François Sarano: „Wie man mit Walen tanzt"
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In der Welt der zärtlichen Giganten
06:32 Minuten

François Sarano
Aus dem Französischen von Christine Ammann
Wie man mit Walen tanzt. Was uns Pottwale über die Ozeane und die Menschen erzählenFolio Verlag, Wien 2026248 Seiten
26,00 Euro
Pottwale wirken wie Wesen aus einer fremden Welt. Der französische Ozeanograf und Taucher François Sarano erzählt von seinen Begegnungen mit den faszinierenden Giganten, seinen Tauchgängen, von Wal-Kitas und schlafenden Wal-Familien.
Pottwale werden seit dem 18. Jahrhundert gnadenlos gejagt. Denn sie lieferten Öl – ein großer Pottwal-Bulle von 20 Metern brachte etwa 6000 Liter. Allein im 19. Jahrhundert wurden deshalb 236.000 Pottwale erlegt, und in den 1960er-Jahren starben jährlich 30.000 Tiere durch die Harpunen der Walfänger.
Das hat ihre Zahl drastisch reduziert. Heute leben weltweit etwa noch 350.000 Pottwale. Doch sie sind nach wie vor gefährdet.
Tauchkünstler mit unglaublichen Fähigkeiten
Die Tiere scheinen Wesen aus einer anderen Welt zu sein: Sie können aufgrund ihrer Blutmenge, der Struktur der roten Blutkörperchen sowie der Sauerstoffbindung in den Muskeln mehr Sauerstoff aufnehmen als jedes andere Lebewesen. Tauchend erreichen sie so Tiefen von bis zu zwei Kilometern, in denen sie bis zu eineinhalb Stunden ausharren.
Ihr Hauptsinnesorgan ist das Gehör, das wie ein Echolotsystem funktioniert: Der Wal stößt ein Geräusch aus, das von einem Hindernis zurückgeworfen wird. Durch die Analyse der reflektierten Schallwellen kann er das Hindernis orten und genau erkennen.
François Sarano, der sehr genau und gut lesbar die wissenschaftlichen Fakten referiert, mischt diese mit persönlichen Erlebnissen – Begegnungen mit Pottwalen, die zeigen, dass die Meeresriesen Individualität und Empathie besitzen.
Er schreibt über seine Zusammentreffen mit verspielten Jungwalen und einzelnen Walen, die besonders neugierig und kommunikativ sind und sich immer wieder dem Taucher nähern. Anschaulich erklärt der Ozeanograf, wie frischgeborene Pottwale versorgt und betreut, und in eine Art Wal-Kita aufgenommen werden, wo sich auch Artgenossen um die Jungen kümmern, und die so die Techniken der Jagd entwickeln und voneinander lernen.
Ein besonderer Tauchgang führt ihn mitten in eine Gruppe senkrecht treibender und schlafender Pottwale, in einen Familienverband, der den Forscher durch einen langandauernden, behutsamen Kontakt vertrauensvoll akzeptiert hat.
Eindrucksvolle Fotos und Videos
Die schlafenden Wale bieten, wie ein Foto zeigt, einen bewegenden Anblick. Auf anderen Bildern sieht man, wie sich der Autor auf dem Rücken schwimmend einem ebenfalls auf dem Rücken treibenden Pottwal annähert. Ergänzend zu den zahlreichen Fotografien gibt es QR-Codes, mit denen man kurze Videosequenzen im Internet anschauen kann. Alles sehr nahbar und berührend; wie man überhaupt in jeder Zeile des Buches die riesengroße Begeisterung François Saranos für diese Riesen spürt: wundervolle, faszinierende Lebewesen, mit vielfältigen Fähigkeiten und Charakterzügen.
Und so lauten das Credo und Fazit des begeisterten Franzosen: Erst der Respekt, den wir anderen Lebewesen gegenüber aufbringen, definiert uns als Menschen. Wie wir uns Walen, Haien oder auch anderen Lebewesen nähern, wie wir die Wildnis betrachten, gehört dazu. Stirbt aufgrund unseres Handelns eine Art aus – und bedroht sind viele – beschädigen wir uns in unserer Menschlichkeit am Ende selbst.
















