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Lesart | Beitrag vom 26.01.2019

Frank Bösch: "Zeitenwende 1979"Wie vor 40 Jahren die Welt von heute begann

Von Moritz Behrendt

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Buchcover "Zeitenwende 1979" von Frank Bösch, im Hintergrund eine Demonstration gegen den Schah im Jahr 1979 in Teheran (C.H.Beck Verlag / dpa / United Press International)
"Zeitenwende 1979": Die iranische Revolution ist eines der Beispiele des Historikers Frank Bösch. (C.H.Beck Verlag / dpa / United Press International)

Die Welt, in der wir heute leben, nahm vor vier Jahrzehnten ihren Anfang: Diese These erklärt der Historiker Frank Bösch in "Zeitenwende 1979" anhand von zehn Beispielen - von der Revolution im Iran über Margaret Thatcher bis zum Kaffee aus Nicaragua.

Historischer Radio-Reporter: "Die Straßen sind gesäumt von Millionen von Menschen, die jetzt darauf warten, einen Blick auf ihr Idol zu werfen. Die Route, die der Ayatollah nehmen wird, ist 31 Kilometer lang und diese 31 Kilometer sind eng gesäumt von Menschen, die jetzt begeistert auf den Empfang warten."

Frank Bösch: "Man war direkt am Fernseher dabei und konnte Geschichte erleben. Wir haben seit den 70er-Jahren Satellitenfernsehen, und dieses Satellitenfernsehen ermöglicht erst, dass Reporter in dem Moment, in dem etwa die Massen in Teheran Khomeini empfangen, direkt vor Ort live senden konnten."

Weltpolitik im Wohnzimmer: 1979 war ein Jahr, in dem sich die Welt schneller zu drehen schien. Viele Ereignisse wirken bis heute nach. Und sie waren, so Bösch, auch für Deutschland relevant:

"Jemand der im Iran lebt, der in China lebt, der in Nicaragua lebt, selbst jemand der in Großbritannien lebt, der denkt die Welt vielleicht nicht von 1933 her, der denkt die Welt vielleicht noch nicht mal von 1989 her, sondern für diese Region ist 1979 ein Schlüsseldatum. Der Grundgedanke bei diesem Buch ist, zu fragen, inwieweit dieser grundlegende Wandel in nichteuropäischen Regionen mit uns auch zu tun hat."

Neuorientierung in der Weltpolitik von Iran bis China

Auf originelle Weise fächert der Autor auf, wie eng 1979 Politik und Gesellschaft in Deutschland mit dem Geschehen in weit entfernten Ländern verzahnt waren. So warf die Revolution im Iran auch in Bonn Fragen auf: Wie steht es um die Öllieferungen? Wie umgehen mit der neuen Herausforderung durch den politischen Islam?

"Viele trauten Khomeini wenig zu, sahen ihn als eine Übergangslösung, Helmut Schmidt sagte wörtlich: 'Die Ayatollahs können das Land nicht ewig regieren'. Man gab Khomeini im Grunde genommen ein paar Jahre und glaubte, dass der Spuk dann vorbei sei", sagt Frank Bösch.

Der Bundesregierung war es wichtig, dass die Geschäfte auch mit dem neuen Iran weiterliefen - selbst als klar wurde, dass das Regime massiv gegen Menschenrechte verstieß. Ähnlich verhielt sich die Regierung in Ostberlin. Noch kurz vor der iranischen Revolution wollte Honecker den Schah in die DDR einladen. Später versuchte die DDR, durch Waffenlieferungen ihren Einfluss in Teheran zu steigern, was nicht wirklich gelang.

Auf der Grundlage intensiver Archivstudien und in schnörkelloser Darstellung beschreibt Bösch die Wechselwirkungen zwischen Deutschland und der Weltpolitik, die sich in mehrerer Hinsicht neu zu ordnen begann. Chinas geplanter Aufstieg zur Exportnation begann und erstmals kamen in großen Zahlen Flüchtlinge von außerhalb Europas nach Deutschland: die Boat People.

Kaffeetrinken als politischer Solidaritätsbeweis

Die Bilder von baufälligen Schiffen, überfüllt mit hilfesuchenden Flüchtlingen, bewegten damals viele Deutsche. Der Vergleich mit der Gegenwart drängt sich für den Historiker Bösch da geradezu auf:

"Man kann den neueren Begriff der 'Willkommenskultur' hier durchaus anwenden. Neu in dieser Phase ist einerseits das engagierte Auftreten von kleinen NGOs wie Cap Anamur, aber gleichzeitig auch die breit in der Bevölkerung verankerte Unterstützung. Markant ist, dass diese Stimmung – ähnlich wie später dann auch bei der Aufnahme der syrischen Flüchtlinge – dass diese Stimmung kippt."

Sandinisten nach ihrem Sieg am 19. Juli 1979 in Managua neben einer umgestürzten Statue von Anastasio Somoza Garcia, dem Vater des besiegten Diktators Anastasio Somoza Debayle. (picture-alliance / dpa)Juli 1979: Sandinisten in Managua neben einer umgestürzten Somoza-Statue (picture-alliance / dpa)

Wie sehr 1979 nicht nur die Politik, sondern auch die Bevölkerung Anteil nahm an den weltpolitischen Umbrüchen, wird im Kapitel über Nicaragua deutlich. Anders als noch 1968 wurde im linksalternativen Milieu nicht nur debattiert und demonstriert - die sandinistische Revolution sollte aktiv unterstützt werden: durch Arbeitsaufenthalte in Nicaragua, durch Schulpartnerschaften und den Import von fairem Kaffee.

Hier erlaubt sich Bösch ausnahmsweise etwas liebevolle Ironie. Wenn er den Genuss der Sandino-Dröhnung, des nicaraguanischen Kaffees, "durchaus als Solidaritätsbeweis" bezeichnet oder zum Engagement einer Gesamtschule in Hessen schreibt:

"Kleine Orte wie Bruchköbel partizipierten so an der Weltpolitik."

Warum verdichtet sich 1979 die Geschichte?

Warum schien sich 1979 die Geschichte zu verdichten? Mit theoretischen Überlegungen dazu hält sich Bösch angenehm zurück. Er beschreibt aber nachvollziehbar, wie sich ausgehend vom Krisendiskurs der späten 70er-Jahre vielerorts der Wunsch nach radikaler Veränderung breitmachte: Das führte in Großbritannien zur Wahl von Margaret Thatcher mit ihren marktliberalen Ideen, in Deutschland zum Aufstieg der Grünen, die von einer ökologisch verträglichen Wirtschaft träumten.

Laut Bösch war es entscheidend, dass charismatische Führungspersönlichkeiten diese Wechselstimmung aufgriffen und vorantrieben: Thatcher, Deng Xiaoping, Khomeini und auch der ein Jahr zuvor gewählte Papst Johannes Paul der II. Dessen Reise in sein Heimatland Polen wurde zu einer Massenveranstaltung´.

Historischer Radio-Reporter: "Eine ergreifende Szene: Der Papst kniet nieder und küsst die Erde, den Boden seiner Heimat. Der langersehnte Augenblick ist da: Polen hat seinen Papst wieder."

Parallelen von Johannes Paul II. zu Ayatollah Khomeini

Millionen Polen wollten den Papst sehen - sein als Pilgerreise deklarierter Besuch gewann auch deshalb politisches Gewicht. Da, sagt Bösch, gebe es durchaus Parallelen zum iranischen Revolutionsführer Khomeini:

"Beide interagieren in neuartiger Intensität mit Millionen von Menschen, die auf den Straßen sind, suchen das Gedränge und dieses Gedränge sucht sie. In beiden Fällen ist die Religion plötzlich mit einer politischen Sprengkraft verbunden."

Bösch übertreibt es nicht mit Verbindungslinien zwischen den zehn von ihm ausgewählten Ereignissen - und er bleibt auch nicht stur bei einer Beschreibung der Geschehnisse von vor 40 Jahren. In knappen Worten zeigt er die Entwicklung bis zur Gegenwart auf. In der Zusammenschau wird deutlich, wie vieles in der Welt von heute 1979 seinen Lauf nahm.

Für seine These, dass 1979 eine Zeitenwende war, findet Bösch eindeutige Belege und klare Argumente. Sein Buch bietet eine neue Perspektive und füllt so eine Leerstelle in der deutschen Geschichtswissenschaft und Erinnerungskultur. Deutsche Geschichte im späten 20. Jahrhundert kann keine Nabelschau mehr sein - sie muss die ganze Welt in den Blick nehmen, so unübersichtlich sie seit 1979 auch ist.

Frank Bösch: "Zeitenwende 1979"
C.H.Beck Verlag, München 2019
512 Seiten, 28 Euro

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