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Zeitfragen | Beitrag vom 09.04.2021

Französische Schriftsteller erzählen von AusnahmezuständenDer Schmerz holt sie ein

Von Sigrid Brinkmann und Clarisse Cossais

Der französische Schriftsteller und Journalist Philippe Lançon posiert während der Präsentation der spanischen Ausgabe seines Buches Le lambeau in Barcelona, Spanien, 03. September 2019. Lançon ist einer der Überlebenden des Terroranschlags auf Charlie Hebdo, bei dem 12 Menschen starben und 11 weitere verletzt wurden, nachdem er von Dschihadisten erschossen wurde. In seinem Buch erzählt der Schriftsteller seine Lebensgeschichte vor und nach dem Anschlag. (imago / Agencia EFE)
Der französische Schriftsteller und Journalist Philippe Lançon ist einer der Überlebenden des Terroranschlags auf Charlie Hebdo, bei dem 12 Menschen starben. (imago / Agencia EFE)

Drei französische Schriftsteller berichten auf unterschiedliche Weise von tiefgreifenden Ereignissen, die ihr Leben auf den Kopf gestellt haben.

Für den Journalisten Philippe Lançon geht durch das islamistische Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo im Januar 2015 eine Welt unter. Er überlebt mit schwersten Gesichtsverletzungen. Bereits im Krankenhaus beginnt er mit der Arbeit an dem Buch "Der Fetzen".

Während Millionen Menschen unter dem Motto "Je suis Charlie" für Meinungsfreiheit demonstrieren, praktiziert der Autor Emmanuel Carrère in aller Abgeschiedenheit einen zweiwöchigen Yogakurs auf dem Land. Er hofft, auf diese Weise Abstand zu seiner andauernden Ehekrise zu gewinnen. "Sich vom Schmerz zu befreien" ist das Ziel. Doch der holt ihn ein.

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Von dem Ereignis, das Frankreich und die Welt erschüttert, erfährt er erst Tage später. Zurück in Paris hält er die Trauerrede auf einen der Getöteten, einen Freund. Wenig später bricht Emmanuel Carrère zusammen, die Diagnose: bipolare Störung. Der Schriftsteller wird mit Elektroschocks behandelt. Fünf Jahre später ist sein Roman "Yoga" eines der meistverkauften Bücher.

Den Erzähler und Essayisten Camille de Toledo treiben Kummer und Furcht fort aus Paris. Ein transgenerationelles Trauma holte ihn ein. Drei Jahre lang kann er sich kaum mehr bewegen. In "Thésée, sa vie nouvelle" verwebt de Toledo die Geschichte seiner Familie mit den Gewalttätigkeiten und falschen Hoffnungen des 20. Jahrhunderts. Sein in Berlin geschriebenes Buch gelangt im vergangenen Jahr in die Endausscheidung für den "Prix Goncourt".

Schonungslos ehrlich zum Erfolg

Verblüffend ist die Offenheit, mit der Philippe Lançon, Emmanuel Carrère und Camille de Toledo von ihren Zusammenbrüchen, existenziellen Lebenskrisen und der folgenden tiefgreifenden Zäsur erzählen. Carrère und Lançon offenbaren innerste Regungen in autobiographischen Büchern. Sie sind dabei schonungslos ehrlich.

Camille de Toledo wählt die Romanform. Sein Buch "Thésée, sa vie nouvelle" und "Yoga" von Emmanuel Carrère sind noch nicht ins Deutsche übersetzt worden. Doch "Yoga" verkaufte sich nach Erscheinen im August 2020 in Frankreich innerhalb kürzester Zeit über 200.000 Mal. Die beharrlichen Versuche der drei Männer, trotz Störungen und Erschütterungen, Autonomie zurück zu gewinnen, berühren zutiefst.

Weiterleben war eine Entscheidung

Es ist ein Horrorszenario: der Redaktionsraum der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in der Pariser Rue Nicolas-Appert. Zwölf Menschen starben dort am 7. Januar 2015. Am Boden liegend nahm Philippe Lançon nichts als die Beine der Terroristen wahr.

Für ihn zerbrach an diesem Tag eine Welt. Er verlor Freunde. Der Anblick ihrer zerfetzten Leiber und ihrer zerborstenen Schädel hat sich für immer in sein Gedächtnis gebrannt, sein Gesicht wurde durch Schüsse entstellt. Nach 17 Operationen ist das klaffende Loch in seinem Unterkiefer heute geschlossen. Um ihm das Essen, Trinken und Sprechen wieder zu ermöglichen, hat man ihm neue Lippen geformt.

Er schreibt: "Ich nahm den Spiegel und entdeckte an der Stelle des Kinns und des Lochs ein von dicken schwarzen oder dunkelblauen Nähten eingefasstes blutiges, mit Vaseline beschmiertes Schnitzel, in einem hellen Farbton zwischen Weiß und Gelb, glatt, unbehaart und einfarbig wie ein Plastikspielzeug. Das sollte mein Kinn sein?"

Lançon hatte sich bereits in den ersten Minuten nach dem Aufwachen im Krankenhaus entschieden, weiterzuleben. Fast ein Jahr brachte er danach auf chirurgischen Stationen zu – und schrieb.

Der Todestrieb einer ganzen Familie

Das Schreiben rettete auch den Erzähler und Essayisten Camille de Toledo. Während einer existentiellen Krise suchte er Halt in Meditationen, im Schamanismus und in der Poesie. Camille de Toledo lebt seit 2012 in Berlin. Aus Paris, erzählt er, sei er regelrecht geflohen. Sein älterer Bruder hatte sich 2005 erhängt.

Im Jahr darauf starb seine Mutter in einem Autobus an Herzversagen. Es geschah am Geburtstag des toten Bruders. Dann erlag der Vater einem Krebsleiden. Traumatisiert durch den raschen Verlust seiner nächsten Angehörigen, versuchte Toledo in einer fremden Stadt, in einem anderen Land und in einem neuen Sprachraum Ruhe zu finden.

"Ich dachte, ich entkomme der Vergangenheit", erzählt de Toledo, "während ich vielmehr von ihr eingeholt wurde. Von der ganzen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Mein Weggehen aus Paris war eine Art Paradox. Ich wende mich an die Toten und an meine Kinder. Unsere Toten und unsere Kinder, das sind für mich die einzig möglichen Adressaten."

In Berlin beginnt der Autor, alte Familiengeheimnisse zu lüften – auch um den eigenen Kindern Qualen zu ersparen. Drei Kisten hat er mitgebracht, in denen Briefe, Fotografien und persönliche Dokumente aufbewahrt sind. Diese Papiere zeugen vom Leben seiner Verwandten. Camille de Toledo breitet sie aus und beginnt, Verbindungslinien zu entdecken.

Die eigene Geschichte umschreiben

"Ich musste mich erst in die persönlichen Dokumente vertiefen, um zu verstehen, was passiert war", sagt er. "Das Schreiben ermöglicht es einem, nicht auf sich bezogen zu bleiben oder auf ‚uns’ im familiären Sinne. Man findet zu einem ‚Wir’. Es hat Zeit gebraucht, dahin zu kommen. Ich habe versucht, den Todestrieb zu verstehen und das, was sich von Generation zu Generation fortsetzt."

Camille de Toledo wohnte bereits einige Jahre in Berlin, als er alarmierende körperliche Anzeichen wahrnahm. Seine Glieder begannen nach und nach zu versagen. Die "Chemie der Angst" teilt er mit seinem Protagonisten Thésée. Einen "Fallenden", hat Camille de Toledo den Protagonisten seines Romans "Thésée, sa vie nouvelle" genannt.

Kontrolle über den Körper und das Leben haben Camille de Toledo und sein Protagonist Theseus wiedererlangt, als sie anfingen, "ihre Toten" zu betrachten. Toledo versenkte sich gedanklich in die Zeit vor seiner Geburt. Und begann, seine persönliche Geschichte umzuschreiben.

Depression und Neuausrichtung

Auch Emmanuel Carrère erfindet sich im Schreiben noch einmal neu.

Er erzählt: "Es ging um eine persönliche Krise, die Trennung von meiner Frau, von der ich in Umrissen erzähle, ohne zu viel zu sagen, und ich hatte eine tiefe Depression. Obwohl ich meine Situation nicht mit viel schlimmeren Schicksalsschlägen vergleichen möchte, denke ich, dass eine tiefe Depression eine menschliche Grenzerfahrung ist. Man schrieb mir: Was Sie beschreiben, haben wir genauso erlebt. Und jetzt verspüren wir eine Art Erleichterung."

Rückhaltlos erzählt der 63 Jahre alte Emmanuel Carrère in seinem noch nicht auf Deutsch publizierten Roman von der Diagnose der bipolaren Störung und der Elektroschocktherapie. Er spricht von der Furcht, nie mehr im Leben auf eine stabile Partnerschaft hoffen zu können und von dem Wunsch zu sterben: 

"Ich denke, die Dinge beim Namen zu nennen – selbst die am wenigsten schmeichelhaften, die peinlichen –, kann nützlich sein. Nicht nur für einen selbst, sondern auch für die anderen. Ich behaupte, dass meine Sicht von Nutzen ist."

Posttraumatisches Wachstum ohne Pathos

Emmanuel beschreibt sich selbstkritisch als "narzisstischen, instabilen, von der Obsession, ein großer Schriftsteller zu sein" getriebenen Mann. Er tut das ohne jedes Pathos.

Drei Männer überwinden ihre Dämonen. Carrère die Sorge, von Medikamenten abhängig zu werden, Philippe Lançon die Scheu, der Welt ein entstelltes Gesicht zu präsentieren und Camille de Toledo die Wut darüber, allzu lange in einem Käfig gelebt zu haben, der aus familiären Legenden gezimmert worden war. Ihre Lebensziele und Wertvorstellungen, ihren ganzen Daseinsgrund mussten sie neu ausrichten.

Alle drei sind gebrochene Männer. Ihre moralische Stärke zeigt sich in der Weise, wie sie ihre Schwäche, ihre Furcht und Seelennot reflektieren. Dennoch macht die Schilderung ihrer Leidenswege keine Voyeure aus denen, die ihre Werke lesen. Mit Hilfe der Literatur und des Schreibens, ohne Hass und Ressentiment, ist es ihnen gelungen, ins Leben zurück zu finden.

(huk)

Sprecher*innen: Frank Arnold, Tonio Arango, Tilmar Kuhn und Sigrid Brinkmann
Regie: Clarisse Cossais
Ton: Martin Eichberg
Regie: Dorothea Westphal

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