Die Doppelmoral der Walschützer
Rettungsaktion für den getrandeten Buckelwal vor der Insel Poel. © picture alliance / dpa / Jens Büttner
Fleischgewordenes schlechtes Gewissen

Posten, hinfahren, Tränen weinen – und dann Chicken Wings bestellen. Der gestrandete Wal Timmy zeigt, wie symbolische Anteilnahme als ideologische Schutzschicht funktioniert, meint David Lauer – und sieht darin trotzdem eine Chance.
Ein Tier stirbt live – trotz aller Rettungsversuche, quälend langsam und vor den Augen der zur Hilflosigkeit verdammten Beobachter. Das ist traurig. Und doch verrät die gewaltige öffentliche Anteilnahme am Schicksal des in der Ostsee gestrandeten Buckelwals weniger über unsere Liebe zu Tieren als über die verzerrten Bedingungen, unter denen diese Liebe in modernen Gesellschaften operiert.
Einerseits zeigt sich eine überschießende Empathie, für die jeder finanzielle und personale Aufwand gerechtfertigt erscheint, um der leidenden Kreatur zu helfen. Diese Empathie steht jedoch andererseits in einem merkwürdigen Widerspruch zu der mitleidlosen Routine, mit der wir die extremen Qualen von Abermillionen Tieren in der industriellen Fleischproduktion betreiben oder die Zerstörung der Meere als Lebensraum, damit Chicken Wings und Fischstäbchen billig bleiben.
Diese Zerstörung bleibt jedoch im Alltag unsichtbar und das Leiden in den Tierfabriken anonym. Fände es öffentlich statt, wäre es nicht zu ertragen. Timmy der Wal hingegen hat einen Namen. Er erscheint als ein individuelles Wesen mit einem erzählbaren Schicksal.
Tierliebe als Bewusstseinsspaltung
So lassen sich alle möglichen kollektiven Affekte auf ihn projizieren. Das monumentale, unergründliche und still leidende Tier materialisiert sich vor der Küste wie eine fleischgewordene, wortlose Anklage.
Wir leben in einer Gesellschaft, die ihre individuelle Tierliebe mit der auf Profitmaximierung zielenden Vernichtung ganzer Ökosysteme nur durch eine Art Bewusstseinsspaltung in Einklang bringen kann. Und so arbeitet diese Gesellschaft an Timmy, dem Buckelwal, ihr verdrängtes schlechtes Gewissen ab – in der Hoffnung auf Absolution.
Anders ist der fast sakrale Charakter der Pilgerfahrten an den Strand, der Livestreams, Mahnwachen und erregten moralischen Schuldzuweisungen nicht zu verstehen. Timmy ist das perfekte moralische Objekt einer von ihren eigenen Widersprüchen zerrissenen Öffentlichkeit: emotional eindeutig genug für Mitgefühl, unschuldig genug für Einigkeit, symbolisch aufgeladen genug für Projektionen.
Sozialpsychologische Gesellschaftsdiagnostiker wie Slavoj Žižek haben herausgearbeitet, wie symbolische Gesten uns das befriedigende Gefühl geben, moralisch gehandelt zu haben, ohne die strukturellen Ursachen des Elends angehen zu müssen.
Auch die symbolische Anteilnahme hat ihre Berechtigung
Die symbolische Anteilnahme – posten, teilen, hinfahren, Tränenemojis – wird zum Element einer Genussstruktur des Moralischen und schirmt uns zugleich ideologisch ab: von der Einsicht in unsere Mitverantwortung für die politischen Rahmenbedingungen des Elends.
Das bedeutet keineswegs, dass man das Mitgefühl für Timmy grundsätzlich als unecht oder moralisch wertlos abtun muss. Moral ist nie völlig universal, sondern immer eingebettet in Beziehungen zu konkreten Anderen, Rollen und Situationen.
Persönliche Nähe erzeugt besondere positive Pflichten. Einem in Not geratenen Mitwesen im unmittelbaren eigenen Lebensumfeld nicht zu helfen mit dem Argument, man könne ja all den anderen Notleidenden außerhalb des eigenen Handlungsraumes auch nicht helfen, wäre zynisch. Das gilt für Tiere wie für Menschen.
Anteilnahme als entlastendes moralisches Alibi
Die mit bedingungslosem Einsatz unternommene Rettung eines in einen Brunnen gefallenen Kindes ist richtig. Sie wird nicht dadurch entwertet, dass im Zeitraum der Bergung nur wenige Kilometer weiter zahlreiche moralisch gleich wertvolle Kinder in Flüchtlingsbooten auf dem Mittelmeer zugrunde gehen – Kinder, denen niemand hilft.
Ein Leben zu retten, ist sicher besser, als keines zu retten. Problematisch ist es, wenn die Anteilnahme am Einzelschicksal bloß als Ventil dient – als entlastendes moralisches Alibi, um die vielen gleichartigen Fälle nur umso besser ignorieren zu können.
Zumindest potenziell könnte die Anteilnahme aber auch zum Ausgangspunkt eines echten Lernprozesses werden: einer Erweiterung des Blickfelds vom zu Herzen gehenden Einzelfall hin zu einer allgemeinen Einsicht. Dann könnten die kollektiven Gefühle für einen Buckelwal diese Gesellschaft darüber belehren, dass ihr Verhältnis zu Tieren grundsätzlich einer Neubestimmung bedarf.















