Seit 05:05 Uhr Studio 9

Freitag, 07.08.2020
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Zeitfragen | Beitrag vom 21.07.2020

Globaler SüdenReich an Schätzen, trotzdem arm

Von Caspar Dohmen

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein Junge pflückt mit einem grossem Messer eine Frucht auf einer Kakaoplantage an der Elfenbeinküste. (laif /Daniel Rosenthal)
Dass es Kinderarbeit auf Kakaoplantagen gibt, liegt auch daran, dass der Kakaopreis in den letzten 40 Jahren um 40 Prozent gesunken ist. (laif /Daniel Rosenthal)

Kakao, Kaffee, Gold, Mineralien: Die Länder des globalen Südens sind die Schatzkammer der Welt - und bleiben doch ihr Armenhaus. Welche Strukturen sind dafür verantwortlich? Und wie könnten die ärmsten Länder endlich wirtschaftlich Anschluss finden?

Unterwegs in der westafrikanischen Elfenbeinküste. Das "wilde Afrika" des Bilderbuchs: Savannen und Graslandschaften, vereinzelte Urwaldriesen, die von dem einst großflächigen Regenwald hier zeugen. Von der Provinzstadt Divo geht es über eine Schlaglochpiste ins Landesinnere. Links und rechts Ölpalmen, Gummibäume, Bananenstauden und Kakaobäume. Nutzpflanzen, die seit der Kolonialzeit angebaut werden. Cash Crops, "Geldpflanzen" für den Export. 

Ankunft in Kofesso Bioula Bougon. Ein armes Dorf. Menschen wohnen in Lehmhäusern, kochen auf Feuerstellen und schöpfen Wasser aus dem Brunnen. Unter zwei ausgeblichenen Planen versammeln sich rund 200 Frauen, Männer und Kinder. Sie feiern den Rohbau einer Krankenstation und reden über die wirtschaftliche Lage.

Viele klagen über den niedrigen Kakaopreis. Aber wer hat die Macht, höhere Kakaopreise durchzusetzen? Der Bauer Tayama Bekoua, eine mächtige Erscheinung in Kaftan, erhebt sich und ergreift das Mikrofon:

"Die Regierung muss die Preise erhöhen. Ein europäischer Autohersteller käme doch auch nicht darauf, die Autos unter seinen Kosten zu verkaufen, so wie sie das hier häufig beim Kakao machen. Die Regierung könnte die Import- und Exportbedingungen festlegen. Wir sind doch diejenigen, die den Kakao anpflanzen und sollten deswegen auch diejenigen sein, die die Preise festsetzen."

Dorfversammlung mit Männern, die bunte afrikanische Kleidung tragen. (Caspar Dohmen)Tayama Bekoua (1. Reihe, 2. von links) fordert auf der Dorfversammlung höhere Preise für Kakao. (Caspar Dohmen)

Aber die Sache ist kompliziert.

Sicher - die Elfenbeinküste ist seit 1960 ein unabhängiger Staat, genauso wie all die anderen Kolonien in Asien und Afrika, aus denen die Kolonialmächte Frankreich, England, Portugal, Deutschland und Japan ab der Mitte des 20. Jahrhunderts nach und nach abzogen. In Lateinamerika hatten Spanier und Portugiesen bereits vorher den Rückzug angetreten.

Die Länder des globalen Südens verkaufen ihre Rohstoffe also prinzipiell in eigener Regie auf den Weltmärkten. Einige sehr erfolgreich, weil sie tatsächlich den Preis beeinflussen. Allen voran die erdölproduzierenden Staaten wie Saudi-Arabien, Kuwait, Nigeria oder Venezuela. Sie gründeten 1960 das OPEC-Kartell und sprechen fortan Mengen ab und beeinflussen damit den Ölpreis – bis heute.

"Die Staaten des OPEC-Kartells und ihre Partner haben sich darauf geeinigt, im Mai und Juni pro Tag fast 10 Millionen Barrel weniger zu produzieren", berichtete etwa die "Tagesschau" im Frühjahr. "Die Vereinbarung soll dem Preisrutsch entgegenwirken, den die sinkende Nachfrage in der Coronakrise ausgelöst hat."

Andere Länder profitierten von Phasen hoher Rohstoffpreise – etwa Lateinamerika in den 2000er-Jahren. Mit den Einnahmen finanzieren damals viele linke Regierungen ihre Armutsbekämpfungsprogramme.

Immer noch herrschen in der Wirtschaft koloniale Strukturen

Aber, und es ist ein großes aber: Vielerorts holen Arbeiter mit viel Schweiß wertvolle Rohstoffe aus dem Boden, pflanzen Bauern mühselig hochwertige Agrarrohstoffe an und trotzdem bleiben sie arm. Warum?

Bis heute findet ein Großteil der Wertschöpfung in der Produktion in den Industrieländern statt und es haben sich koloniale Strukturen erhalten. Von einer "imperialen Lebensweise" sprechen die Ökonomen Markus Wissen und Ulrich Brand in ihrem gleichnamigen Buch. Markus Wissen lehrt an der Berliner Hochschule für Recht und Wirtschaft und beschäftigt sich vor allem mit Fragen der Transformation:

"Eine imperiale Lebensweise ist eine Lebensweise, die auf Voraussetzungen beruht, die ganz stark mit Externalisierung zusammenhängen. Mit imperialer Lebensweise bezeichnen wir Konsum- und Produktionsmuster, die auf dem überproportionalen Zugriff auf Natur und Arbeitskraft im globalen Maßstab beruhen. Die imperiale Lebensweise hat sich vor allen Dingen in den entwickelten Gesellschaften des Nordens herausgebildet, in den entwickelten kapitalistischen Gesellschaften."

Billige Rohstoffe waren und sind von zentraler Bedeutung für die kapitalistische Entwicklung. Das arbeitete schon Karl Marx überzeugend heraus. Wichtig sei der damit verbundene Transfer von Werten aus der Peripherie in die kapitalistischen Zentren. Zudem bildeten die fallenden Rohstoffpreise eine wichtige "Gegentendenz" – gegen den tendenziellen Verfall der Profirate.

Ohne billige Rohstoffe wäre vielleicht die industrielle Revolution in Europa ausgefallen. Denn erst durch die Ausbeutung der Kolonien entstand zu einem großen Teil das Kapital, das die frühen Kapitalisten dann in die neu entstehenden Fabriken und Maschinen investierten, zunächst in England.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Die Menschen im globalen Süden zahlten dafür einen hohen Blutzoll. Allein bei der Plünderung Lateinamerikas durch Spanier und Portugiesen verloren 70 Millionen Ureinwohner ihr Leben – mehr Tote als im Zweiten Weltkrieg. Und während der britischen Kolonialherrschaft verhungerten in Indien 30 Millionen Menschen.

Durch das Agieren der Imperialstaaten verschlechterte sich vielerorts der Lebensstandard.

Das gilt bis heute: Viele Länder des globalen Südens stecken noch in dem alten kolonialistische Grundmuster fest. 

"Die große Masse der Entwicklungsländer ist leider aus diesem Rohstoffstadium nicht richtig herausgekommen. Sie haben sich nicht so entwickelt, außer einigen asiatischen Ländern, die wir alle kennen: Japan, Korea und China – aber in Afrika, in Lateinamerika sind viele Entwicklungsländer leider immer noch extrem abhängig von den Rohstoffen", sagt Heiner Flassbeck, früher Chefvolkswirt der UN-Organisation für Wirtschaft und Entwicklung. "Das liegt daran, dass wir ein Handelssystem haben, was für die Entwicklungsländer leider überhaupt nicht geeignet ist. Denn diese ganze Idee, man macht einfach Freihandel und dann hat man noch freien Kapitalverkehr und flottierende Wechselkurse, also am Markt bestimmte Wechselkurse zwischen den Währungen, ist fundamental in die Hose gegangen, für die Entwicklungsländer ganz besonders."

Lehrreich ist das Beispiel des Kakao. Sein Preis ist – inflationsbereinigt – seit Anfang der 1980er-Jahre um 40 Prozent gesunken. Vielerorts schuften deswegen sogar Kinder.

Arbeiter mit Mundschutz stehen vor Paletten und einem mit Kakaosäcken gefüllten Schiffscontainer. (Caspar Dohmen)Im Hafen von Abidjan werden die Kakaosäcke verschifft. (Caspar Dohmen)

Bitter-süßlicher Geruch im Lager in der Hafenstadt Abidjan. Kakaobohnen fallen aus metallenen Trichtern in Jutesäcke.

Arbeiter nähen die prall gefüllten Säcke zu und verladen sie in Container von Großreedereien: Maersk oder Hapag-Lloyd. Ziele sind Häfen in Europa, den USA und Japan. Dort wird die meiste Schokolade produziert und gegessen oder getrunken – seit nunmehr 200 Jahren.

"Ursprünglich stammt die Pflanze aus Südamerika und hatte damals auch einen sehr hohen Preis. Als die Spanier in Südamerika ankamen, da gab es Preise, wie viele Kakaobohnen man für ein Huhn oder auch für einen Sklaven zahlen muss. Die Spanier haben dann begriffen, dass das irgendetwas sehr Wertvolles ist", sagt Kakao-Experte Friedel Hütz-Adams von der NGO Südwind.

"Erst schmeckte ihnen das auch nicht, wie man das da genossen hat. Aber dann haben sie den Kakao mit Zucker vermischt und nach Europa gebracht und zu einem Modegetränk gemacht."

Vom Getränk für Könige zum Massenprodukt

Europapremiere hat das Getränk 1544 - am spanischen Hof.

Zuvor kannten nur die Menschen in den Gesellschaften Lateinamerikas Kakao. Die Olmeken, Mayas oder Azteken. Sie rührten den Kakao mit kaltem Wasser an und gaben Gewürze bei.

1657 eröffnet in London das erste Schokoladencafé. Kakao ist ein Luxusgut.

1828 erfindet der Holländer Coenraad Johannes van Houten ein Verfahren, die beiden Hauptbestandteile der Kakaobohne – Kakaobutter und Kakao – zu trennen.

Und man findet einen Weg haltbare Schokolade herzustellen.

Chocolatiers kreieren immer neue Verabeitungen, denen man die Herkunft nicht mehr anhört: Salzburger Mozartkugeln. Schweizer Schokolade. Belgische Pralinen.

Ab Anfang des 20. Jahrhunderts ist Kakao ein Massenprodukt. Die industrielle Fertigung von Süßigkeiten aus Kakao beginnt.

"Dann ist die Nachfrage noch mal drastisch gestiegen und dann sind die Kolonialmächte nach Westafrika und die Niederländer nach Indonesien gegangen, um diese Pflanze, die ein bestimmtes tropisches Klima zum Wachsen braucht anzubauen", sagt Kakao-Experte Friedel Hütz-Adams. "Also Westafrika, wo heute vermutlich so mehr als 70 Prozent der Welternte herkommt, hatte traditionell überhaupt keine Kakaoproduktion und hat auch keinen lokalen Konsum, ganz im Gegensatz zu Mittel- und Südamerika."

Kakao wächst am besten in Kleinbauernbetrieben

In der Elfenbeinküste hatten seit dem 17. Jahrhundert die Kolonialherren aus Frankreich das Sagen. Ab dem 19. Jahrhundert setzten sie auf den Anbau von Kakao nach dem Vorbild von Zuckerplantagen in der Karibik oder Kautschukplantagen in Asien. Sie wollen Kakaobäume großflächig anbauen – eine schlechte Idee.

"Man hat aber schnell gemerkt, dass diese Pflanze so empfindlich und pflegebedürftig ist, dass das am besten in arbeitsintensiven Kleinbauernbetrieben funktioniert, und das ist die Struktur, die wir heute noch haben. Geschätzte fünfeinhalb Millionen Betriebe, die wahrscheinlich im Schnitt eher etwas unter als über drei Hektar bewirtschaften. Jeweils so 1300 Bäume auf einem Hektar, also Bauern und Bäuerinnen, die jeweils mehrere tausend Bäume betreuen, bewachen, ernten, pflegen müssen."

Es ist mühsam. So müssen sie bei der Ernte mit einem Stock auf die Schale der Kakaofrucht schlagen, damit sich die Samen innen lösen. Dann brechen sie die Früchte auf und pulen die 30 bis 40 weißen Samen heraus, die so groß sind wie dicke Kidneybohnen. Phasenweise lief es gut und die Erlöse waren so ordentlich, dass die Menschen es besangen. Friedel Hütz-Adams:

"Es gab in den 1950er-Jahren ein Lied, so grob übersetzt stand darin: Wenn du ein besseres Leben führen willst, es ist Kakao. Wenn du heiraten willst, es ist Kakao. Wenn deine Kinder zur Schule gehen wollen, es ist Kakao. Wenn du investieren willst, in einen Lkw, es ist Kakao, mit dem du dein Geld machst."

Kakaobauern verdienen weniger als 1 Dollar pro Tag

Heute macht hier keiner der Kakaobauern mehr Geld. In den beiden größten Produzentenländern – Ghana und der Elfenbeinküste – verdienen sie im Schnitt weniger als einen US-Dollar am Tag. Das liegt deutlich unter der Grenze für absolute Armut von 1,90 US-Dollar, die zudem knapp kalkuliert ist.

Die Kolonialmächte raubten nicht nur Gold und Silber und zwangen Menschen zum Anbau von Zucker und Kakao. Sie konstruierten auch Eisenbahnen, Häfen oder Städte, eröffneten neue Handelsmöglichkeiten und führten vielerorts ein modernes Geldwesen ein. Die Historiker Jan Jansen und Jürgen Osterhammel schreiben in ihrem Buch "Dekolonisation":

"Selbst wenn Kolonialismus, zumal in Asien, anfangs nur allmählich bestehende wirtschaftliche Strukturen infiltrierte, so bedeutete er in seiner kumulierten Wirkung am Ende der Kolonialepoche fast immer eine ökonomische Revolution. Nahezu keine Nationalbewegung verfolgte das Ziel, diese Revolution rückgängig zu machen. (…) Die unabhängigen Regierungen wollten an die Modernitätsgewinne der Kolonialzeit anknüpfen."

Verwitterte Schilder und ein mit Gepäck beladener Kleinbus auf einer staubigen Piste. (Caspar Dohmen)Unterwegs in der Kakaoanbau-Region (Caspar Dohmen)

Ganz wesentlich dafür war in den Augen der jungen Staaten eine Änderung der Welthandelsregeln, die der globale Norden bestimmte. Das Resultat waren ungünstige Preise bei Rohstoffen. Außerdem musste der globale Süden immer mehr Rohstoffe verkaufen, um die gleiche Menge Industriegüter aus dem globalen Norden kaufen zu können. Die realen Austauschverhältnisse – die sogenannten Terms of Trade – verschlechterten sich zu Ungunsten des Südens. Auf den Punkt brachte die Kritik der brasilianische Bischof Dom Hélder Câmara 1968:

"Wenn die Länder des Überflusses den Entwicklungsländern gerechte Preise für ihre Produkte zahlen würden, könnten sie die Unterstützung und ihre Hilfspläne für sich behalten."

Vier Jahre später pochen die Länder des globalen Südens –­ bei der 3. Welthandelskonferenz in Santiago de Chile 1972 – auf eine "Neue Weltwirtschaftsordnung". Markus Wissen:

"Man kann sagen, dass diese neue Weltwirtschaftsordnung vielleicht auf zwei Standbeinen beruhte. Das eine war eine Stabilisierung der Erlöse aus den Rohstoffexporten. Und zum anderen sollte eine nachholende industrielle Entwicklung des globalen Südens ermöglicht werden. Also dadurch, dass die Länder des globalen Südens, so wie der globale Norden das ja auch gemacht hatte, sich gegen die übermächtige Konkurrenz des globalen Nordens mit Industrieprodukten schützen konnten und gleichzeitig die Möglichkeit hatten, einen bevorzugten Zugang für bestimmte Industrieprodukte zu den Ländern des globalen Nordens zu bekommen. Das waren die Ideen."

Auch Deutschland half der Protektionismus

Wenn in Ländern eine Industrie aufgebaut werden soll, hat es entgegen aller Freihandelsideen durchaus Sinn, diese zunächst gegen Industrien aus anderen Ländern zu schützen. Diese protektionistische Strategie hatten auch Deutschland und die USA im 19. Jahrhundert verfolgt, um gegenüber dem damals übermächtigen England aufzuholen. Und so schlugen auch viele Regierungen nach der Unabhängigkeit ihrer Staaten ein diesen Weg ein – häufig gegen Widerstand von Großgrundbesitzern.

"Die Eliten des globalen Südens waren in dieser Sache vielleicht zwiegespalten", sagt Markus Wissen. "Es gab welche, die durchaus von einer eigenständigen Industrialisierung profitierten, aber es gab auch andere, die dem entgegenstanden, weil damit vielleicht auch eben die Exportchancen von Agrarprodukten in die Länder des globalen Nordens gesenkt wurden."

Eine Industrialisierung in großem Stil fand nur in wenigen Ländern statt – in Indien, Südkorea, Taiwan und später China. Das lag auch an der Vorarbeit der Kolonialherren.

Die Briten hinterließen beispielsweise in Indien einen ausbaubaren industriellen Sektor, einschließlich Schwerindustrie. Andere asiatische Länder profitierten von der Hinterlassenschaft der japanischen Imperialmacht.

Japan hatte die Bevölkerung in seinen asiatischen Kolonien äußerst repressiv behandelt, aber – so die Historiker Jan Jansen und Jürgen Osterhammel – "planmäßig eine industrielle Kolonialwirtschaft aufgebaut". In Korea und der Mandschurei für Kohle, Eisen und Stahl, auf Taiwan für Zucker und in Shanghai und Nordchina für die Baumwollverarbeitung.

Im freien Wettbewerb ist der globale Süden chancenlos

Hätten die asiatischen Tigerstaaten und später China ohne diesen Schutz gegenüber Europa und Nordamerika wirtschaftlich aufschließen können?

"Das ist absolut nicht der Fall", meint Mikko Huotari vom Mercator-Institut für Chinastudien. "Das ist wirklich im Herzen des Entwicklungsmodells, dass hier Grenzen geschlossen werden. Dass bestimmte Produkte gefördert werden, dass eben auch in diesem geschlossenen System - abgeschnitten von internationalem Wettbewerb – dann diese neuen Unternehmen florieren können."

Heute sind ein Großteil der Autos, Schiffe oder Smartphones und vieler anderer Waren "Made in Asia". Aber in den meisten Ländern des globalen Südens blieb die Industrialisierung aus und daran wird sich unter den gegebenen Umständen wenig ändern. 

"Da, wo ein Entwicklungsland völlig frei dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt ist, hat es in der Regel keine Chance, eine starke Lücke zu finden, wo es hineinstoßen kann, wo es selbst industriell produzieren kann", sagt der Ökonom Heiner Flassbeck. "Und industriell zu produzieren, ist die entscheidende Voraussetzung dafür, dass ich nicht an diesen Rohstoffzyklen, an den Preiszyklen und jetzt an der internationalen Spekulation hänge."

Die Idee einer Neuen Weltwirtschaftsordnung war schnell vom Tisch. Das lag auch am Reichtum der kleinen Zahl der Länder, die durch die Gründung der OPEC mit ihren Rohstoffen zu immensem Reichtum gekommen waren.

Die Petrodollars der Ölscheichs landeten in den 1960er-Jahren über westliche Banken häufig als Kredite bei den Entwicklungsländern. Sie finanzierten damit ihre wirtschaftliche Entwicklung, etwa den Aufbau eigener Industrien, um Importe zu ersetzen.

Die Kredite waren variabel verzinst. Als Maßstab dienten die US-Zinsen.

Strukturanpassungsprogramme verschärften das Problem

Mitte der 1970er hob die US-Notenbank zur Inflationsbekämpfung daheim die Zinsen auf bis zu 21 Prozent an – darauf explodierten die Staatsschulden im globalen Süden.

IWF und Weltbank traten auf den Plan und gewährten überschuldeten Staaten Hilfskredite, aber nur gegen Umsetzung neoliberaler Strukturanpassungen.

Die Länder mussten Märkte öffnen, öffentliche Ausgaben kürzen und Staatsunternehmen verkaufen. Die Geldgeber machten Kredite davon abhängig, dass die Regierungen ihre Volkswirtschaften auf den Export ausrichten. So sollten sie mehr Devisen einnehmen für ihren Schuldendienst. Rohstoffe spielten dabei eine zentrale Rolle.

In der Folge sind fast alle Länder des globalen Südens bis heute vom Rohstoffexport abhängig und damit den für Rohstoffe typischen Preiszyklen ausgesetzt.

Ein großer Fortschritt wäre es, wenn die Länder die Agrarrohstoffe selbst weiterverarbeiteten. Das würde wirkliche Entwicklung und einen fairen Anteil an der Wertschöpfung möglich machen, so wie zum Beispiel bei einer Kaffeekooperative in Kolumbien.

Panorama einer bergigen Landschaft in Kolumbien. (Caspar Dohmen)Die kolumbianischen Kaffeebauern im Valle de Cauca sind auf faire Handelsbedingungen angewiesen. (Caspar Dohmen)

Von der Hauptstadt Bogota sind es neun Stunden mit dem Bus in das südwestlich gelegene Valle de Cauca. Im Tal wachsen Mais, Zuckerrohr, Weizen und Kartoffeln. An den Hängen Kaffee. Auf einem Bergkamm wohnt die Familie Garcia in einem kleinen Paradies. Ihr Haus hat mehrere Zimmer um einen blumenberankten Innenhof. Sie besitzen ein Auto, ein Motorrad und Computer – ihre drei Kinder sind zur Schule gegangen und haben Ausbildungen gemacht.

Wilmar Garcia nimmt den Besucher mit auf seine Felder. Vögel und Bienen fliegen zwischen den Sträuchern umher und der Kleinbauer erzählt von der Bedeutung des fairen Handels für seinen kleinen wirtschaftlichen Aufstieg:

"Ohne fairen Handel ist es schwer. Mit fairem Handel werden Sie immer besser. Das ist äußerst wichtig für uns."

Der Kaffee wird vor Ort geröstet

Das Ehepaar bildet mit 2200 anderen Bauernfamilien im Tal die Kooperative Cafenorte. Sie verkauft einen gehörigen Teil ihrer Ernte über den fairen Handel. Weil genug Konsumenten im Norden bereit und in der Lage sind, einen fairen Preis für Kaffee zu zahlen, sind die Bauern hier weniger den Preisschwankungen der Börsen ausgesetzt. So konnten sie investieren – in eine Kaffeeröstung für den heimischen Markt.

In einem Raum in der Zentrale der Kooperative in Cartago sortieren zwei Arbeiter sorgfältig mit den Händen schlechte Kaffeebohnen aus. Zur Steigerung der Qualität gibt es nebenan ein Kaffeelabor.

Es sei das erste in Kolumbien und das dritte Kaffeelabor in Südamerika gewesen, sagt der Chefverkoster der Kooperative.

Die Genossenschaft hat drei Cafés eröffnet, eines im Erdgeschoss der Zentrale, aber auch eines in der Millionenstadt Cali. Künftig wollen sie in allen größeren Städten des Landes eines betreiben. Die Genossenschaft ist also neben der Landwirtschaft auch in der industriellen Weiterverarbeitung und dem Dienstleistungsgeschäft aktiv. So sieht Entwicklung aus. Vom fairem Kaffee profitieren aber nur wenige Kleinbauern – von einem internationalen Kaffeeabkommen würden alle profitieren. Und tatsächlich gab es so etwas ja bereits.

In der Hochzeit des Kalten Krieges beschließen 44 Produktions- und 18 Verarbeitungsländer 1962 das internationale Kaffeeabkommen mit Exportquoten. Es gibt Verstöße – aber die Preisuntergrenze wird selten unterschritten. 

"Wenn man sich das Kaffeeabkommen anschaut, dann war der Kaffeepreis vor der Abschaffung des Kaffeeabkommens über mehrere Jahrzehnte gerechnet ungefähr doppelt so hoch, wie er seit der Abschaffung ist", sagt Friedel Hütz-Adams.

Die Bauern leiden unter dem "freien Kaffeehandel"

1989 - der Kalte Krieg ist vorbei. Die US-Regierung setzt nun auf den "freien Kaffeehandel". Nach dem Ende des Abkommens bricht der Kaffeepreis drastisch ein – mit katastrophalen Folgen für die weltweit 25 Millionen Kaffeebauern.

Ihre Erlöse liegen unter ihren Kosten, sie zahlen drauf. Bis heute geschieht das den Kleinbauern, die Kaffee, Kakao oder Baumwolle für den Export anbauen, immer wieder, wenn der Preiszyklus ihrer Cash Crop seinen Tiefpunkt erreicht.

Um dem Teufelskreis aus Überproduktion, abstürzenden Preisen und der Verarmung von Teilen der Bevölkerung zu durchbrechen, setzen die Regierungen der früheren Kolonien oft auch auf nationale Programme zur Stabilisierung von Rohstoffpreisen.

Wie schwierig staatliche Eingriffe in den Agrarmarkt sind, wissen wir aus Europa mit unseren Milchseen und Butterbergen, die bis Mitte der 2000er-Jahre an der Tagesordnung waren.

Zwischen Häusern in einem afrikanischen Dorf ist eine Wäscheleine gespannt, über der bunte Kleidung und Tücher hängen.  (Caspar Dohmen)Oft sind es eher korrupte Behörden, die von den Kakaoprogrammen profitieren, als die Kleinbauern. (Caspar Dohmen)

In Westafrika kommen Korruption und Ineffizienz hinzu - bisweilen profitierten Bürokraten mehr von den Kakaoprogrammen als die Kleinbauern:

"Beim Kakao war es so, dass mehrere Länder riesengroße Behörden geschaffen haben, mit Unmengen an Personal, die den Kakao handelten und dadurch den Bäuerinnen und Bauern viel Geld sozusagen abgenommen wurde, was eigentlich ihnen zustand", sagt Friedel Hütz-Adams.

Ein häufiges Muster. Silvie Lang, Expertin für Agrarrohstoffe bei der Schweizer NGO Public Eye, sagt: 

"Es ist ja nicht so, dass die Produktionsländer gar nie in dem Sinne etwas davon haben. Es gibt ja auch Preishaussen, wo man doch zwischendurch etwas verdienen konnte, wenn man diese Produkte angebaut hat. Es ist einfach dann jeweils nur kurzfristig oder kurzzeitig und die Frage stellt sich, wer daran verdient im globalen Süden und wer nicht."

Der Trend geht zu Lasten der Produzenten

Vom Feld bis zum Endverbraucher ist es ein weiter Weg für Agrarprodukte. Die Wertschöpfung verteilt sich auf verschiedene Akteure, die Agrarrohstoffe anbauen, verarbeiten oder handeln. Die Verteilung ist höchst unterschiedlich.

"Es kommt ganz auf die Produktionsstruktur an. Es ist ja nicht bei allen Agrarrohstoffen gleich, wie es funktioniert. Also gerade bei Kaffee oder Kakao beispielsweise, das wird immer noch mehrheitlich in kleinbäuerlicher Struktur angebaut. Es ist wenig mechanisiert. In anderen Rohstoffen wie beispielsweise Soja oder größtenteils auch Zuckerrohr mittlerweile ist sehr viel mechanisiert. Es ist sehr viel großflächiger angebaut."

Generell gibt es einen Trend zulasten der – großen und kleinen – Produzenten der Agrarrohstoffe und zu Gunsten des Handels. 2019 kam die NGO Oxfam zu dem Schluss, dass der Anteil der Produzierenden am Endverbraucherpreis seit 1995 um rund 13 Prozent gesunken ist – vor allem zu Gunsten der Supermärkte.

"Das heißt, je mächtiger die Akteure wie Agrarhändler oder eben Retailer, desto mehr Gewinnverteilung, kann man davon ausgehen, und je schwächer gestellt, also sprich die Produzierenden oder die Landarbeiterinnen, desto weniger Gewinn oder Profit", sagt Silvie Lang.

Für die Zollfreiheit zahlen die Länder einen hohen Preis

Seit 1995 ist die Welthandelsorganisation das zentrale Forum für Reformen des Welthandels. Jedes Land hat eine Stimme. Aber Fortschritte auf der Weltebene gibt es wegen unterschiedlicher Interessen schon lange nicht mehr. Stattdessen schließen Länder oder Ländergruppen wieder bilaterale Handelsabkommen, wovon vor allem die mächtigeren Länder profitieren, bisweilen aber auch die des globalen Südens.

Denn die Elfenbeinküste und Ghana können seit 2016 nicht nur ihren Rohkakao, sondern – anders als früher – auch im Land verarbeitete Kakaoprodukte zollfrei in den europäischen Markt exportieren.

Ein Fortschritt. Aber dafür müssen die Länder innerhalb von 15 Jahren ihre Märkte für 80 Prozent der Waren aus der EU öffnen. Insgesamt habe sich zu wenig getan, sagt der Ökonom Markus Wissen:

"Wir leben nach wie vor in einer imperialistischen Weltordnung, imperialistisch würde ich hier in einem sehr allgemeinen Sinne begreifen. Imperialismus ist dann gegeben, wenn Gesellschaften über ihre territorialen Grenzen hinaus Herrschaft ausüben, das heißt, wenn sie die Entwicklungsdynamiken anderer Länder bestimmen. Das kann sehr unterschiedliche Formen annehmen. Das kann eine Form der direkten politischen Kontrolle annehmen, wie es zur Zeit des klassischen Imperialismus im 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhunderts der Fall war. Aber Imperialismus kann eben auch eine eher informelle Geschichte sein, eine politische Beeinflussung über bestimmte Regelwerke, wie sie etwa in der Welthandelsorganisation institutionalisiert sind: über eine wirtschaftliche Dominanz, über – wie Marx es formuliert hat – den stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse, über Marktprozesse."

Der Kampf gegen Kinderarmut funktioniert nur über Preise

Zurück in Abidjan – der Hafenstadt in der Elfenbeinküste und Sitz der International Cocoa Organization. Treffen mit Michel Arrion, der das den Vereinten Nationen zugeordnete Programm leitet.

"Ich bin ein bisschen traurig, dass so viele Menschen in Europa oder Amerika gegen Kinderarbeit und Entwaldung kämpfen, ohne auf die Preise zu schauen", sagt er. "Wenn wir das Preis- und damit das Armutsproblem lösen, dann werden die Menschen aufhören, Kinder zu beschäftigen oder Bäume abzuholzen und Nationalparks zu zerstören."

Nur wenn weniger Kakao produziert werde, würden die Preise steigen, was wiederum der Schlüssel zur Lösung der Armut und ihrer Folgeprobleme sei – allen voran die Kinderarbeit. Ginge es nach ihm, würden die Kakao-Anbauländer dem Beispiel der OPEC folgen und ein Kakao-Kartell gründen. Die Keimzelle ist da:

"Es gibt eine Kakao-Opec. Es ist die Gruppe der Produzentenländer in unserer Organisation. Sie sollten sich besser koordinieren und ihre Positionen besser abstimmen."

Tatsächlich haben sich Ghana und die Elfenbeinküste auf einen ersten Schritt geeinigt. In dieser Erntesaison – die im Oktober beginnt – sollen die internationalen Abnehmer einen Aufschlag von 400 Dollar je Tonne Kakao auf den Weltmarktpreis für die Bauern zahlen. Ein kräftiger Aufschlag, aber trotzdem nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt Kakao-Aktivist Friedel Hütz-Adams. "Alle wissen, dass dieser Preis bei weitem noch nicht ausreichen wird, um die Bäuerinnen und Bauern aus der schlimmsten Armut rauszuholen."

Eine Kakao-OPEC. Würde es funktionieren?

Nein, meint der Ökonom Heiner Flassbeck: "Der Weg muss immer noch sein, den Entwicklungsländern eine Chance zu geben, auf die industrielle Fertigung zu kommen, in die industrielle Fertigung hinein zu kommen, weil das der einzige Weg ist, wie man Produktivitätsfortschritte realisieren kann, wie man hohe Einkommen und Einkommenszuwächse erzielen kann für die Bevölkerung."

Mitwirkende 
Regie: Klaus Michael Klingsporn
Besetzung: Nadla Schulz Berlinghoff, Viktor Neumann
Technik: Hermann Leppich
Redaktion: Martin Hartwig
Mehr zum Thema

Gewinner und Verlierer des Freihandels - Piräus - auf der Drehscheibe der neuen Seidenstraße
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 23.07.2019)

Ehrgeizige Ziele im Kampf gegen Hunger und Armut
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 12.10.2013)

Neuer Protektionismus - Zwischen Provokation und Handelskrieg
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 25.01.2017)

Zeitfragen

Chemie der LiebeDas Geheimnis eines großen Gefühls
Ein Mann mit gelber Herzbrille umarmt einen anderen Mann von hinten und schmiegt sich an seinen Rücken, im Hintergrund sieht man noch mehr Menschen, alle tragen Plastikherzbrillen (Unsplash / Dimitar Belchev)

Weiche Knie, Herzrasen – Liebe spürt man körperlich. Dahinter stecken hormonelle Vorgänge, denen die Wissenschaft auf den Grund geht. Doch Liebe ist mehr: Kulturelle Kontexte und individuelle Erfahrungen prägen sie gleichermaßen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur