Gert Loschütz: "Besichtigung eines Unglücks"

    Vier lebensentscheidende Sekunden

    29:38 Minuten
    Gert Loschütz auf der Leipziger Buchmesse 2018.
    Der Schriftsteller Gert Loschütz arbeitet lange an seinen Romanen - bis der Rhythmus eines jeden Satzes stimmt. © imago / Gerhard Leber
    Moderation: Dorothea Westphal · 22.10.2021
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    Ein schweres Zugunglück ereignete sich 1939, einige Wochen nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, in der Kleinstadt Genthin. Trotz der fast 200 Toten war es lange vergessen. Gert Loschütz erzählt in seinem neuen, preisgekrönten Roman davon.
    "Besichtigung eines Unglücks" ist der Titel des neuen Romans von Gert Loschütz, für den er im November mit dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet wird. Das Buch erzählt von einem schweren Unglück wenige Wochen nach dem deutschen Überfall auf Polen, zwei Tage vor Weihnachten: Zwei Züge fuhren in der Kleinstadt Genthin ineinander.
    Hunderte Menschen verloren ihr Leben oder wurden verletzt. Das Zugunglück gilt als das schwerste der deutschen Geschichte, und doch war es lange vergessen. Auch Gert Loschütz, der 1946 in Genthin geboren wurde, erfuhr erst in den 1990er-Jahren davon. Noch heute wundert er sich darüber.
    "Ich habe durch Zufall davon erfahren, durch einen Leser, der mich nach dem Unglück fragte, ob ich etwas weiß. Nein, ich habe es nicht gewusst. Dann habe ich angefangen, mich damit zu beschäftigen und ging zuerst in das Archiv von Genthin. Der Archivar war überrascht. Er hatte zwar von den Ereignissen gehört, wusste aber auch nichts Genaues. Mir war relativ schnell klar, dass ich mit dem Genthiner Archiv nicht weit komme, dass ich nach Magdeburg gehen muss, ins Kriminalarchiv und unter Umständen in das Archiv der Reichsbahn. Das habe ich dann getan."

    Vier Sekunden entscheiden

    Was genau geschah 1939?
    "Das erste Kapitel meines Buches ist überschrieben mit 'Vier Sekunden'. Und um diese vier Sekunden geht es tatsächlich.
    Am Abend des 21. Dezember 1939 sind zwei Züge im Potsdamer Bahnhof von Berlin abgefahren in Richtung Westen, der eine ins Saarland, der andere nach Köln. Der erste Zug war überfüllt wegen der nahen Feiertage. Die Ferien hatten angefangen, und man konnte mit den verbilligten Weihnachtsfahrkarten reisen.
    Der Zug war aus vielen Gründen überladen. Auf den Bahnhöfen war seit Kriegsbeginn Verdunklung angeordnet, das Aus- und Einsteigen dauerte also länger als sonst. Dadurch hatte der erste Zug schnell eine Verspätung von 25 Minuten, und als er Genthin erreichte, waren es 27 Minuten.
    Der zweite, nicht so überfüllte Zug kam dagegen relativ schnell durch. Das wäre nicht schlimm gewesen, wenn sich der Lokführer des zweiten Zuges korrekt verhalten hätte. Hat er aber nicht.
    Er hat drei Signale vor Genthin überfahren, und dann wurden die Reichsbahnbeamten alarmiert auf der Strecke. Sie sollten um Gotteswillen den zweiten Zug anhalten. Der erste Versuch mit Knallkapseln scheiterte, der Zug raste einfach durch.
    Der zweite Versuch scheiterte ebenfalls, der Mann ließ gerade die Schranken runter. Der Zug fuhr einfach durch, und dann erging der Befehl an einen Mann in Genthin, und der war offenbar überfordert oder so in Panik, dass er, als er den Zug kommen sah, ihn sofort mit rotem Licht versucht hat aufzuhalten.
    Dummerweise war das aber nicht der zweite Zug, der verspätete, gefährliche, sondern der erste. Der hat schnell gestoppt, wie das notwendig ist, wenn das Signal kommt, der sollte aber gar nicht aufgehalten werden, und der zweite Zug ist reingerauscht in den ersten.
    'Vier Sekunden' heißt das Kapitel, weil es um vier Sekunden geht. Hätte der arme Mensch, der den Zug in Genthin angehalten hat, das Signal vier Sekunden später gegeben, dann wäre nichts passiert."
    Was wäre geschehen, wenn? Die Frage nach dem alternativen Geschehen treibt Loschütz‘ Ich-Erzähler Tomas Vandersee um. Er ist Journalist, er recherchiert und geht in die Archive wie sein Schöpfer.

    Schicksal oder Zufall

    Dorothea Westphal: Ist das Unglück Schicksal oder Zufall?
    Gert Loschütz: Alle Dinge, die wir nicht aufklären können, die nennen wir Schicksal oder Zufall. Aber wenn wir genauer hinsehen und entdecken, wie die Dinge zusammenhängen, stellt sich heraus, dass da kein Zufall waltet, sondern viele Dinge zusammentreffen, die hätten verhindert werden können.
    Westphal: Sie erzählen sehr eindrücklich, wie die Leute im Zug sitzen, das blaue Deckenlicht glimmt, sie freuen sich auf Weihnachten und ahnen nicht, was vier Sekunden später passieren wird und dass das ihr Leben verändern wird. Warum ist so wenig über das Unglück bekannt?
    Loschütz: Es gibt, denke ich, zwei Gründe. Einmal sah man zwei, drei Monate nach Kriegsbeginn in Nazi-Deutschland ein technisch bedingtes Unglück nicht gern. Deutschland führte einen Krieg, überfiel Länder wie Polen und Frankreich mit einer hochgerüsteten, technisch großartig ausgestatteten Armee. Da passte ein solcher Unfall nicht ins Bild.
    Aber der viel wichtigere Grund ist natürlich, dass die Millionen Kriegstoten, die unglaublichen Zerstörungen in ganz Europa, am Ende auch in Deutschland, dieses kleinere Unglück mit den wenigen, relativ wenigen Toten verdrängten.
    Westphal: Sie haben schon vor 20 Jahren ein Hörspiel über das Genthiner Zugunglück geschrieben. Warum hat Sie der Stoff nicht losgelassen, warum mussten sie noch einen Roman verfassen?
    Loschütz: Mein erster Gedanke war: Ich schreibe ein Feature über das Unglück, damit es wieder erinnert wird. Und im Laufe der Recherchen bin ich dann auf eine Geschichte gestoßen, die nicht in ein Feature über das Unglück passt. Diese Geschichte ist eine Tragödie, die über die anderen Tragödien hinausgeht. Davon wollte ich unbedingt erzählen, dafür reichte das Feature nicht. Es musste ein Hörspiel oder ein Roman sein.

    Kohlestaub im Nacken

    Westphal: Die Geschichte handelt von zwei Frauen und ist verknüpft mit dem Ich-Erzähler Thomas Vandersee in der Gegenwart. Er beschreibt das Unglück, die Szenerie unglaublich detailliert: der Kohlestaub in den Nackenfalten des Heizers, die Thermoskanne, die der Schrankenwärter mit zur Arbeit nimmt. Mir ist das sehr nahegegangen. Ging Ihnen das beim Schreiben ähnlich?
    Loschütz: Mir ist das beim Lesen der Akten, als ich angefangen habe, mir das plastisch vorzustellen ... da habe ich auch schlucken müssen. Aber dann bei der eigentlichen Arbeit, bei der Umsetzung in Sprache, ist es dann am Ende die Arbeit mit der Sprache, die im Vordergrund steht. Ich lese auch oft laut, was ich geschrieben habe und sage, ja, der Rhythmus stimmt, der Satz ist in sich richtig perfekt für mich. Die Freude an der Arbeit und die Notwendigkeit, das in Sprache zu setzen, überdeckt dann dieses Entsetzen.
    Westphal: Es ist ein großer Sog, der von diesem Buch ausgeht wie von allen Ihren Büchern. Ich frage mich immer, wie Sie das hinkriegen.
    Loschütz: Die Sätze müssen einen Rhythmus haben. Die Sprache muss einen Rhythmus haben. Das muss alles ineinandergreifen können, sodass man es schwer hat, wieder rauszukommen aus dem Text, und das ist die eigentliche Arbeit.
    Westphal: Noch mal zu diesen zwei Frauen. Da ist einmal Carla Finck, das ist eine junge Frau, die in einem der Unglückszüge unterwegs ist, zusammen mit einem Italiener, Giuseppe Buonomo. Und dieser Giuseppe Buonomo ist umgekommen während des Unglücks, sie hat aber schwer verletzt überlebt. Haben Sie die Namen dieser beiden tatsächlich auf den Listen gefunden? Oder beginnt hier die Fiktion?
    Loschütz: Giuseppe Buonomo ist der einzige Name, den ich tatsächlich gelassen habe, sozusagen als Referenz an diesen Mann, der war ein Kaufmann aus Neapel. Dessen Namen habe ich gleich auf der ersten Opferliste gefunden und schon überlegt: Das ist ja eigenartig. Es waren lauter deutsche Namen, Müller, Schulze, Krause, und und ein ausländischer Name, und da stockt man automatisch und überlegt: Nanu, wie kommt der denn dazwischen?
    Ein paar Tage später stand in der Zeitung wieder ein Kasten auf der ersten Seite, und da waren die Namen aufgelistet der Leute, die das Unglück überlebt hatten und im Genthiner Krankenhaus liegen. Und da stieß ich auf den Namen Carla Buonomo. Habe ich gedacht: Nanu. Aber die wohnte nicht in Neapel, die wohnte in Düsseldorf. Und dann setzt automatisch so etwas ein, dass man überlegt, wie hängt denn das zusammen?
    Ist das die Frau von ihm, ist das die Tochter, ist es die Mutter? Und schon ist man dabei, sich irgendetwas zurechtzulegen. Und dann bin ich im Archiv der Reichsbahn wieder auf diesen Namen gestoßen. Dann dachte ich, da ist eine Geschichte drin.
    An jedem Buch sitze ich sehr lange. Wenn ich merke, ich komme nicht weiter, dann lass ich es liegen und mach was anderes, ein anderes Projekt, was auch vorangetrieben werden muss. Und hier war es so ähnlich. Ich wusste lange nicht, bin lange nicht zurande gekommen mit dieser Geschichte, ohne dass ich einen Plan hatte.
    Ich muss das ausprobieren, ob es funktioniert oder nicht funktioniert. Und dann mit der Zeit dachte ich, ja doch, das kann es sein. Das wird’s sein. Ich hatte am Anfang keinen Plan. Es haben mich auch schon Leute gefragt, ob ich am Anfang weiß, was am Ende steht. Nein, das weiß ich nicht.

    Ein Ende ohne Auflösung

    Westphal: Noch einmal zu Carla Finck, die sich Buonomo nennt, nachdem sie im Krankenhaus gefragt worden ist, wie sie heißt. Sie ist eigentlich mit einem jüdischen Mann verlobt, ist Halbjüdin. Im Krankenhaus wird sie später von der Gestapo verhört, und sie verleugnet diesen jüdischen Verlobten.
    Wir wollen nicht zu viel erzählen, aber es ist eine ganz faszinierende Liebesgeschichte. Es gibt einen ... Knalleffekt ist nicht das richtige Wort, aber einen Schluss, der mich sehr anrührt, den möchte ich nicht verraten.
    Aber er hat mich erinnert an den Schluss von "Ein schönes Paar". Sie lösen die Dinge nicht auf. Sie bleiben rätselhaft. Warum machen Sie das? Sie könnten es, als Schriftsteller hätten sie alle Möglichkeiten.
    Loschütz: Weil ich das nicht glaubwürdig fände. In beiden Büchern kann ich sagen: Ja, so kann es sein. Kann sein, dass die bis zum Ende in einer Verbindung gestanden haben, die nach außen nicht sichtbar war. Ich vermute das sogar. Ich meine, wenn Beziehungen zu Ende gegangen sind – es gibt im Geheimen immer noch eine Beziehung, und wenn man das versucht zu erzählen, dann muss man es auf irgendeine Weise sinnfällig machen. Und hier ist es dieser Schluss, und in dem 'Schönen Paar' ist es ein anderer Schluss.
    Westphal: Die Umstände des Zugunglücks werden ja auch nicht wirklich aufgeklärt, sie bleiben im Grunde offen. Es ist auch reizvoll, solche Lehrstellen literarisch zu füllen, oder?
    Loschütz: Bei dem Zugunglück würde ich denken, dass das relativ aufgeklärt ist. Ich wüsste nicht, wo da noch irgendwelche Leerstellen sein könnten. Aber das ist wie bei all diesen großen Katastrophen: Immer kann irgendeiner kommen und sagen, es war ganz anders. Kennedy ist natürlich vom CIA ermordet worden. Man kann immer solche Sachen in die Welt setzen, und dann wird weiter darüber geredet.

    Gert Loschütz: "Besichtigung eines Unglücks"
    Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2021
    336 Seiten, 24 Euro

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