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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 22.05.2015

FleischUnwohl mit Tierwohl

Von Udo Pollmer

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Eine Zuchtsau steht am in einem Schweinemastbetrieb vor ihrer Box. (picture alliance / dpa / Axel Heimken)
Eine Zuchtsau steht am in einem Schweinemastbetrieb vor ihrer Box. (picture alliance / dpa / Axel Heimken)

Das Wohlergehen der Nutztiere liegt der Gesellschaft am Herzen – und inzwischen will sie sich das sogar etwas kosten lassen. Der Lebensmittelhandel hat einige Millionen Euro in die Hand genommen, um tierfreundlichere Agrarbetriebe zu unterstützen.

Es wird wieder Geld verteilt: Diesmal soll es den Tieren in den Ställen besser gehen. Handelsunternehmen haben für die "Initiative Tierwohl" dieses Jahr etwa 50 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Das sollte für gut 10 Millionen Schweine reichen. Zum Vergleich: Jedes Jahr werden in Deutschland an die 60 Millionen Borstentiere geschlachtet.

Das Interesse der Landwirte ist groß – viele Anträge wurden abgelehnt, weil das Geld schon jetzt nicht mehr reicht. Für die abgelehnten Betriebe ist das bereits ein Verlustgeschäft. Denn sie mussten vor der Anmeldung in Vorleistung treten, beispielsweise Umbauten an ihren Ställen vornehmen, die sie aus eigener Tasche bezahlt haben. Nun gut, wenn es dadurch den Schweinen besser geht, ist das nicht von Schaden.

Es gibt bei der Aktion Tierwohl Basiskriterien, die jeder erfüllen muss wie das Anbieten von Raufutter oder 10 Prozent mehr Platz, sowie Wahlkriterien, wie beispielsweise "Komfortliegeflächen". Für jede Maßnahme gibt's ein paar Cent, so dass am Ende pro Schwein bis zu 5 Euro rausspringen. In neuen Ställen lassen sich die Kriterien viel leichter erfüllen. Bei älteren und damit kleineren Ställen wird's schwierig – in den 80er Jahren wurde noch fensterlos gebaut. Inzwischen ist Tageslicht Standard. Der beste Weg zu mehr Tierwohl wäre die Genehmigung neuer Ställe unter der Auflage, die alten plattzumachen.

Handel hat die Misere bei der Tierhaltung mitverschuldet

An der Wursttheke der Supermärkte wird für den Kunden nicht mehr erkennbar sein, woraus seine Schweinswürstel bestehen. Die Angst des Handels ist wohl zu groß, dass im Falle der Rückverfolgbarkeit bis in die Ställe doch wieder Unappetitliches aufgedeckt wird. Bei der Vielzahl der Betriebe, die am Tierwohlprogramm teilnehmen, ist eine lückenlose Kontrolle ziemlich teuer. Ob der Handel dazu bereit ist, steht in den Sternen. Bisher war er vor allem damit beschäftigt, Kosten zu senken und wo immer möglich, bei den Lieferanten die Preise zu drücken. Mit dem steten Drehen an der Preisschraube hat der Handel die Misere bei der Haltung von Nutzvieh ja selbst mitverschuldet.

Die Schmuddelbetriebe, die die ganze Branche in Verruf bringen, wird es auch weiterhin geben. Denn wenn bäuerliche Sturköppe sich nicht an gesetzliche Regelungen halten wollen, werden sie sich hüten, an Programmen teilzunehmen, die auch kontrolliert werden. Statt neuer "Initiativen" ist es nötig, bestehendes Recht zu kontrollieren und bei Verstößen zu ahnden. Vieles von dem, was in der Öffentlichkeit beklagt wird, wie Bilder von kranken oder verletzten Tieren, sind klare Verstöße gegen bestehendes Tierschutzrecht. Dieses Recht existiert längst – aber es wird nur zögernd umgesetzt.

Keine privatwirtschaftlichen Parallelstrukturen schaffen

Tierschutz darf keine Frage von Freiwilligkeit sein. Deshalb wäre es sinnvoller, die Veterinärämter zu stärken, statt neue privatwirtschaftliche Parallelstrukturen zu schaffen. Dabei reicht es nicht, wie jetzt üblich, am Schlachthof krankhafte Veränderungen an Lungen und Lebern zu erfassen und den Landwirten dafür ein paar Cent abzuziehen. Es müssen auch solche Merkmale erfasst werden, die auf eine miserable Haltung hinweisen, wie typische Schäden an den Klauen. Ausgestattet mit diesen Daten, können die Veterinärämter Problembetriebe gezielt überprüfen und sanktionieren.

Die Tierwohl-Initiative des Handels wirkt wie ein Strohfeuer, das das Image der Supermärkte aufpolieren soll. Wenn das Geld verbraucht ist, ist alles wieder beim Alten, und für die Mehrzahl der Schweine war das Tierwohl-Programm sowieso nicht gedacht.

Für die Handels- und Lebensmittelkonzerne bietet die Kritik an der Tierhaltung verlockende Perspektiven: Für sie kommen vegane Ersatzprodukte für Fleisch, Wurst und Käse wie ein warmer Regen. Diese Imitate werden aus Rohstoffen synthetisiert, die bisher im Schweinetrog landeten wie Sojaexpeller oder Weizenkleber. Dazu kommen dann wie beim Analogkäse Wasser und Bindemittel, Farbstoffe und Aromen. Die Gewinnspannen in diesem Segment sind astronomisch. Dann gibt's endlich Schweinefutter mit Fischgeschmack zum Preis von Kaviar. Mahlzeit!

Mehr Infos zur beschriebenen Initiative:
www.initiative-tierwohl.de
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