Toraschreiber

Mit Pergament und Schwanenfeder

23:18 Minuten
Der Rabbiner Reuven Yaacobov schreibt mit Feder und Tinte im Jüdischen Museum Berlin eine Torarolle.
Für den Rabbiner Reuven Yaacobov ist das Schreiben der Tora eine reine Männerangelegenheit. © imago / epd
Von Jens Rosbach · 14.01.2022
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Die Tora ist die wichtigste jüdische Schrift. Bis heute lesen Jüdinnen und Juden sie im Gottesdienst aus handgeschriebenen Pergamentrollen. Eigene Toraschreiber bringen die Buchstaben mit einem Federkiel auf das Pergament.
Reuven Yaacobov öffnet eine Pergamentrolle, legt Feder und Tinte zurecht – und hält kurz inne. Für den Berliner Sofer ist Schreiben ein Ritual. Der 44-Jährige – schwarzer Bart, schwarze Kippa, weißes Poloshirt – konzentriert sich so stark auf die hebräischen Schriftzeichen, dass er in eine Art Trance gerät. „Der Moment, in dem ich das schreibe, ist es für mich die beste Zeit zum Meditieren. Ich bin komplett in diesem heiligen Text“, sagt er.
Reuven Yaacobov, der aus Usbekistan stammt und hierzulande auch als Rabbiner arbeitet, stellt eine Torarolle her - das Kernstück jeder Synagoge. Erst wenn diese Pergamentrolle vorhanden ist, kann man den Raum überhaupt Synagoge nennen. Die Tora wird in einem eigenen Schrein verwahrt und nur im Gottesdienst herausgenommen. Für eine neue Rolle schreibt der Experte die fünf Bücher Mose aus der Bibel ab: monatelang - Buchstabe für Buchstabe, ganz akribisch. 

304 805 Buchstaben fehlerfrei

Der Toratext – das sind Gottes Worte“, sagt Yaacubov. „Und Sie müssen Gottes Worte genau gleich, wie die im Text stehen, neu schreiben. Das bedeutet: Ein Buchstabe zu viel, das ist schon ungültig, ein Buchstabe weniger, ist es auch ungültig. Wir müssen versuchen, 304 805 Buchstaben ohne einen einzigen Fehler zu schreiben.“
Reuven Yaacobov hat in Russland und in Israel in einer Jeschiwa, einer religiösen Hochschule, studiert - und dort gelernt: Ein Sofer reicht beim Abschreiben des Sefer Tora – des „Buches“ Tora – den Text von einer Generation zur nächsten weiter. Die erste Rolle habe Moses geschrieben, heißt es in der jüdischen Überlieferungsliteratur.Als ich vor 20 Jahren angefangen habe, meine erste Tora zu schreiben, ich habe komplett gezittert“, erzählt er. „Stellen Sie sich vor: Das erste Sefer Tora hat damals Moses geschrieben, jetzt nach 3300 Jahren schreibe ich genau den gleichen Text!“

Metallfedern sind tabu

Ein professioneller Schreiber kennt die gesamte Tora in- und auswendig. Ein Sofer-Schüler muss sogar vor Augen haben, auf welcher Seite welcher Vers – und sogar welcher Buchstabe an welcher Stelle steht. Bei seiner Abschlussprüfung, berichtet Yaacobov, habe sein Lehrer einen Nagel durch ein dickes Buch mit dem Toratext geschlagen. „Und wir als Schüler müssen sagen, durch welche Buchstaben ist der Nagel durchgegangen. Wenn wir das ohne einzelne Fehler sagen können, dann hast du die Prüfung bestanden, dann kannst du anfangen zu schreiben.“
Yaacobovs Schreib-Utensilien: eine angespitzte Schwanenfeder, selbst angerührte Tinte aus Ruß, Gummi und Öl sowie dünnes, sandfarbenes Pergament aus Kuhhaut. Alles koscher bzw. aus Naturmaterial. Metall-Schreibfedern etwa sind nicht erlaubt. Denn: „Die Torarolle ist ein Friedensbuch. Und das darf nicht mit einem Metall geschrieben werden, weil mit Metall wir produzieren Waffen.“

Männersache Toraschreiben?

Ein Sofer erstellt nicht nur Texte für eine Tora, sondern auch für die Schriftkapseln, die an den Gebetsriemen - den Tefillin – befestigt sind. Ebenso überträgt er die Texte für die Mesusot, die Schriftkapseln an den Türpfosten einer jüdischen Wohnung. Diese Arbeit ist eine traditionelle Männersache. Nach Ansicht des orthodoxen Schreibers ist eine Frau schon genug ausgelastet mit klassischen Familienaufgabe: „Kinder zu erziehen – das ist viel wichtiger, als eine Torarolle zu schreiben!" Durch die Beschäftigung mit Haushaltsfragen, erklärt Yaacobov, seien Frauen Multi-Taskerinnen geworden – was sie letztlich beeinträchtige: „Ein Mann kann von Anfang an bis zum Ende auf eine Sache konzentrieren, Frauen nicht. Und um eine Tora zu schreiben, braucht man eine innere Ruhe.“
Doch viele Jüdinnen sehen das heutzutage anders und greifen, zumindest in nicht-orthodoxen Kreisen, selbst zur Feder. Wie Judith Ederberg. Die Berliner Studentin, selbst Tochter einer Rabbinerin, gehört der moderneren Masorti-Bewegung an. Wie orthodoxe Juden fühlt sich Ederberg der Halacha, dem jüdischen Gesetz verpflichtet, geht aber anders damit um, erzählt sie: "Im orthodoxen Judentum dürfen die religiösen Texte zum Beispiel von Nichtjuden, Frauen, Kindern oder Sklaven nicht geschrieben werden. Bei uns ist das etwas anders, die Regeln werden anders ausgelegt – Frauen werden zum Beispiel als gleichberechtigt angesehen.“

Hand, Augen, Türpfosten

Die 21-Jährige, die das Schreiben ritueller Texte von einem weltoffenen Sofer gelernt hat, verweist auf das Gebot, Gottes Worte an den Gebetsriemen sowie an den Türpfosten zu befestigen. Sie zitiert aus dem fünften Buch Mose:Binde sie als Zeichen um Deine Hand, sie seien ein Denkzeichen zwischen Deinen Augen. Schreibe sie auf die Pfosten Deines Hauses und Deiner Tore.“ Die Berliner Jüdin schlussfolgert: Wer die Bürde auf sich nehme, jeden Werktag die Gebetsriemen umzubinden, der oder die dürfe auch den zugehörigen Text zu Pergament bringen. „Daraus wird  abgeleitet, dass wenn eine Frau sich verpflichtet, sich Tefillin umzubinden – also so wie ich - darf man das auch schreiben.“ Und wer Gebetsriemen-Texte schreiben darf, in denen das heilige Wort „Gott“ auftaucht, der darf auch andere rituelle Texte schreiben - so die Interpretation vieler moderner Juden.
Die Berlinerin Esther Kontarsky kopiert ebenfalls rituelle Bibelverse auf Pergament. Die Zeiten hätten sich geändert, bilanziert die Judaistin und Übersetzerin: „Es gibt innerhalb der jüdischen Welt genügend Menschen, die kein Problem damit haben, dass die religiösen Texte, die sie bestellt haben, von einer Frau, von einer Soferet, geschrieben worden sind.“

"Das Zittern bleibt"

Egal ob von einem Sofer oder von einer Soferet geschrieben: Ist ein religiöser Text nach stunden-, wochen- oder gar monatelanger Arbeit endlich fertig, muss dieser eigentlich von einer anderen Person gegengelesen werden – eine neue Torarolle sogar von drei Rabbinern, sagt Reuven Yaacubov. „Heute wir leben in einer Zeit der Technologie. Und in Israel wurde schon ein Programm entwickelt, das scannt die komplette Torarolle in einer halben Stunde. Es gibt sogar schon ein Handgerät. Und innerhalb einer halben Stunde wissen wir schon, wo und wie viele Fehler es gibt."
Sofer Reuven Yaacobov arbeitet inzwischen an seiner 20. Tora. Doch die Ehrfurcht vor Gottes Wort und Moses Schrift, resümiert er, spüre er immer noch am ganzen Körper. „Egal wie viele Torarollen Sie schreiben: Das Zittern bleibt immer!“

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