Weltmeisterschaft in Katar

Deutschland, einig Fußballland!

04:28 Minuten
Einige wenige in dicke Jacken gekleidete Menschen beim Public Viewing der WM in einer Strandbar in Magdeburg
Public Viewing und Glühweintrinken bei drei Grad Celcius. © picture alliance / Geisler-Fotopress / Max Patzig
Gedanken von Lutz Rathenow · 30.11.2022
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Lange war Deutschland auch in Sachen Fußball in Ost und West geteilt. Bei dieser fragwürdigen WM zeigt sich dem Autor Lutz Rathenow immerhin eins: Das Land ist zusammengewachsen, teilt Fußballfrust und Fußballlust.
Wir ärgern uns alle gemeinsam über die korrupte Fifa, ihren überbezahlten Chef Infantino, dessen Comedy-Einlagen in Ankündigungsreden sich eher von dem Wort Inferno inspirieren lassen. Alle nervt die Vermischung von Weihnachtszeit und Fußball-WM-Zeit. Glühwein passt einfach nicht zum Torjubel.
Da ist es gut, dass die deutsche Mannschaft in den ersten beiden Spielen kaum Tore schoss. Das reduziert Glühweinflecken und minimiert das Risiko von leichten Verbrühungen, und solange unsere Mannschaft in diesem korrupten System noch keine Siege davonträgt, müssen wir auch kein schlechtes Gewissen haben, direkt oder indirekt zu profitieren.
Wer ein Fußball-Fan und nicht nur ein Fanatiker ist, wünscht der deutschen Mannschaft und anderen offensiv spielenden Außenseiter-Mannschaften Erfolge, die zeigen, dass mit viel Geld eben auch im Fußball nicht jeder Sieg vom Marktwert der Spieler her zu kaufen ist. Das wird in Leipzig genauso gesehen wie in München, in Kiel oder in Dresden. Das war nicht immer so.

Nützliche Wirkungen einer fraglichen WM

Es gibt nützliche Nebenwirkungen einer fragwürdigen Weltmeisterschaft. Ich kann keine Unterschiede zwischen dem Osten und dem Westen mehr sehen. Nirgendwo waren im Sport nach der Wiedervereinigung die Differenzen größer als im Fußball. Die DDR war ein sehr erfolgreiches Sportland, bis auf ein paar Sportarten, wo es international nicht wirklich klappte. Bei Wasserball oder Hockey fiel das nicht vielen auf, beim Fußball gab es immer wieder Versuche, planmäßig Höchstleistungen zu vollbringen.

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In puncto Fußball kam die DDR an ihre Förderungsgrenzen. Fußball ist keine ideale Diktatorensportart, viel Disziplin und Dopinghilfe führen nicht zwingend zum Erfolg. Der Umgang mit dem Ball ist nicht so zielgerichtet trainierbar wie Einzelleistungen in anderen Sportarten. Viele ostdeutsche Fußballfans hatten zu DDR-Zeiten westdeutsche Lieblingsmannschaften – ich zum Beispiel Schalke 04, weil das lustig klang und fantasieanregend ortlos wirkte – und verehrten vor allem trotzdem ihren Verein in Rostock, Chemnitz oder Jena.

Neue gesamt-deutsche Normalität

Mit der deutschen Einheit kam ein rascher Abstieg aller Klubmannschaften in Ostdeutschland, Spieler wurden abgekauft. Je erfolgreicher weltweit München war, desto bedeutungsloser kamen Spitzenklubs aus Halle oder Magdeburg rüber, eine der vielen kleinen Quellen, aus denen Ost-Frust sich zum Trotz verfestigte. Nachdem Hansa Rostock abgestiegen war, spielte lange kein Klub in der Ersten Bundesliga mit. Trainer wanderten ab, einer gleich bis in den Irak, die Ostklubs fanden keine potenten Sponsoren.
Doch es hat sich einiges geändert. Neue Generationen von Spielern trainierten sich heran – endlich spielen wieder zwei ostdeutsche Mannschaften im Spitzenfeld der Bundesliga. Union Berlin mit sehr viel Tradition, RB Leipzig innovativ und wegen der Geldpotenz nicht von allen geliebt – von der eigenen Stadt und vielen anderen im Osten schon. Der RB Leipzig zeigt, dass erfolgreicher Fußball auch im Osten entstehen kann. Von beiden Klubs sind Spieler in der Nationalmannschaft – egal, woher sie eigentlich kommen.

Gemeinsame Fußballlust

Während in letzter Zeit immer wieder Differenzen zwischen Ost- und Westdeutschen betont werden – im Verhältnis zu Russland zum Beispiel –, ist im Fußball ganz nebenbei und ohne speziellen Plan Einigkeit entstanden.
So wird der Fußballfrust genauso wie die Fußballlust gesamtdeutsch sein und international: genauso wie die Haltung gar nicht so weniger, diesen Sport gerade zu Zeiten einer WM besonders zu ignorieren.

Lutz Rathenow ist 1952 in Jena geboren. Berliner Schriftsteller mit dissidentischer Vergangenheit und zahlreichen Resonanzräumen zwischen Lyrik und Politik. Zuletzt erschien sein Sammelband „Trotzig lächeln und das Weltall streicheln. Mein Leben in Geschichten" (Kanon Verlag, 2022).

Der Schriftsteller und Lyriker Lutz Rathenow
© picture alliance/dpa/Foto: Horst Galuschka
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