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Nachspiel | Beitrag vom 16.09.2018

GefäßverkalkungDie kaum bekannte Volkskrankheit

Von Peter Kolakowski

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Bildkombination historischer Rollbildtafeln aus dem Bestand der Arbeitsgruppe Biologiedidaktik der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit anatomischen Darstellungen des Menschen. Reproduziert am 12.05.2011.  (dpa picture-alliance / Jan-Peter Kasper/FSU)
Lebensadern: Würde man alle Gefäße eines Menschen hintereinander aufreihen, könnte man damit die Erde zwei Mal umrunden (dpa picture-alliance / Jan-Peter Kasper/FSU)

Schlemmen, rauchen, träge sein: Ein solcher Lebensstil tut den Blutbahnen im Körper nicht gut. Die Gefahren werden oft unterschätzt. Dabei wäre Prävention so einfach, zum Beispiel in Gefäßsportgruppen.

"Die Nachrichten. Genf. Jeder vierte Erwachsene weltweit bewegt sich einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge zu wenig. Die WHO warnt davor, dass rund 1,4 Milliarden erwachsene Frauen und Männer durch körperliche Inaktivität Krankheiten und Tod riskierten. Bewegungsmangel könne Herzkreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Demenz und einige Krebsformen begünstigen oder verursachen. Allein in Deutschland bewegten sich mehr als 42 Prozent der Erwachsenen nicht genug."

"Geht das so vom Tempo her?" – "Ja, ja, aber die Wade krampft schon wieder." "Was schaffen Sie im Alltag?" "300 Schritte. Toll 'ne? Und operieren kann man auch nicht mehr." - "Das ist auch so ein Merkmal, dass es Patienten sind, Gefäßsport ist eine der Optionen, operieren wir nicht, ist die Gefahr zu groß, dann kommen sie zu uns. Okay, Pause… Wie lange machen Sie das schon?" - "Zwölf Jahre." - "Wann hat's angefangen?" - "2004 mit Schmerzen in der Wade, war ich erst beim Orthopäden, Massagen, Dehnübungen und alles, es hat nichts genutzt, bis er mich zum Gefäßarzt geschickt hat. Und der hat dann gesagt, Ihre Arterien sind zu! Dann musste ich als Notfall ins Krankenhaus", weil der Fuß ganz kalt war. Und die Beine sind taub und die Füße, deswegen kann ich auch nicht so lange stehen, das fällt mir schwer. Bewegen ist wichtig, ja, solange bis man nicht mehr kann!", ...

...sagt Ortrud Schröder und geht dann wieder schnellen Schrittes durch die Halle. Oder versucht es zumindest, so wie ihre 15 Mitstreiter. Unter Anleitung von Sporttherapeut Dr. Frank-Timo Lange vom Verein Reha-Vental trifft sie sich einmal die Woche zum Gefäßsport in einer Turnhalle des Berliner Gesundheitszentrums in Zehlendorf.

Millionen in Deutschland sind betroffen

"Aus den Beinen heraus abfedern und nochmal runter, hoch, wer Gleichgewichtsprobleme hat. Grundübungen sind das, die sollten sie dann auch zuhause regelmäßig machen. 3 Sekunden, 2, 1, gut. Und schneller, 5, 4, 3, 2, 1. Popo nach hinten strecken, federn wieder...

Wir haben Patienten, die uns nicht finden konnten, weil die Ärzte das nicht wussten und zum zweiten auch beim Antragstellen Probleme hatten, wissen viele Ärzte überhaupt nicht, dass es eine Kostenzusage gibt, und viele Kassen haben tatsächlich Probleme damit, solche Sachen zu bewilligen."

Mindestens 4,5 Millionen Menschen sind in Deutschland akut von Arterienverkalkung betroffen, von der sogenannten peripheren arteriellen Verschlusskrankheit, kurz PAVK. Viele allerdings ohne es zu wissen. Das heißt nicht, dass der Rest der Bevölkerung keine verstopften Blutgefäße hätte, und nun meinen könnte, vollkommen gesund zu sein. Genau dieser Irrglaube aber macht die PAVK so gefährlich. Dr. Clemens Fahrig, Gefäßinternist, Chefarzt und ärztlicher Direktor am evangelischen Krankenhaus Hubertus Berlin.

"Die Gefäße sind keine toten Rohre, sondern sind eigenständige Organe mit einem eigenen Stoffwechsel. Die Arterien des Menschen, die das Blut in die Organe bringen, das sind unsere Lebensadern. Und wenn die jung sind, sind auch wir jung. Man wird mit einem Gefäßverschluss geboren und die meisten Menschen sterben an einem Gefäßverschluss. Also, das Leben beginnt und endet mit Gefäßen."

Mindestens 30 Minuten am Tag bewegen 

Jeder könnte und müsste also durch sein Verhalten, die Verkalkung der Arterien – auch wenn sich diese nicht gänzlich aufhalten lässt - erheblich verzögern: Nicht rauchen, sich gesund ernähren, möglichst zucker-, kochsalz- und fettarm. Und wenn Fette, dann ungesättigte Fettsäuren, viel Ballaststoffe und Flüssigkeit, mindestens zwei Liter pro Tag, rät Fahrig. Und vor allem: Viel bewegen - mindestens 30 Minuten täglich. Raucher sind 10 Mal häufiger von Krankheiten durch verstopfte Arterien betroffen als Nichtraucher. Jeder Zug an einer Zigarette verwandelt eine Milliarde Sauerstoffmoleküle in schädliche freie Radikale, die wie Torpedos die Gefäßwände angreifen. Auch Menschen mit Bluthochdruck, Übergewichtige und Bewegungsfaule haben ein überdurchschnittlich hohes Risiko. Doch: Wer bewegt sich schon regelmäßig und das ein Leben lang? Wer hat dauerhaft statistisches Normalgewicht? Wer nimmt ausschließlich gesunde Fette zu sich?

Inzwischen hat sich Therapeut Frank-Timo Lange mit seinen Gefäßsportlern in den malerischen Park neben der Turnhalle aufgemacht. Längst nicht alle hier haben geraucht, leiden oder litten an Übergewicht oder haben Diabetes. Aber fast alle haben beim Gehen Schmerzen in den Beinen, einige haben einen Schlaganfall hinter sich. Oder einen oder mehrere Herzinfarkte. Nur Beinamputierte sind in dieser Gruppe nicht dabei.

"Das ist hier meine Geheimwaffe, was ich in der Hand habe, ein sogenannter Pacer oder Schrittmacher, im Grunde ein ganz normales Metronom, wo ich hier die Schrittfrequenz einstellen kann und hier bei der jetzigen Dame habe ich 110 Schritte pro Minute eingestellt. Das kann man mal so simulieren, das hört sich dann so an und jeder Takt ist ein Schritt. Das motiviert manche Leute mehr zu machen, manche eher weniger, das gerade neue Teilnehmer davon erheblich profitieren, weil sie sich dran gewöhnen. Die hat ihren Takt drin. Die läuft auch stramm durch."

"Ja, ich komme gern her und will auch nach Möglichkeit weiterkommen." - "Wie hat sich das denn bemerkbar gemacht, die Krankheit?" - "Schlaganfall! Ich hab mit 50 angefangen und mache das jetzt 30 Jahre. Und dass ich im Alter noch so laufen kann, das verdanke ich nur der Bewegung!" - "Ich bin 87." - "Wir machen das ja für uns. Und hat mir bis jetzt gut geholfen. Dadurch kann ich mein ganzes Leben besser bewältigen, wenn ich ein bisschen besser laufen kann. Ich bin eines Morgens aufgewacht und konnte nicht mehr laufen. Wenn man jünger ist, denkt man nicht an die Folgen, die kommen dann meist später. Ne Ernährungsumstellung und sofort wird das auch alles besser. So einfach." - "Ich kann das nur jedem empfehlen, so ein Training zu machen, das sollte viel mehr rüberkommen, der mit den Gefäßen zu tun hat."

Auch Tattoos sind ein Risikofaktor 

"Und federn, die letzten Sekunden, macht mal einen guten Eindruck. Beine ausschütteln."

Würden alle Gefäße eines Menschen hintereinander aufgereiht, ließe sich damit zweimal die Erde umrunden. Bereits vor mindestens 200 Jahren haben Mediziner das Phänomen verhärteter Arterien beschrieben, wie der Medizinalrat Johannes Wetzler in seinen "Beobachtungen über Krankheiten des Herzens und der Arterien". Die Suche nach einem Heil-, einem "Putzmittel", Arterienwände von diesem Gemisch aus schädlichen Fettsäuren, Bindegewebe und Calciumphosphat wieder zu befreien, ist allerdings bis heute vergeblich geblieben. Dr. Clemens Fahrig:

"Das ist nach wie vor nicht machbar, ein verkalktes Gefäß so hinzubekommen, dass es wieder gesund ist. Zur Zeit gibt es Studien, die belegen, es ist noch nicht ganz sicher, dass aber auch Tätowierfarbe ein Risiko für Arteriosklerose ist - und das bei der Tätowierwut, die wir im Moment überall erleben. Das heißt, schon in jungen Jahren alles dafür tun, dass seine Gefäße jung bleiben. Was wir als Gefäßmediziner machen können, ist nur, Schaden reparieren. Aber das gesunde Gefäß wiederherzustellen, das können wir nicht."

Reparieren einer verstopften Arterie heißt: Die verstopfte Arterie mit einem kleinen Ballon aufdehnen. Oder einen sogenannten Bypass legen, indem eine weniger verstopfte Ersatzarterie verpflanzt wird. Was auch hilft: sich mehr bewegen. Denn durch Bewegung wird das Blut flüssiger, die Arterien werden dehnfähiger und auch Nebengefäße so gestärkt, dass sie wie eine Umgehungsstraße sogar den Blutdurchfluss der verkalkten Hauptarterie übernehmen können. Der Körper kann sich also selbst helfen – wenn man ihn dabei unterstützt.

Oft sind neben den Arterien in den Beinen- und in der Leistengegend aber auch die Gefäße des Herzens -die Herzkranzgefäße- mit betroffen. Sind sie verstopft, kommt es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem Herzinfarkt. Dann hilft, wenn der Patient überlebt, oft nur noch ein sogenannter Stent, ein kleines Röhrchen, das mit einem Katheter an die verstopfte Stelle geschoben wird. Dr. Clemens Fahrig:

"Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, weil PAVK auch eine wichtige Markererkrankung für eine koronare Herzerkrankung ist. Viele Patienten, die wir verbessern durch ein Training oder durch andere Maßnahmen, bekommen dann Herzbeschwerden, weil sie sich besser belasten können und merken jetzt, dass ihr Herz auch nicht gesund ist."

Gefäßsport in Deutschland fristet Schattendasein

"Beine hoch und zurück, und hoch. Fußkreisen."

"Wenn man einen Herzinfarkt hatte und es einem richtig schlecht geht, das ist ein ganz erheblicher Warnschuss für jeden Menschen, die sind auch ganz anders motiviert, versucht seinen Lebensstil vielleicht auch zu ändern. Bei Patienten mit Durchblutungsstörungen in den Beinen ist der Leidensdruck auch hoch, niemand möchte nach 200 Metern stehenbleiben. Trotzdem besteht so nicht die Lebensgefahr, es geht nicht so ans Existentielle, sodass es manchmal schwierig ist, die Patienten zu motivieren, in Gefäßsportgruppen zu kommen. Wir schaffen das bei ungefähr einem Viertel, zwei Drittel sagen 'Och, ich hab einen Garten, ich hab einen Hund, ich kann alleine laufen, ich mach den Sport alleine.' Bei Herzerkrankungen ist das ganz anders. Da sind die Patienten hochmotiviert, niemand möchte noch einen zweiten Herzinfarkt haben."

Und weil die Betroffenen erst einmal nichts oder fast nichts von ihrer Erkrankung spüren, selbst Schmerzen in den Beinen hinnehmen und erst dann kommen, wenn es zum Schlaganfall oder einem Herzinfarkt kam, gibt es auch nicht genug Bewegungsangebote speziell für Gefäßpatienten. Allein in Berlin stehen gut 90 Herzsportgruppen gerade mal etwa 10 Gefäßsportgruppen gegenüber. Viele Patienten müssen dann notgedrungen in eine Herzsportgruppe ausweichen, in die sie eigentlich nicht hingehören, kritisieren Dr. Clemens Fahrig und Dr. Timo Lange:

"Es ist besser, sie in Herzsportgruppen zu stecken, als sie nicht zu trainieren. Das ist ganz klar. Aber es wäre besser, wenn die Gefäß-Patienten allein unter sich wären, weil die Koronarpatienten uneingeschränkte Gehstrecken haben und dann die Gefäßpatienten frustrieren in den Übungseinheiten, die immer stehen bleiben müssen. Es ist ein Muss, die Patienten zu trennen."

"Sie müssen sich vorstellen, die Herzpatienten haben keine Gehstreckenlimitierung, die laufen ihre halbe Stunde, machen Jogging auf dem Laufband, dem Fahrradergometer. Meine Teilnehmer, die bleiben nach 50 oder 100 Metern stehen. Die können einfach nicht mehr. Die haben Schmerzen. Und dann ist es frustrierend, die anderen zu sehen, wie die weiterlaufen."

Dass Gefäßsport in Deutschland nur "sehr schleppend vorankommt", hat nicht zuletzt handfeste wirtschaftliche Gründe. Denn im Herzsport gibt es für den Anbieter pro Übungsstunde und pro Patient rund drei Euro mehr von der Krankenkasse. Dass PAVK-Patienten dabei mitunter "auf der Strecke" bleiben, nimmt man hin.

Mehr noch: Häufig bekommen Patienten nach einer Bypass-Op oder nach einem Schlaganfall, also gerade jene, die dringend Gefäßsport treiben müssten, unnütze Behandlungen verordnet, hat Dr. Johannes Falk in einer Studie festgestellt. Falk ist Internist, unter anderem mit dem Schwerpunkt Angiologie, Fachmann für öffentliche Gesundheitsforschung und Leiter im Referat Grundsatz- und Systemfragen der Sozialmedizin bei der Deutschen Rentenversicherung Bund:

"Und da kann ich sagen, quasi alle haben eine Massage, aber nur die Hälfte - quasi ein bisschen mehr - haben Gehtraining bekommen, was ja sozusagen essentiell und evidenzbasierte Therapie ist. Genauso ist es, so hab ich das beobachtet, auch im ambulanten Bereich, mit einfachen Untersuchungen ließe sich diese Erkrankung sicher diagnostizieren, die werden nicht durchgeführt, weil sie nicht gut vergütet werden, weil es Zeit kostet und so fällt das hinten runter."

Prävention würde die Kassen günstiger zu stehen kommen

Um zumindest den Engpass beim Gefäßsport etwas abzumildern, bietet die Deutsche Gesellschaft für Angiologie, der Berufsverband der Gefäßmediziner in Deutschland, Fortbildungen zum Gefäßsporttrainer an. Erst kürzlich startete ein neuer Kurs.

Durchblutungsstörungen, Schmerzen, Thrombosen und Embolien, Schlaganfälle, Gedächtnisschwund, Impotenz, Amputationen und oft auch Herzinfarkt: Die Behandlung von Spätfolgen einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit kostet die Krankenkassen alljährlich Milliarden. In Deutschland wird derzeit mehr als die Hälfte aller finanziellen Mittel im Gesundheitswesen für die Folgen von Arterienverkalkung aufgewendet.

Und was kostet zum Vergleich ein Jahr Gefäßsport die Kassen?

Gerade einmal 180 Euro. Internist Dr. Johannes Falk von der Deutschen Rentenversicherung Bund:

"Jährlich werden momentan 1500 Versicherte mit einer peripheren Erkrankung berentet, frühberentet. Die haben ein Durchschnittsalter von 55 Jahren. Da sind wir schon bei zwölfeinhalb Euro Millionen pro Jahr, zu denen, die schon bereits berentet sind. Meine Berechnungen gehen von etwa 140 Millionen Euro pro Jahr aus. Dazu kommen noch mal neun Millionen Euro an Rehaleistungen hinzu.

Ich habe oft das Gefühl, das der Wissenstand sehr mangelhaft ist. Die Leute sind gut informiert über koronare Herzerkrankung, über Krebserkrankung und hier müsste eigentlich mehr gemacht werden, um den Wissenstand um die Gefährlichkeit dieser Erkrankung in der Bevölkerung zu erhöhen."

Birna Bjarnason-Behrens, Sportwissenschaftlerin und emeritierte Professorin der Fachrichtung präventive und rehabilitative Sport- und Leistungsmedizin an der Deutschen Sporthochschule Köln, war lange Jahre auch im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation aktiv:

"Die Information müsste primär aus der Ärzteschaft kommen, weil das ist, die Information, die der Patient wahrnimmt, die er ernst nimmt. Das hat eine ganz andere Bedeutung. Es müsste hier vielleicht auch aggressiver Information durchgeführt werden. Daher ist glaub ich wichtig, dass nicht nur die Ärzte Bescheid wissen, sondern auch die Bevölkerung. Eigentlich kann man selbst, wenn man Bescheid weiß, ausprobieren, ob man durch Belastung diesen Schmerz provozieren kann und der dann wieder verschwindet in der Entlastung. Von einem Hausarzt wird natürlich auch viel verlangt, der muss alles wissen. Und ich denke, da kann die Ausbildung auch sicherlich verbessert werden."

In den 50er-Jahren öffnete die erste Gefäß-Klinik in Darmstadt 

So veranstalten die Deutsche Gesellschaft für Angiologie, die Gesellschaft für Gefäßmedizin und die Deutsche Gefäß-Liga alljährlich am 16. Juni den Aktionstag Gefäßgesundheit, um Fachwelt und Öffentlichkeit über die Bedeutung gesunder Gefäße zu informieren. Denn Vorbeugung ist auch hier die beste Medizin!

"Wenn Sie als Arzt die periphere arterielle Verschlusskrankheit auskultieren, hören Sie normalerweise nichts."

"Ratschow hat immer wieder auf die Möglichkeit der Diagnostik peripherer arterieller Verschlusskrankheit hingewiesen. Gerade für Sie als Hausarzt gilt es auf die Symptome einer arteriellen Verschlusskrankheit zu achten."

Auch auf dieser mittlerweile höchst seltenen Tonaufnahme aus dem Jahr 1964 wird auf die besondere Verantwortung des Hausarztes bei der Diagnose der Arterienverkalkung hingewiesen. Dabei ist die Angiologie, die Lehre von den Gefäßen, ein noch recht junger Zweig der Medizin.

"Ich bezeichne mich immer gern als Gefäßinternist, denn unter dem Begriff Angiologe können sich nicht viele etwas drunter vorstellen", ...

... sagt Dr. Clemens Fahrig. Fahrig ist einer der weltweit anerkanntesten Experten für Gefäßmedizin, leitet das Gefäßzentrum Berlin-Brandenburg und ist Vorstandsmitglied in der Deutschen Gesellschaft für Angiologie. Begründet wurde die Lehre von den Gefäßen von Professor Max Ratschow nach dem Zweiten Weltkrieg, der 1954 in Darmstadt die weltweit erste angiologische Klinik eröffnete.

Auf Ratschow geht auch der sogenannte Ratschow-Test zurück. Eine sogar für Laien leicht durchzuführende Methode, den Stand der eigenen Arterienverkalkung in etwa bestimmen zu können. Sporttherapeut Dr. Frank-Timo Lange:

"Ich kann mich an mein Studium erinnern, das haben wir nie gelernt, ich hab ja auch Medizin studiert und das war nicht Thema gewesen. Ich könnte ja auch sagen, warum haben die Ärzte keine Ultraschallsonde in der Praxis eben liegen, kostet auch nicht viel Geld, so ein Ultraschall-Knöcheldrucktest der Arterien geht ganz schnell, haben sie auch nicht, wird von den Kassen nicht bezahlt, ist nicht drin, im Leistungsbudget."

Weil sich Ernährungssünden, Laster wie Rauchen oder Alkoholkonsum und körperliche Trägheit zuallererst in den Gefäßen "ablagern", käme den Angiologen daher eigentlich die zentrale Rolle bei der Rehabilitation und gerade auch bei der Vorbeugung, der Prävention und der Aufklärung über Arteriosklerose zu, um dem billigsten Rezept, dem Gefäßsport, auf die Beine zu helfen. Und so teure Folgeerkrankungen zu vermeiden. So müsste es sein! Doch mit etwa 1000 Gefäßmedizinern gibt es noch viel zu wenig Angiologen in Deutschland, sowohl in den Krankenhäusern wie auch in den Praxen vor Ort.

Routinescreenings wären sinnvoll

"Eigentlich müsste man, ab einem gewissen Alter wäre es sinnvoll, das in ein Routinescreening zu überführen, um einfach frühzeitig diese Erkrankung zu diagnostizieren, die ja auch Indikator sein kann für eine koronare Herzerkrankung, für Arteriosklerose an anderen Orten, die eventuell später dann auch ein richtiges Problem machen können. Ich beobachte einfach nur, bei den Herzerkrankungen, bei den neurologischen Erkrankungen, beim Schlaganfall, da steckt im System einfach viel mehr Geld, die tauchen auch auf der Todesstatistik ganz oben auf. Da hat auch die Pharmaindustrie viel mehr Interesse. Ne Erkrankung, die man mit Gehthraining und Rauchstopp gut behandeln kann, die ist uninteressant", ...

...resümiert Dr. Johannes Falk von der Deutschen Rentenversicherung Bund. Und Gefäßmediziner Fahrig fügt hinzu:

"Die Krankenkassen tun ja immer mehr in der Prävention, aber wie ich finde, nach wie vor zu wenig. Für mich das klassische Beispiel, dieser Gefäßpatient, der nach einem halben Jahr Training 14 Euro im Monat gestrichen bekommt, mit der Begründung, jetzt zahl es alleine. Das sind hochmotivierte Leute, die für sich was tun. Und wenn die zehn Jahre weiter trainieren, brauchen die keinen Stent. Mein Wunsch wäre, dass wir mehr Gefäßinternisten, mehr Angiologen in Deutschland ausbilden. Und mein großer Wunsch wäre, dass die Politik mehr rehabilitative Maßnahmen unterstützt, mehr in die Prävention investiert und in die Aufklärung und es viel zu wenig getan wird, in die Schulen zu gehen. Und dass die Menschen verstehen, dass sie sich mehr bewegen müssen. Wenn Sie jeden Tag 6000 bis 8000 Schritte schaffen, dann sind Sie gut dabei aber das sollte man schaffen, das ist die beste Prävention."

Im Schnitt läuft heute jeder Bundesbürger aber nur 800 Meter pro Tag. Erste Schritte für mehr Bewegung wären daher bereits in der Grundschule nötig, fordert die Sportwissenschaftlerin und Präventionsexpertin Professorin Birna Bjarnason-Behrens. In Island, ihrer Heimat, wie auch in den anderen skandinavischen Ländern, hätten die Kinder mindestens drei Stunden Sport pro Woche. In Deutschland dagegen sind an den Grundschulen, also dort wo sich Gesundheitsschäden durch mangelnde Aktivität noch am leichtesten vorbeugen oder gar beheben lassen, die Hälfte der Lehrer, die Sport unterrichten, nicht einmal dafür ausgebildet.

"Und wir haben das Fach Gesundheit mit einem schönen Lehrbuch. Das heißt, die Kinder haben Unterricht im Bereich Gesundheitswissen. Ich glaube hier kann Deutschland einiges von Skandinavien lernen. Das gibt es seit Jahrzehnten. Wir müssen mit der Gesundheitserziehung viel früher beginnen. Und wir müssen eigentlich im Kindergarten beginnen um bestimmte Botschaften an die Kinder zu bringen."

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