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Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.05.2016

"Floating Piers" im Iseo-SeeMit Christo übers Wasser gehen

Von Nadine Dietrich

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Christos "Floating Piers": Die Potons sind so konstruiert, dass sie mit der Wasserkante abschließen. (Deutschlandradio / Nadine Dietrich)
Christos "Floating Piers": Die Potons sind so konstruiert, dass sie mit der Wasserkante abschließen. (Deutschlandradio / Nadine Dietrich)

Der Installationskünstler Christo bereitet seinen nächsten Coup vor: Schwimmende Stege über dem Iseo-See in Norditalien. Bis zu 40.000 Besucher werden täglich erwartet, die über die die goldgelb-orangenen "Floating Piers" spazieren.

Früh am Morgen zieht ein Motorboot eine überdimensionierte Badeinsel gemächlich über den Iseo-See: Sie ist 100 Meter lang, 17 Meter breit und zusammengeschraubt aus blendend weißen Plastikwürfeln. Rund um den See: bis zu 1.000 Meter hohe, dunstig-blaue Berge. Das Motorboot steuert auf die Insel Monte Isola zu: ein 600 Meter hoher Berg mit Eisdielen und Fischrestaurants am schmalen Ufer.

Das Motorboot nähert sich den dort bereits installierten, schwimmenden Stegen. Von hier aus sollen sie übers Wasser zur nächsten Insel "Sao Paolo" führen. Die überdimensionierte Badeinsel wird vorsichtig an die Stege rangiert.

Christos "Floating Piers": Die Stege rund um die Insel Sao Paolo sind bereits installiert.  (Deutschlandradio - Nadine Dietrich)Christos "Floating Piers": Die Stege rund um die Insel Sao Paolo sind bereits installiert. (Deutschlandradio - Nadine Dietrich)

Dann wird es hektisch: Drei Arbeiter schieben große Plastikschrauben zwischen die weißen Plastikwürfel und ziehen sie fest, bevor die Pontons auseinanderdriften können. Wieder sind die "Floating Piers" 100 Meter weiter in den See hineingewachsen.

Christos Installationen wirken wie aus einer anderen Welt

An der Uferpromenade der Insel stehen Einheimische und Touristen, sie fotografieren, drehen Videos. Angelika Bayer aus München lässt kurz das Smartphone sinken:

"Wir haben in vier Wochen schon ein Hotel gebucht und werden wieder runterkommen und wollen jetzt einfach mal sehen, wie das hier aufgebaut wird."

Angelika Bayer hat mit ihrem Mann bereits den verhüllten Reichstag gesehen, ebenso die verhüllten Bäume in Basel und "The Gates" im New Yorker Central Park. Christos Installationen faszinieren sie:

"Das sieht so surreal aus, wie von einer anderen Welt, weil es nicht in die Realität passt." 
Mann: "Übers Wasser gehen, das hat bisher nur Jesus gemacht und jetzt kann man es selber mal ausprobieren, wie das so ist." 
"Was mich fasziniert, dass es sich wirklich mit dem Wasser bewegt, ich hätte nicht gedacht, dass es so flexibel ist."

Christos "Floating Piers": Die schwimmenden Stege wachsen langsam in den See. (Deutschlandradio / Nadine Dietrich)Christos "Floating Piers": Die schwimmenden Stege wachsen langsam in den See. (Deutschlandradio / Nadine Dietrich)

Zwei Taucher springen ins Wasser und bohren unter Wasser Löcher in die Kaimauer. Sie treiben dicke Gewindebolzen in die Wand, schrauben eine Halterung an. Über eine Stahlkette soll sie das Abdriften der ufernahen schwimmenden Stege verhindern. An Land stoppt ein Auto der Kommune. Gian Paolo Ziciani steigt aus, er ist der technische Leiter der Kommune - mit ihm drei Vertreter für Dixi-Toiletten:

"Für uns ist das sehr interessant, weil es eine Installation von Weltrang ist. Und wir hoffen, dass alles gut läuft. Aber natürlich kommen auch große Probleme mit der Wasserversorgung, dem Müll und dem Abwasser auf uns zu: Hier haben wir normalerweise 1.800 Einwohner - und jetzt sollen 15.000, zu Hochzeiten sogar 40.000 Menschen am Tag herkommen!"

Und die wollen parken, essen, trinken, zur Toilette, duschen - und vor allem rauf auf die schwimmenden Stege! Dabei kommen alle unter dem Fenster von Paolo Testolin vorbei, er wohnt am Hauptzugang zu den "Floating Piers":

"Ich halte das für ein sehr faszinierendes Werk. Aber ich mache mir auch Sorgen wegen der großen Zahl an Menschen, die herkommen werden. Die Zugangswege zu den Stegen sind sehr eng."

Vor seiner Tür ist es ein vielleicht drei Meter breiter Gang zwischen hohen Mauern.

Satellitenfrühwarnsystem für schlechtes Wetter

Die "Floating Piers" sind recht riskant: Der Iseo-See ist im Bereich der Installation bis zu 95 Meter tief, die Stege führen weit hinaus aufs Wasser. Wer ins Wasser fällt, muss gut schwimmen können. Wegen des lokalen Wetterphänomens Sarnerghera, ein in fünf Minuten aufziehender Sturm mit Starkregen, hat die Kommune extra ein Satellitenfrühwarnsystem einrichten lassen.

Projektmanager Wolfgang Volz von Christos Team verweist auf die Stegverankerungen - 5,5 Tonnen schwere Betonwürfel halten jeweils 100 Meter Ponton-Abschnitte am Seeboden. Außerdem:

"Wir haben zu jeder Zeit 150 Personen als Wachpersonal am Ort in Schlauchbooten und auf den Floating Piers. Falls jemand mal ins Wasser fällt oder ins Wasser springt, dass der auch wieder rauskommt."

Christo in seinem Atelier in New York: Er steht vor einem Bild, das sein Projekt "Floating Piers" zeigt. Der Künstler möchte schwimmende Stege bauen, die er mit knallgelben Stoff beziehen möchte.  (picture alliance / dpa)Christo in seinem Atelier in New York: Er steht vor einem Bild, das sein Projekt "Floating Piers" zeigt. Der Künstler möchte schwimmende Stege bauen, die er mit knallgelben Stoff beziehen möchte. (picture alliance / dpa)

Von Christo war eigentlich gewünscht, dass es keine Zugangsbeschränkungen geben soll. Die Präfektur sieht das anders: aus Sicherheitsgründen sollen nur noch 5.000 Menschen gleichzeitig aufs Wasser, über die genaue Zahl wird momentan verhandelt. Bei bis zu 40.000 erwarteten Besuchern an den Wochenenden muss sich der winzige Ort Sulzano auch über lange Warteschlangen und möglicherweise Gedränge Gedanken machen. Denn wer an den Iseo-See reist, der möchte dann natürlich auch übers Wasser laufen - über das gold-gelb-orangefarbene Band, das schnurgerade über tiefblaues Wasser führt.

Weitere Informationen über die "Floating Piers" im Iseo-See finden Sie auf Christos Website. Die Installation ist vom 18. Juni bis 3. Juli 2016 geplant.

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