener „Ritchie Boys“, die im US-Camp Ritchie in Maryland eine Geheimausbildung für psychologische Kriegsführung und Gefangenenbefragung erhielten.
Darunter waren auch bereits prominente Autoren: Klaus Mann, Hans Habe, Stefan Heym. Letzteren lernte der junge Stern sogar kennen. Seine eigenen Schilderungen von der dramatischen, nun erneut lebensbedrohlichen Landung 1944 in der Normandie sind dann ebenfalls von einer Intensität, die sich mit vergleichbaren Szenen etwa in Heyms Autobiografie „Nachruf“ messen kann.

Eindringlicher Erzähler

Was er danach bei der Befragung hochrangiger nazideutscher Gefangener erfährt – und späterhin recherchiert über deren skandalöse Freisprüche in der Bundesrepublik , wie er in einem der etwas leichteren Momente mit der couragierten Marlene Dietrich im Jeep unterwegs ist, für seine Armeeverdienste mit dem legendären Bronze Star ausgezeichnet wird, und schließlich 2017 sogar Aufnahme in die französische Ehrenlegion findet: Guy Stern erzählt von all dem eindringlich, ohne je ins Schwadronieren zu geraten.
Nach dem Krieg wird es ihm dann zur Verpflichtung, Zeugnis zu geben und die literarischen Zeugen dieser Zeit dem Vergessen zu entreißen. Gerade deshalb hat Guy Stern noch über seine Emeritierung hinaus nie aufgehört, Exilforschung in der amerikanischen Germanistik zu verankern und mit unzähligen Aufsätzen und Essays an die Bücher der einst vertriebenen Schriftsteller zu erinnern.
Ein Buch, das gerade heute aktuell ist, zu einer Zeit, in der nur noch wenige dieser Zeugen des 20. Jahrhunderts am Leben sind.

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