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Lesart | Beitrag vom 31.08.2018

Franziska Schreiber: "Inside AfD"Bericht über eine Partei, der Fragen offen lässt

Von Nadine Lindner

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Cover von Franziska Schreibers Buch "Inside AfD". Im Hintergrund sind Anhänger der AfD zu sehen, die am 16.8.18 in Dresden gegen den Besuch von Angela Merkel demonstrieren.  (Europaverlag /  imago stock&people)
Franziska Schreibers Buch "Inside AfD": (Europaverlag / imago stock&people)

In ihrem autobiografischen Buch schreibt Franziska Schreiber von der Faszination, die die AfD auf sie ausübte. Sie gibt Einblicke in das Innenleben der Partei, wie es einmal war oder gewesen sein könnte, denn manche Info hat sie nur aus zweiter Hand.

Der Begriff "Aussteigerin" auf dem Cover macht zunächst stutzig: Aus einer Sekte würde man aussteigen – in eine politische Partei tritt man für gewöhnlich erst ein und dann einfach wieder aus. Zwar beschreibt Franziska Schreiber geschlossene Weltbilder und Radikalisierungsdynamiken in der AfD, dennoch wirkt das plakative "Aussteiger"-Etikett wie eine gewollte Überhöhung. Das Buch braucht so etwas indes nicht. Denn "Inside AfD" liefert auch so interessante Einblicke in die Partei.

Der Ablösungsprozess der Jungpolitikerin beginnt mit dem politischen Niedergang von Frauke Petry, wie die Autorin bei der Buchvorstellung erklärte: "Die Entscheidung, aus der AfD auszutreten, war schon am Kölner Parteitag getroffen worden, als Frauke Petrys Zukunftsantrag nicht durchgegangen ist. Und die Entscheidung, bis zu Bundestagswahl zu warten, also zehn Tage davor, das war eine rein taktische Entscheidung. Das hab ich auch im Buch geschrieben. Da mache ich auch keinen Hehl draus."

Sucht nach negativen Nachrichten und Fake News

Der autobiografische Bericht umfasst drei Phasen: die anfängliche Faszination, die aktive Zeit und die Abnabelungsphase. Man kann aus dem Buch einiges darüber lernen, was die AfD für ihre Anhänger so faszinierend macht. So beschreibt Franziska Schreiber auf Seite 36, wie sie kurz nach ihrem Eintritt einen "Rausch der Meinungsfreiheit" erlebte: Alle durften alles sagen, keiner musste sich selbst zensieren. Es folgt eine aktive Zeit als Landesvorsitzende der Jungen Alternative, damals noch keine offizielle Jugendorganisation der AfD, aber mit engen Bindungen zur Partei.

Die junge Politikerin entwickelt fast eine Sucht nach negativen Nachrichten, die sie dann über den Facebook-Account ihrer Organisation verbreitet. Für einiges dort Veröffentlichte schämt sie sich heute, weil sie Statistiken verfälscht habe und in die Demagogie abgeglitten sei. Seit ihrem Austritt aus der AfD kann die Autorin Deutschland wieder in helleren Farben sehen, hat sich dafür aber einigen Ärger eingehandelt.

Politischer und juristischer Streit ums Buch

Politisch den meisten Staub wirbelte die Behauptung auf, Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen habe Frauke Petry ein Ausschlussverfahren gegen den ultrarechten Björn Höcke empfohlen, andernfalls werde die Partei beobachtet. Maaßen hat die Gespräche eingeräumt, bestreitet aber, Tipps gegeben zu haben.

Andere Genannte wehren sich juristisch gegen Passagen des Buches, etwa der neurechte Verleger Götz Kubitschek mit einer Unterlassungsforderung. Über ihn heißt es bei Schreiber, er habe mit Höcke Reden von Joseph Goebbels analysiert, um daraus "Höcke-Reden mit modifizierten Versatzstücken" abzuleiten. Kubitschek weist das zurück. Möglicherweise ist die Autorin hier Parteiklatsch aufgesessen, denn sie berichtet nur aus zweiter Hand. Gerichte werden diese Umstände ebenso zu klären haben wie die Aussage, die Ex-CDU-Abgeordnete Erika Steinbach habe die AfD frühzeitig finanziell unterstützt.

Trotz dieser Unwägbarkeiten ist "Inside AfD" ein lesenswertes Buch, das einen Einblick in das Innenleben der Partei erlaubt. Allerdings beschränkt sich dieser auf eine Zeit vor ihrem Einzug in den Bundestag, als noch vieles ungeklärt schien. Darin liegen dann auch die analytischen Schwächen. Zum einen spiegelt sich der Professionalisierungsschub der Partei mit der Aufnahme der parlamentarischen Arbeit im Buch nicht mehr wider, zum anderen erscheint die Aussage ungenau, der rechte Flügel dominiere die Partei komplett. Auch in der AfD gibt es Flügelkämpfe.

Einige Punkte, die in Zukunft eine Zerreißprobe für die AfD darstellen könnten, tauchen ebenfalls kaum auf. Debatten um die richtige Sozialpolitik und die Rentendiskussion werden Fliehkräfte innerhalb der Partei freisetzen. Davon erfährt der Leser wenig.

Franziska Schreiber: "Inside AfD - Der Bericht einer Aussteigerin"
Europaverlag, München 2018
224 Seiten, 18 Euro

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