Manosphere und Frauenhass
Wann ist ein Mann ein Mann? Jungen sollten vor allem mündig gemacht werden, damit sie entscheiden können, was für Männer sie werden wollen, meint Nicola Schubert. © imago / Ralph Peters / Ralph Peters
Kommentar: Mit Priorität in Prävention investieren
04:24 Minuten

Auf TikTok, YouTube und Co finden frauenfeindliche Inhalte ein Millionenpublikum. Um Jungen gegen die Anziehungskraft der sogenannten Manosphere zu stärken, braucht es mehr Aufklärung und Jugendarbeit. Großbritannien geht dabei voran.
Da muss was passieren, dachte sich nicht nur der damalige Premier Keir Starmer, nachdem er im vergangenen Jahr die Macher der Serie „Adolescence“ sogar in der Downing-Street empfangen hatte. Denn die Geschichte des 13-jährigen Jungen, der aus Frauenhass eine Mitschülerin tötet, ist zwar Fiktion, aber sie verweist auf eine reale Gefahr: Auf Tiktok, Youtube und Co. hat sich ein loses Netzwerk aus Männerrechtlern, Frauenfeinden und Rechtstextremen etabliert, das mit frauenfeindlichen und antifeministischen Inhalten immer mehr junge Menschen erreicht.
Die Präsenz dieser sogenannten Manosphere, von Influencern wie Andrew Tate, die Frauen als Menschen zweiter Klasse sehen und behandeln, sie missbrauchen und dennoch oder gerade deshalb gefeiert werden, ist bei Jugendlichen fast selbstverständlich. Frauenfeindliche Mythen aus den Feeds sozialer Medien werden offenbar nachgeplappert und prägen sich ein wie Songtexte. Frauen wollen dominiert werden. Ganz normal, oder?
Vorbild Großbritannien: Aufklärung als Schulfach
In Großbritannien wird die Aufklärung über Inhalte der Manosphere ab jetzt seit Anfang September verpflichtend in das Schulfach RSHE – Relationships, Sex and Health Education, aufgenommen, also Lebens- und Beziehungskunde. Das ist eine echte Chance. Allein, dass es ein eigenes Schulfach gibt, das sich Themen der psychischen Gesundheit und sexueller Beziehungen sowie einem Bewusstsein dafür, was missbräuchlich ist, widmet, nimmt die Schülerinnen und Schüler auf einer anderen Ebene ernst als Mathe oder Deutsch: als Menschen in ihrer Emotionalität, ihrer Verletzlichkeit, ihren Zweifeln und Ängsten.
In Deutschland gibt es so etwas leider nicht: Hier tauchen die Manosphere und die steigende Gewalt gegen Frauen in Fächern wie Politik-, Sozial- oder Sexualkunde nur als zwei von vielen Themen auf.
Was in Deutschland die Schule nicht leistet, soll oft die Zivilgesellschaft auffangen. Doch die steht unter Druck: Finanziell und ideell. Das zeigt sich zum Beispiel beim Umgang mit dem Bundesprogramm „Demokratie leben“. Hier wird die Förderung für zahlreiche Projekte gestrichen, damit das Programm nicht - wie Ministerin Karin Prien sagt – zu einseitig linksliberal sei. Der kulturelle Wetterwechsel ist offenbar: Gendersensibilisierung, Respekt vor anderen scheint zu links, zu wenig „die stille Mitte“, die Karin Prien ja eigentlich stärken will. Es sieht schlecht aus für eine breite Aufklärungsarbeit.
Sparen erschwert Prävention
Auch Kommunen sparen. Im sozialen Bereich trifft das Jugendzentren und die aufsuchende Sozialarbeit. Dort läge aber ein weiterer Hebel bei der Prävention von Gewalt gegen Frauen: Die stetige Begleitung und Stärkung von Jungen und männlichen Jugendlichen in ihrem Alltag. Gegenangebote zur Identifikationsfigur Alpha Male zu schaffen kann davon ein Teil sein. Und sich den Jugendlichen zu widmen, ihre Unsicherheiten zu begleiten.
Denn genau das ist der Nährboden der Manosphere: Junge Männer, die verunsichert sind. Von widersprüchlichen Erwartungen an sie, von Orientierungslosigkeit in ihrer Männlichkeit: Wie denn nun sein? Weich? Oder doch hart, wie es patriarchale Systeme, die sich auch in westlichen Sphären mit grotesken, aber erfolgreichen Figuren wie Donald Trump oder Elon Musk erneut als attraktives Modell aufbäumen, nahelegen?
Jungen sollten vor allem mündig gemacht werden, damit sie entscheiden können, was für Männer sie werden wollen. Doch für eine solche Unterstützung von Jungen braucht es Zeit und Geld. Und das Bekenntnis von Staat und Zivilgesellschaft, diese Themen mit Priorität zu behandeln, statt an ihnen zu sparen.






















