Grenzüberschreitung als Erfahrung

Wie der Alltag den Nationalismus entlarvt

Puzzle mit Flaggen von EU-Ländern
Puzzle mit Flaggen von EU-Ländern © imago/blickwinkel
Von Marko Martin · 09.05.2017
Millionen Bürger Europas leben längst grenzüberschreitend: Mit ihrem Alltag enttarnen sie die Litanei der Nationalisten und die Lügen des Populismus, meint Marko Martin. Der Schriftsteller ruft dazu auf, deren Erfahrungen als Chance zu begreifen.
Trotz der üblichen vagen Katastrophen-Ängste: Deutschland scheint wieder bester Laune zu sein. Die stagnierenden Umfragewerte der AfD werden mit geradezu glucksendem Frohsinn kommentiert, die Angriffe mutmaßlich russischer Hacker auf den Bundestag und auf die Ebert- und Adenauer-Stiftung in der Öffentlichkeit kaum diskutiert, der Brexit achselzuckend hingenommen. Dafür beklagt man die Entwicklungen in den zunehmend autoritär regierten EU-Mitgliedsstaaten Polen und Ungarn fast nur von moralischer Warte; das gleiche gilt für unseren ungläubig-erstaunten Blick auf die Türkei.
Gerade deshalb wäre es an der Zeit, weiter zu denken und noch schlimmere Möglichkeiten zu antizipieren, um besser gewappnet zu sein.

Quer über den Kontinent entsteht Gegenwehr

Denn je desolater die Wirtschaftslage im heruntergekommenen Russland, umso größer die Versuchung, erneut mit militärischen Aktionen patriotische Ablenkungs-Drogen zu verabreichen. Auch Erdogan wäre nicht er selbst, würde er in naher Zukunft nicht ähnlich reagieren, ist seinem familiär-autoritär organisierten "anatolischen Wirtschaftswunder" doch schon jetzt das Scheitern eingeschrieben. Und wer könnte garantieren, dass in kommenden Krisenzeiten die auf Protektionismus setzenden Herren Orbán und Kaczynski nicht nur ihre Anti-EU-Rhetorik verstärken, sondern auch Heil in wiedererweckten Territorial-Ansprüchen suchen?
Demonstranten schwenken ungarische und europäische Fahnen.
Tausende Ungarn sind auch am 1. Mai wieder auf die Straßen gegangen. © AFP
Es scheint nicht, als ob Europa solche Szenarien auf dem Schirm hätte. Zumindest nicht Europas Institutionen. Die Gegenwehr entsteht vielmehr im Alltag und quer über den Kontinent. Millionen Menschen wissen nicht nur um die destruktive Kraft des Nationalismus. Sie erleben auch die Möglichkeiten und Vorteile der europäischen Niederlassungsfreiheit, die rechte und linke Globalisierungsfeinde so hysterisch als Trojanisches Pferd schmähen. Doch weder in den bürokratischen Reden der EU-Politiker noch in den Medien scheinen diese Menschen vorzukommen.

Keine "digital natives", sondern Arbeiter

Dabei sind es gerade deren grenzübergreifende Erfahrungen, die bestens immunisieren gegen den in ihren Herkunftsländern herumschwappenden Populismus. Denn würde man im Ausland arbeiten müssen, wäre die einheimische Regierung effizient und transparent, die Wirtschaft frei und prosperierend?
Auch die Bukarester Demonstranten, die Anfang des Jahres zu Hunderttausenden auf die Straße gegangen waren, um gegen ihre korrupte postkommunistische Regierung zu protestieren, hatten Auslandserfahrung. Und nein, sie waren nicht unbedingt Teil jener medial gehypten "digital natives". Stattdessen hatten sie erfolgreich als Arbeiter, Saisonkräfte oder Krankenschwestern in EU-Europa malocht und waren nach Hause gekommen mit produktiver Wut - wohlgemerkt nicht auf das Phantom eines Brüsseler "Monsters", sondern auf die einheimischen Machthaber.
Regierungsgegner protestieren (12.03.17) in Bukarest (Rumänien) gegen die Regierung.
Regierungsgegner protestieren in Bukarest.© dpa picture alliance / AP / Vadim Ghirda

Die nationalistische Litanei widerlegt

Bei den Anti-Kaczynski-Protesten in den polnischen Städten die gleiche Klientel: Die geerdeten, alltagserfahrenen Internationalisten von heute. Oder höre man jenen gewitzten jungen Türken zu, die mit ein wenig Startkapital nach Athen kommen: Biete Jobs in neueröffneten Cafés, suche politische Freiheit. Und siehe auch da: Die von türkischen und griechischen Ultranationalisten verbreitete Litanei von der quasi ewigen "Erbfeindschaft" zerpulvert Dank solch friedlicher Aktivitäten zu nichts. Und in Deutschland? Da haben unzählige Kurden und Aleviten nicht nur bei Erdogans Referendum mit Nein gestimmt. Gerade dessen Willkürpolitik hat sie zusätzlich motiviert, unser Land als sicheren Rechtsstaat wertzuschätzen.
All das mögen vorläufig nur Signale sein, aber sie erzählen von Menschenrechten und der realen Möglichkeit eines friedlichen, besseren Lebens. Wir sollten die ermutigende Existenz dieser Aufgeklärten endlich wahrnehmen und davon erzählen, wieder und wieder. Denn wo immer es die Erfahrung solch erfolgreichen gemeinsamen Lebens gibt, hat nationalistisches Ressentiment schwache Karten. Nutzen wir diese Chance. Wann, wenn nicht jetzt?

Marko Martin lebt als Schriftsteller und Publizist in Berlin. Letztes Jahr war er Stadtschreiber der Europäischen Kulturhauptstadt Breslau/Wroclaw. Jüngste Buchveröffentlichung: "Umsteigen in Babylon. Erzählungen", zahlreiche Beiträge für Deutschlandfunk Kultur.

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