Ausgediente Thorarollen

Ist das heilig oder kann das weg?

08:12 Minuten
Eine jüdische Mezuzah (Mesusa, Mesusah) am Eingang zu einem Haus im jüdischen Teil der Altstadt von Jerusalem, aufgenommen am 09.09.2013.
Eine Mesusa enthält Bibelverse. Ist sie kaputt, darf sie nicht einfach auf den Müll. Sie kommt in eine Genisa. © dpa / Matthias Tödt
Von Jens Rosbach · 13.05.2022
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Die Pflicht, den Heiligen Namen nicht zu missbrauchen, wird im Judentum ernst genommen. Heilige Schriften, die nicht mehr benötigt werden, dürfen nicht einfach weggeworfen werden. Für sie gibt es einen besonderen Ablageort: die Genisa.
Rabbiner Yehuda Teichtal öffnet einen schweren, grünen Samtvorhang mit goldener Bordüre, Davidstern und Königskrone. Dahinter: ein abschließbares Holz-Schränkchen mit ausrangierten Gebetbüchern und religiösen Broschüren. Das Schränkchen, das sich im Gebetsraum eines Gemeindezentrums befindet, ist eine Genisa.
„Eine Genisa ist ein Ort, wo alle heiligen Texte gesammelt werden. Auch Texte, die nicht heilig sind, aber trotzdem Gottes Namen haben. Zum Beispiel ein Brief oder ein Zeitungsartikel, ein Vertrag - wenn Gottes Namen erwähnt wird - darf nicht weggeschmissen werden. Es wird in die Genisa gelegt. Und von Zeit zu Zeit wird das ausgeräumt und begraben.“
Teichtal stammt aus New York und ist Seelsorger der orthodoxen Bewegung Chabad Lubawitsch in Berlin. Alle ein, zwei Jahre geht er auf einen jüdischen Friedhof, um die schriftlichen Überreste zu beerdigen. Darunter kann eine zerfledderte Thorarolle sein, eine Gebetsrolle aus der Synagoge. Oder eine kaputte Mesusa, eine Gebetskapsel mit Bibelversen von einer jüdischen Wohnungstür. Der Geistliche erklärt, dass er beim Vergraben unter anderem ein Kaddisch spricht, ein jüdisches Totengebet.

Manchmal reicht eine einfache Pappkiste

„Von der Zeremonie her werden bei einer normalen Beerdigung Psalmen gelesen, Gebete gelesen, Kaddisch gesagt – und diese gleiche Art von Respekt wird bei dem Begräbnis von Büchern und heiligen Schriften durchgeführt.“
In nicht-orthodoxen Kreisen geht es etwas lockerer zu. So haben viele liberale jüdische Gemeinden lediglich eine Pappkiste in irgendeinem Regal stehen, in der überflüssige Schriften landen - einen „religiösen Papierkorb“. Und privat, also zu Hause, entsorgt jeder Jude sowieso nach eigenem Gusto, gerade im Computerzeitalter.
„Im Rahmen eines Studiums, im Rahmen des Lernens, ist es ja heute üblich, dass man aus alten Büchern etwas kopiert oder einscannt – und dann ausdruckt. Und der Gedanke, dass diese Papiere dann von mir in einem Papierkorb landen oder mir auf den Boden fallen und ich trampele darauf rum, das ist mir unerträglich. Und deswegen kommt das in den Reißwolf.“

Der Messias kommt auch für Bücher

Der jüdische Publizist Günther Bernd Ginzel, Mitglied der liberalen Gemeinde Köln, hat seine eigene Methode gefunden, respektvoll mit dem Namen Gottes umzugehen.
„Ich habe da so einen Zerhacker, wo am Ende kein Buchstabe mehr erkennbar ist. In unserer heutigen Zeit ist es vor allen Dingen eine individuelle Entscheidung.“
Rabbiner Teichtal warnt jedoch vor „göttlicher Strafe“ bei einem allzu saloppen Umgang mit den Schriften. Der chassidische - also mystisch veranlagte - Seelsorger glaubt sogar an eine Auferstehung der heiligen Texte.
„Genauso wie wir glauben daran, dass der Tag kommen wird, dass alle Menschen wieder auferstehen, so wird der Tag kommen, dass die Bücher wieder benutzt werden. Leben endet nicht. Es beginnt ein neuer Zyklus, und ein Zyklus bringt den nächsten.“

Mit "G-tt" auf der sicheren Seite

Die meisten jüdischen Kreise sind jedoch nicht von einer „Himmelfahrt“ der ausrangierten Texte überzeugt. Der liberal orientierte Günther Bernd Ginzel etwa schüttelt den Kopf über diese Vorstellung.
„Das sind ja Rollen, das sind Papiere. Mit Auferstehung hat das überhaupt nichts zu tun. Kein Mensch kommt auf die Idee, dass plötzlich die Rollen wieder heil sind und aus dem Staub oder aus dem Matsch wieder entstehen. Das ist geradezu … ja das ist abenteuerlich! Die Auferstehung bezieht sich ausschließlich auf die Menschen – und vor allen Dingen auf die unsterbliche Seele!“
Ob liberal oder orthodox – viele Juden versuchen von vornherein, keine Texte zu produzieren, die später aufwendig entsorgt werden müssten: Sie schreiben erst gar nicht das Wort „Gott“ und benutzen lieber ein Synonym - wie „Heiliger“ oder „Allmächtiger“. Alternativ können Juden die vier hebräischen Konsonanten, die das Wort Gott darstellen – auch als Jahwe bezeichnet – auf einen einzigen Buchstaben reduzieren. Der Berliner Judaist und Rabbiner-Anwärter Levi Israel Ufferfilge erklärt, man könne beim Wort „Gott“ auch einen bestimmten Buchstaben weglassen.

Alte Genisot sind historische Schätze

„Im Deutschen ist es beim Wort ‚Gott‘ so, dass wir hier das O herausnehmen und abkürzen – entweder durch einen Bindestrich oder durch ein Apostroph, das dann ohne Vokal geschrieben wird - um ja nicht den Gottesnamen oder ein Synonym dafür missbräuchlich zu benutzen.“
Wissenschaftler hingegen freuen sich über möglichst viel „heiligen Müll“ - ob Archäologen, Historiker oder Judaisten. Denn immer wieder werden religiöse Depots vergessen, verschüttet – und Jahrhunderte später wieder ausgegraben. So wie die berühmte Genisa von Kairo, die 1897 in der Ben-Ezra-Synagoge entdeckt wurde. Ein einzigartiger Fundus mit über eintausend Jahre alten Dokumenten aus der ganzen Welt, von Malaysia bis zum Iran. Darunter: jüdische Beschwörungsformeln, Eheverträge und sogar Einkaufszettel, weiß Ufferfilge.
„Man muss mal überlegen, wie gigantisch dieser Fundus ist: Die Kairoer Genisa enthält etwa 300.000 bis 400.000 Fragmente. Das ist ein unwahrscheinlicher Schatz.“

Beim Renovieren eine Torarolle gefunden

Auch in Deutschland wurden zahlreiche alte Genisot – wie die Mehrzahl lautet - entdeckt, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Nationalsozialisten hatten zwar viele Synagogen angezündet, verwüstet und die Gemeindemitglieder vertrieben oder umgebracht. Doch in einigen Kellern oder Zwischenwänden der Gotteshäuser stieß man noch Jahrzehnte später auf die sakralen Arsenale, etwa in ehemaligen ländlichen Synagogen in Bayern, Baden-Württemberg oder Hessen.
„Dann findet man plötzlich bei Renovierungsarbeiten in der Wand ganz viele Pergamente! Oder ausgedehnte Torarollen oder Gebetbücher oder was auch immer. Also das sind Zufallsfunde.“
Eine der bedeutendsten Genisot kann derzeit in Kolumba, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln, besichtigt werden - im Rahmen der Ausstellung „In die Weite. Aspekte jüdischen Lebens“. Das rituelle Depot stammt aus dem Eifelort Niederzissen und beinhaltet ein exotisches Sammelsurium, das bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. Kolumba-Kurator Marc Steinmann präsentiert unter anderem die Windel eines beschnittenen Säuglings und ein Widderhorn, das einst zum jüdischen Neujahrsfest ertönte.

Ein Wort für die Gegenwart

„Was auch ganz schön ist: Die Geschichte von 1001 Nacht auf Jiddisch. Also eine arabische Erzählung in Jiddisch. Das ist einfach eine gute Geschichte und die liest man gerne und dann hat man es einfach ins Jiddische übersetzt. Da sieht man die Bandbreite von Kultur, auch von kulturellem Austausch, der da vorhanden war.“
Die Kölner Kolumba-Ausstellung kann noch bis zum 15. August besichtigt werden. Ihr Genisa-Schatz ist zumeist nur erhalten geblieben wegen eines einzigen Wortes: G-tt.

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