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Zeitfragen | Beitrag vom 31.10.2018

Gerüche in DDR und BRDDer Duft der Anderen

Von Isabel Fannrich-Lautenschläger

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Das Ost-Berliner Viertel Friedrichshain in den frühen 70ern. (Imago/Gerhard Leber)
Die DDR roch nach verbrannter Braunkohle, heißt es oft. Historiker gehen solchen Spuren jetzt nach. (Imago/Gerhard Leber)

Die DDR roch nach Braunkohle, die BRD nach Bohnerwachs - solche Klischees gibt es zuhauf. Aber liefert eine deutsch-deutsche Geruchsgeschichte vielleicht neue Perspektiven? Dafür beginnt sich die Geschichtsforschung zu interessieren.

"Republikflüchtlinge, sogenannte, haben ihre Motivation, aus der DDR wegzugehen beschrieben mit dem Geruch des Westens, mit dieser völlig anderen Welt, die ihnen zum ersten Mal hinüber waberte olfaktorisch über die Grenze im Plänterwald von der Bahlsenfabrik in West-Berlin."

DDR-Bürger, die der Geruch des Westens gelockt hat - für den Historiker Jan Plamper ist dies nur ein Beispiel dafür, dass die noch jungen Forschungen zur Sinnesgeschichte tatsächlich etwas Neues zutage fördern können über die deutsche Teilung.

"Grenzüberschreitende Gerüche"

Dem Geruch der DDR und der alten Bundesrepublik ist auch der Historiker Bodo Mrozek auf der Spur. So paradox das scheint, findet er ausgerechnet in Archiven Hinweise nicht nur auf Wohl- und Übelriechendes, sondern auch auf Konflikte aller Art.

Berliner Mauer mit Stacheldraht am Potsdamer Platz am 30. September 1961 (imago/Sabine Gudath)Schwer bewehrte Berliner Mauer mit Stacheldrahtzaun: Für Gerüche und Gestank jedoch kein Hindernis. (imago/Sabine Gudath)

Mrozek spricht "von Übelgerüchen, die durch Abdeckanlagen, durch Industrieanlagen entstanden sind. Ich habe sogar Dokumente darüber gefunden, dass es grenzüberschreitende Gerüche gibt, also Gestank – zu deutsch gesagt -, die politisch ausgetragen werden und auf die dann die Medienberichterstattung zu sprechen kommt, zum Beispiel wie im Westen die DDR als so eine Art toxisches Gebilde dargestellt wird, aus dem permanent giftige Gerüche herübergeweht kommen."

Geruchsgemeinschaft Ost und Geruchsgemeinschaft West

Die deutsche Teilung sieht der Geruchsforscher vom "Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam" als eine Art historisches Experiment. Die Deutschen bildeten – abgesehen von regionalen und sozialen Unterschieden – eine Geruchsgemeinschaft Ost und eine Geruchsgemeinschaft West. Und in beiden prägten sich bestimmte olfaktorische Vorlieben und Abneigungen aus.

"Dass sogar – und das würde mich am meisten interessieren – nicht nur die osmotischen Landschaften oder die Kunstdüfte, die Parfums oder die Kosmetikprodukte unterschiedlich besetzt waren, sondern dass vielleicht darüber, über die Jahre hinweg, sich unterschiedliche Sensibilitäten entwickelt haben. Etwa gibt es da das Beispiel, dass DDR-Bürger, die in den Westen gereist sind, mit heftigen Allergien reagiert haben auf die total überparfümierten Lebensmittel, die Duschgels, die Geruchsstoffe überall, die Waschmittel auch für Kleidung. Aber das wäre schon eine sehr starke Aussage darüber, wie tief die Teilung gewirkt hat."

Die historische Forschung entdeckt den Geruch

Die Geruchsgeschichte ist Teil der noch jungen sogenannten Sensory Studies. Erste Ansätze dazu gab es in Frankreich in den 70er-Jahren, erzählt Jan Plamper, Professor für Geschichte an der University of London. Damals schrieb der Historiker Alain Corbin über die Gerüche und Glockenklänge in Paris.

Seitdem lassen sich in weiteren Publikationen so bekannte Ereignisse wie die Geschichte des amerikanischen Bürgerkrieges anders lesen. Wie durch einen sinneshistorischen Filter werden die Klänge neuer Waffengattungen oder der Gestank verwesender Leichen scheinbar nachvollziehbar. Für Plamper steckt dahinter der Versuch, sich abzuwenden von der sogenannten Postmoderne und ihrer Vorstellung, dass alles in der Welt sprachlich konstruiert ist.

"Die Sinnesgeschichte, die arbeitet eigentlich auch mit einer Verheißung, ganz ähnlich wie die Emotionsgeschichte. Und die Verheißung ist, dass man mit der Beschreibung von Sinneswahrnehmungen von Menschen näher an die soziale Wirklichkeit ran kommt. Die soziale Wirklichkeit, die man lange im Zuge der Postmoderne, des Poststrukturalismus als durch Sprache und andere Zeichen vermittelt sah. Und die Verheißung, die wird natürlich nie eingelöst..."

...weil das Vorhaben paradox ist, stellt der Historiker fest. Zeigt doch gerade die Sinnesgeschichte, dass die Unterscheidung von fünf Sinnen menschengemacht und das Ergebnis historischer Prozesse ist. Weder im Mittelalter noch in vielen anderen Kulturen hat man die Sinne so unterteilt.

Die Geschichte der sinnlichen Eindrücke

Und auch die Sinne selbst werden kulturell unterschiedlich bewertet.

"Die Gretchenfrage ist, ob es so etwas gibt wie zeitlich unveränderbare, strukturelle Eigenschaften eines Sinnes. Ob zum Beispiel der Sehsinn immer distanzierter ist und distanzierender ist als der Geruchssinn. Ob der Geruchssinn körpernäher ist, ob er uns deshalb stärker überwältigt als andere Sinne. Ich wage die Prognose, dass es auf einen Kompromiss raus laufen wird: Sowohl als auch, innerhalb eines gewissen Rahmens gibt es viel Variabilität, viel Veränderung, zeitlich, kulturell."

Das Frankfurter Tor in Berlin-Friedrichshain in einer Aufnahme von 1970. Gut zu sehen: Die Stalinbauten. (Imago/Gerhard Leber)Das Frankfurter Tor in Berlin-Friedrichshain in den 70er Jahren. (Imago/Gerhard Leber)

Für die Geschichte der deutschen Teilung haben die Sinnesforscher noch keine Ergebnisse vorgelegt. Bodo Mrozek hofft, über die Gerüche historische Perioden anders einzuteilen. Dass beispielsweise die DDR infolge sowjetischer Liefer-Engpässe Ende der 70er-Jahre beim Heizen von Gas auf Braunkohle umstellte, war noch Jahre nach dem Mauerfall deutlich zu riechen.

"Dann wird da ganz viel sensorische Präferenz formuliert, und es wird nach wie vor auch noch der typische Außengeruch der Zweitakt-Gemische, der Braunkohleöfen thematisiert - etwa von Westseite. Und von Ostseite wird die Überparfümiertheit von Lebensmitteln, die überbordenden Auslagen von Geschäften, das wird auch thematisiert. Und daraus kann man schließen, dass eventuell die DDR im Wortsinne noch gar nicht verduftet ist, sondern auch noch über diese politische Zäsur alltagsweltlich und sensorisch weiterhin wahrnehmbar ist."

Wann verduftet die Duft-Differenz zwischen Ost und West?

Was die Gerüche angeht, war die DDR also auch nach 1990 präsent - obwohl der Staat nicht mehr existierte. Bodo Mrozek will auch der Frage nachgehen, wie die Erinnerungskultur mit Gerüchen umgeht...

"...wie es nachdem diese Differenz dann tatsächlich verduftet ist, und auch die Gerüche sich angeglichen haben, weil auch die Umweltvorschriften, die Warenpaletten sich komplett angeglichen haben, wie aber auch darüber hinaus dann die unterschiedlichen Teilstaaten und die Teilung als solche auch sensoriell noch memoriert wird. Also wie in der Erinnerung immer wieder sensorische Metaphern aufgerufen werden oder sogar Stoffe eingesetzt werden zur Erinnerung, indem etwa ostalgische Badusan-Packungen wieder verkauft werden mit dem Duschgel der DDR, indem bestimmte Produkte der DDR-Parfümerie wieder aufgelegt werden oder Leute beginnen, das zu sammeln."

Auch die Literatur entdeckt den Geruch

Mittlerweile tauchen auch in der Belletristik immer mehr Geruchsmetaphern auf, erzählt Bodo Mrozek. Oft seien das bereits verflogene Gerüche – und zwar nicht nur im Osten.

"Natürlich ist es auch so, dass im Westen bestimmte Behördengänge oder alte Schulen einen Geruch verströmen nach Bohnerwachs und Kreidestaub, der heute auch verflogen ist und der auch eine bestimmte Spezifik hatte. Das ist uns nur nicht so im Bewusstsein, weil im allgemeinen politischen Bewusstsein die DDR untergegangen und verschwunden ist, während die Bundesrepublik als politisches System unter diesem Namen ja weiterhin fortbesteht. Aber es ginge auch darum, das auch herauszuarbeiten, und nicht die DDR einseitig zu exotisieren, wie das oft passiert."

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