Heilsame Kraft

Wie ich lernte, die Kälte zu lieben

An dem Display einer Kältekammer wird die Temperatur -150 Grad Celsius angezeigt.
Sieht viel schlimmer aus, als es ist: Die trockene Kälte in den Kryokammern ist selbst bei Minus 150 Grad Celsius nicht unangenehm © picture alliance / dpa / Silas Stein
Von Rade Janjusevic |
Neugier und eine Sportverletzung brachten mich dazu, die heilsame Wirkung von Kälte zu erproben. Ihre positiven Effekte auf Körper und Geist erstaunen mich bis heute. Kälte wurde zu meiner heiß geliebten, wenn auch stets unbarmherzigen Freundin.
"Drei Minuten sind schnell vorbei", sagt Geoff, mein "Kältecoach", während ich auf das drei Grad kalte Wasser im Becken starre und mich frage, warum ich ausgerechnet in meinem Sommerurlaub in Spanien auf die Idee gekommen bin, mit dem Eisbaden anzufangen. 
"Du atmest langsam tief ein. Während du langsam ausatmest, steigst du gemächlich aber in einem Zug so hinein, dass dein Kopf über Wasser bleibt. Damit sind schon knapp 20 Sekunden vorbei. Im Wasser atmest du noch zwei Mal gaaanz langsam tief ein und tief aus. Und schon ist eine der drei Minuten vorbei!", sagt Geoff und grinst.  
Gut, dass er dabei ist. Er strahlt Ruhe, Erfahrung und Gelassenheit aus. "Ich bin die ganze Zeit hier. Kein Grund, beunruhigt zu sein“, sagt er zu dem Auch-im-Sommer-Warmduscher, der seinen Anweisungen folgt und nun bis zum Hals in eisigem Wasser sitzt. Die Kälte, die mich umhüllt, ergreift mit einem Schlag vollständig Besitz von mir. Sie scheint auf meiner Haut zu brennen.  

Die Kälte macht den Kopf frei 

Ich bin so auf meinen Atem, meine Körperempfindung und Geoffs Stimme fokussiert, dass nichts anderes ins Bewusstsein dringt - kein Gestern, kein Morgen, keine Gedanken. Nur nackte Existenz im Hier und Jetzt, herrlich und überwältigend. Zwischen den ersten und den letzten Sekunden spüre ich keinen Unterschied: Die Kälte ist gleichbleibend intensiv, unbarmherzig, klar und durchdringend. 
Ich zähle keine Sekunden, meine Konzentration gilt nur meinem steten Atemrhythmus. Irgendwann sagt Geoff: "Noch eine Minute". Aber ich sehne das Ende gar nicht herbei und bleibe eine Minute länger als geplant im Becken. Danach stelle mich unter die kalte Dusche. Das Wasser aus der Brause kommt mir fast heiß vor - kein Wunder, es hat 15 Grad. Eine halbe Stunde später tauche in noch einmal ins Eiswasser ein.
Was ich vorher nicht getan habe: Bei einer ärztlichen Untersuchung zu klären, ob die eisige Erfahrung nicht das Potenzial hat, meine letzte zu sein.  

Kälte eignet sich nicht für jeden 

Denn: Vor dem Eisbaden ist unbedingt abzuklären, ob nicht bestimmte Erkrankungen vorliegen, etwa erhöhter Blutdruck, eine Arteriosklerose oder Herzrhythmusstörungen, sagt Erich Hohenauer. Der Experte für Kälteexposition beschäftigt sich seit Jahren mit den Auswirkungen von Kälte auf den menschlichen Körper und hat darüber auch promoviert.  
Besonders eine schleichende Verengung der Herzkranzgefäße kann lange unbemerkt und ohne Beschwerden voranschreiten. Wenn sich die Gefäße bei einem Kälteschock dann weiter zusammenziehen, kann das lebensgefährlich werden. 
Ich habe immer viel Sport gemacht und fühlte mich vor dem Kältebad gesund und fit - abgesehen von einigen Sehnenleiden, zu denen ich gleich komme. Allerdings hatte ich auch bis vor zehn Jahren satte 20 Jahre lang geraucht - und das nicht zu knapp. Ohne grünes Licht nach einem medizinischen Check war meine Eisbadpremiere also schlicht leichtsinnig. 

Das erste Eisbad – ausgerechnet auf Mallorca  

Doch das kommt mir erst sehr viel später in den Sinn. Kurz nach meinem ersten Eisbad denke ich darüber nach, dass ich dafür ausgerechnet Palma de Mallorca gewählt habe. Ich muss laut lachen. Es ist August und draußen brennt nicht die Kälte, sondern die Sonne: 37 Grad, Hochsommer auf der Insel und ich besuche mehrere Freunde dort.
Zwei davon, Amparo und Miguel, sind mitgekommen, allerdings nach reichlich viel Überredungskunst meinerseits, und haben sich derselben Prozedur unterzogen. Auch sie müssen danach lachen. Wir strahlen noch den ganzen Nachmittag um die Wette. Das ist eine der wunderbaren Folgen des Kältebads: Die Glückshormone rasen durch den Körper, man fühlt sich energetisiert, heiter, tatkräftig und hat einfach gute Laune! Ich habe die bis heute jedes Mal, wenn ich aus dem kalten Wasser komme. 
Das scheint nicht die Ausnahme, sondern die Regel zu sein: Man wisse aus vielen Studien von verbessertem Wohlbefinden, gesteigerter Vitalität und auch besserer Schlafqualität bei regelmäßig Eisbadenden, sagt Erich Hohenauer. Hohenauer empfiehlt, sich stufenweise den richtig kalten Temperaturen anzunähern, zuerst mit etwas kühleren und dann peu à peu mit immer kälteren Duschen bis zum eigentlichen Kältebad im See, Becken, oder in der Eistonne. 
So wie ich gleich bei drei Grad anzufangen, muss man also nicht.

Nach Monaten endlich wieder schmerzfrei 

Ich mache Urlaub immer im Süden, weil ich Kälte hasse – dachte ich zumindest bis dahin. Meine gute Laune hält den ganzen Tag. Was ich nicht mehr spüre, sind meine Achillessehne und meine Schulter. Seit fast einem Jahr habe ich eine Achillodynie, eine schmerzhafte Reizung der Achillessehne, in meinem Fall mit Mikrorissen innerhalb der Sehne - dazu auch noch einen Fersensporn, beides am linken Fuß.  
Davor bin ich viel gelaufen, bis zu drei Mal die Woche, zwischen sechs und zehn Kilometer. Das Laufen mit der Verletzung war unmöglich und auch im Alltag schmerzte der Fuß, oft sogar in Ruhestellung. Zahlreiche Behandlungen hatte ich hinter mir: Alles half – aber nichts dauerhaft. Nach einiger Zeit kehrten die Schmerzen immer zurück.
Doch nach dem Kälteschock sind sie schlagartig verschwunden. Auch die Schulter ist wieder schmerzfrei, seit Monaten hatte ich an einem Rotatorenmanschettensyndrom gelitten, Schulterschmerzen mit Bewegungseinschränkungen. Auch hier hatten zahlreiche Behandlungen keinen Erfolg gebracht.
Im Profisport wird Kälteexposition in zahlreichen Disziplinen seit Jahren zur Regeneration und zur Bekämpfung von Entzündungsprozessen angewendet und gehört mittlerweile zum Standard, auch bei Sehnen und Bändern. Der Körper reagiert auf die Kälte zuerst mit einer Gefäßverengung und der Freisetzung von Noradrenalin und Endorphinen, was anschließend zu Schmerzlinderung, Entzündungshemmung und Muskelentspannung führt. 
Nach der Kälteexposition erweitern sich die Gefäße wieder und das Gewebe wird verstärkt durchblutet und mehr mit Nährstoffen versorgt. Und nicht zuletzt erzeugen Endorphine und Noradrenalin als "Glückshormone" gute Stimmung. Das macht süchtig! 

Die Kälte ist ein Game-Changer 

Wochen später, zurück in Berlin, staune ich, dass ich nach nur einer Session mit zwei Mal vier Minuten immer noch an Fuß und Schulter schmerzfrei bin. Als die Leiden sich doch langsam wieder melden, fange ich an, regelmäßig ins kalte Wasser zu gehen. 
Doch es geht auch ohne nass zu werden: Es gibt einige Anbieter, bei denen man in Kältekammern mit Temperaturen von etwa Minus 100 bis zu Minus 160 Grad konfrontiert wird. Das hört sich richtig fies an, denke ich, und hole erstmal den ärztlichen Check nach, bevor ich es ausprobiere.
In der Kältekabine zeigt das Thermometer "- 110 Grad" an. Doch so fies ist es gar nicht. Die trockene Kälte ist deutlich leichter auszuhalten als das eisige Wasser. Die Effekte sind laut der Wissenschaft die gleichen wie beim Eisbad. Die psychische Komponente, der Glücks-Kick, ist jedoch deutlich schwächer. 
So mache ich das nun seit Monaten: Einmal pro Woche gehe ich entweder ins kalte Nass oder ins kalte Trockene. Und ich bin der fleischgewordene Beweis der Studien zur Kälteexposition: Meine Beschwerden sind verschwunden, meine Stimmung ist dauerhaft verbessert, ich bin gelassener und ausgeglichener, schlafe besser und fühle mich vital wie schon lange nicht mehr im Leben.
Ein paar Freunde in Berlin habe ich dazu animieren können, es mal mit der Kälte zu versuchen. Das Ergebnis ist jedes Mal das gleiche: Sobald sie aus dem Wasser kommen, blicke ich in glückliche Gesichter. Und wenn ich diesen Sommer wieder meine Freunde auf Mallorca besuche, werden wir bestimmt wieder ins kalte Nass gehen und danach mit der mallorquinischen Sonne um die Wette strahlen.
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