Filmförderung in der Krise

"Es braucht ein größeres Nachdenken"

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Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) auf dem roten Teppich der Berlinale.
Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) hatte der Filmbranche auf der Berlinale noch viel versprochen. © picture alliance / dpa / Gerald Matzka
Von Christian Berndt · 19.11.2022
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Im Februar hatte Kulturstaatsministerin Claudia Roth ein neues Filmförderungsgesetz angekündigt. Doch nun wird die geplante Reform auf 2023 verschoben. Vor allem die bürokratischen Hürden sollen abgebaut werden. Die Ideen dafür gehen weit auseinander.
Die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth hatte mit ihrer Rede zur Eröffnung der diesjährigen Berlinale im Februar noch einige Hoffnungen geweckt:
„Wir brauchen das Kino, wir brauchen den Film", sagte sie. "Genau deshalb möchte ich, möchten wir gemeinsam mit Ihnen eine Filmförderung weiterentwickeln, die unser Land in der internationalen Zusammenarbeit mithalten lässt und unsere sehr vielfältige Kinokultur stärkt.“

Warten auf den großen Wurf

Die Reform der deutschen Filmförderung, die vor der Pandemie kommen sollte und dann verschoben worden war, wird in der Filmwelt seit Jahren herbeigesehnt. Doch im Oktober wurde die geplante Novellierung erneut vertagt.
„Ein bisschen kann ich es verstehen", meint Thomas Wiedemann, Filmforscher an der Universität München, "der Reformstau ist groß, es braucht da wirklich mal ein größeres Nachdenken.“
Ähnlich sieht es der Berichterstatter Film für die Grünen im Kulturausschuss des Bundestages, Michael Sacher:

"Es gab im Grunde zwei Varianten: Entweder man brockelt jetzt so ein bisschen herum, wo keiner richtig mit zufrieden ist, oder man versucht wirklich mal, einen großen Wurf."

Michael Sacher

Fragen nach der Zukunft

Auf den großen Wurf wartet die Filmbranche tatsächlich, obwohl die deutsche Filmförderung schon jetzt großzügig ausgestattet ist, sagt Wiedemann: „Ich finde nicht, dass alles von vorneherein schlecht ist am System der Filmförderung in Deutschland."
Die Töpfe seien im internationalen Vergleich gut ausgestattet und das Fördersystem ausdifferenziert mit Einrichtungen auf Bund- und Länderebene. "Ein Filmprojekt scheitert nicht gleich, wenn einmal irgendwo eine Absage kommt. Es stellt sich natürlich die Frage, was für einen Film wollen wir eigentlich in Zukunft? Und welchen Stellenwert soll der deutsche Film haben?“

Über ein Dutzend Förderinstitutionen

Es fehle dem deutschen Film an Qualität, Originalität und internationaler Ausstrahlung, lautet die Kritik. Es herrscht weitgehend Einigkeit, dass daran auch die Strukturprobleme der deutschen Filmförderung mit schuld sind.
„Wir haben mindestens ein Dutzend Förderinstitutionen, die man anzapfen kann", sagt Wiedemann. Das zu vereinfachen, wäre sinnvoll, etwa um bei einem Filmprojekt den Logistik- und Zeitaufwand zu verringern.
Weil die Einzelförderungen nicht ausreichen, müssen Filmproduktionen immer zugleich mehrere Institutionen darum bitten, sie zu fördern. Das bedeutet auch immer wieder Kompromisse, wenn zum Beispiel koproduzierende Fernsehsender mitreden wollen. Und das führe dazu, dass es natürlich häufig an Mut und Innovationswillen fehle, kritisiert Sacher.

Es gibt auch das schöne Wort "Gremienfilm", wo dann keiner sich so richtig traut, mal etwas Wildes zu machen.

Michael Sacher

Das Problem ist nur, dass bei der Reform eines so komplexen Systems viele mitreden wollen, sagt der Filmbeauftragte. „Ich kenne kaum einen, der sagt: 'Das ist alles super, genauso sollte es bleiben.' Aber sobald man es anfasst, fangen natürlich viele an: 'Aber dann nicht so, sondern anders.' Man muss halt wirklich versuchen, da die Quadratur des Kreises hinzubekommen.“

Sind weniger Filme die Lösung?

Dagegen warnt der Hauptgeschäftsführer der Allianz Deutscher Produzenten, Björn Böhning, sich zu sehr in den Einzelinteressen zu verzetteln: „Ich bin der Meinung, dass die Kulturstaatsministerin sich nicht nur als Moderatorin des Prozesses verstehen sollte, sondern als diejenige, die den Prozess vorantreibt, sie mit eigenen Vorschlägen auch vorangeht und deutlich macht, was sie für richtig hält für ein neues Fördersystem.“ 

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Aber eigene Vorschläge für Reformen hat Böhning trotzdem: „Das Erste ist, dass wir in der Branche sehr kritisch diskutieren müssen, ob es Sinn macht, ungefähr 200 geförderte Filme pro Jahr in Deutschland zu haben und ob wir nicht etwas weniger Produktionen, dann aber besser und höher ausstatten müssen. Die Menschen gehen ins Kino, weil sie große Leinwand, großes Kino sehen wollen, und dafür brauchen wir bessere Budgets.“
Außerdem fordert Böhning eine Investitionsabgabe der Streamingdienste an die deutsche Filmwirtschaft, so wie sie in Frankreich oder Italien bereits existiert: „Österreich hat ein neues, automatisiertes Zuschussmodell auf den Weg gebracht, was international aus meiner Sicht sich als sehr leistungsfähig erweisen wird.“

Kommerziell oder künstlerisch?

Dieses Modell, das Zuschüsse nach Referenzkriterien, zum Beispiel Nachhaltigkeit, aber ohne inhaltliche Einflussnahme gewährt, würde auch Wiedemann befürworten. Allerdings müsste dabei stärker zwischen der Förderung kommerzieller und künstlerischer Filme getrennt werden als bisher: „Die Filmförderung hat eine wirtschaftliche und eine kulturelle Stoßrichtung."
Problematisch sei, dass das oft vermengt wird. Ein automatisches Fördersystem wäre stärker für Filmprojekte mit einem zu erwartenden kommerziellen Erfolg auf der einen Seite und dann künstlerisch ambitionierteren Filmprojekten auf der anderen Seite.
Sie könnten dann "wirklich mit mehr Kante und nach rein künstlerischen Kriterien bewertet und gefördert werden", findet Böhning. Von einer scharfen Trennung zwischen Arthouse- und Blockbusterfilm hält er dagegen wenig. Böhning findet, dass sich diese Formen gegenseitig befruchten sollten.
Aber einig sind sich alle, dass es wohl jetzt – nach fast drei Pandemiejahren und mit den Folgen des Ukrainekrieges – keinen besseren Zeitpunkt geben kann, den großen Wurf für den deutschen Film zu wagen.
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