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Vollbild | Beitrag vom 21.01.2017

Filmdrama "Der die Zeichen liest"Die Unantastbarkeit religiöser Gefühle

Kirill Serebrennikov im Gespräch mit Susanne Burg

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Der russische Schüler Benjamin (Petr Skvortsov) ist davon überzeugt, dass die Welt, in der er lebt, dem Bösen verfallen ist (undatierte Filmszene). (Neue Visionen Filmverleih)
Der russische Schüler Benjamin (Petr Skvortsov) ist davon überzeugt, dass die Welt, in der er lebt, dem Bösen verfallen ist (undatierte Filmszene). (Neue Visionen Filmverleih)

Im Film "Der die Zeichen liest" terrorisiert ein junger Außenseiter mit seinen religiösen Moralvorstellungen Schule und Familie. Um den Einfluss der Kirche auf die russische Zivilgesellschaft, geht es Regisseur Kirill Serebrennikov, der eine zerstörerische Radikalisierung beobachtet.

"I am just a very curious person and if somebody asks me: would you like to? I say yes."

Susanne Burg: Er ist einfach eine neugierige Person und sagt gerne ja, wenn ihm jemand etwas Neues anträgt. So erklärt Kirill Serebrennikov, dass er künstlerisch an so vielen Orten zu Hause ist: im Theater, in der Oper, im Ballett und im Film. Der russische Regisseur hat im Herbst an der Komischen Oper in Berlin den "Barbier von Sevilla" inszeniert, "Salome" in Stuttgart, er ist Intendant des Gogol Theaters in Moskau – und nun ist sein neuer Film bei uns in den Kinos. "Der die Zeichen liest". Ein Film über religiösen Fanatismus, der wiederum auf einem Theaterstück basiert. "Märtyer" von Marius von Mayenburg. Als der 46-Jährige bei uns im Sender war, vollkommen verschnupft, mit dickem Schal um den Hals und etwas glasigen Augen – da wollte ich von ihm wissen, was seine Motivation war, als Theaterregisseur einen Film aus einem Theaterstück zu machen. 

Kirill Serebrennikov: Das war gar nicht meine Idee, sondern die der Produzenten. Sie kamen zu mir und sagten, es böte sich so sehr an, aus dem Theaterstück einen Film zu machen – was ich davon halte. Ich habe das ja schon mal gemacht: mein Film "Playing the Victim" basierte auf einer Produktion eines Moskauer Theaters. Ich wusste also, wie schwierig dieser Prozess ist, man muss wirklich alles in ein neues Medium übertragen. Ich habe aber "ja" gesagt, weil ich einen Film daraus machen wollte, aber gleichzeitig wusste ich, dass es hart werden würde.

Susanne Burg: Sie haben also erst mal vor allem die Herausforderungen gesehen, nicht…

Kirill Serebrennikov: Wenn mich jemand fragen würde, ob es denn spannend sei, eine Theaterproduktion in eine Film zu übertragen, würde ich jedem abraten und sagen: "Nein, niemals, mach das nicht. Mach lieber etwas ganz Eigenes." Wenn man mit dem Theater anfängt, hat man andere Lösungen für die Bühne, das ist ganz klar – und wenn man das dann als Film machen will, muss man mit seinen eigenen Vorstellungen kämpfen und neue Bilder finden. Besonders, wenn man mit den gleichen Schauspielern arbeitet – und in "Der die Zeichen liest" arbeiten größtenteils die gleichen Schauspieler wie bei der Theaterproduktion – ist das auch kompliziert.

Susanne Burg: Lassen Sie uns gleich auf die Bilder kommen, die Sie im Film gefunden haben. Fangen wir mal damit an, worum es in dem Film geht. Es ist die Geschichte eines Jugendlichen, Benjamin, der sich weigert, Schwimmunterricht zu nehmen, weil der Anblick der Schülerinnen in Bikinis seine religiösen Gefühle verletzt, wie er sagt. Wir folgen ihm im Film dabei, wie er in seinem Glauben immer radikaler wird, aber wir lernen ihn als Zuschauer nicht wirklich kennen, er bleibt uns fremd. Warum haben Sie das so angelegt, mit dieser Distanz?

Kirill Serebrennikov: In der ersten Szene des Films geht es um die Familie. Wir nähern uns der Hauptfigur in einer langen Szene aus der Perspektive seiner Mutter. Ich wollte, dass man als Zuschauer diese Familie und diesen Jungen versteht, ihre Beziehung untereinander. Ohne das vereinfachen zu wollen, vieles kann man auf unsere Kindheit und Jugend zurückführen. Aber heutzutage ist der Satz "Das verletzt meine religiösen Gefühle" in Russland sehr gebräuchlich. Man hört es sehr häufig und damit werden viele Dinge begründet, wie zum Beispiel auch die Pussy-Riot Prozesse. Der Satz wird zum Werkzeug gegen Dinge, die die Leute nicht mögen.

Susanne Burg: Der Film spielt also in Russland, auch wenn das Thema ja international durchaus relevant ist. Wie spezifisch haben Sie die Geschichte auf die russische Situation beziehen wollen?

Die Macht der Kirche in Russland

Kirill Serebrennikov: Im Film geht es um Russland, mein Job war es, das deutsche Stück in die russische Realität zu transportieren. Die Figuren, die Story, viele der Textzeilen stammen aus dem Stück von Marius von Mayenburg, aber die Realität in unserer Geschichte ist eine russische, die anders funktioniert als die der deutschen Version. Im Deutschen geht es um die Frage, was passieren würde, wenn ein Junge auch in der Öffentlichkeit Sätze aus der Bibel rezitieren würde. In Russland ist das keine Frage mehr, da ist es Realität. Diese Absurdität und diese verrückten Situationen existieren doch tatsächlich, manchmal ist das Kino sogar weniger schnell als das Leben, das echte Leben entwickelt sich noch katastrophaler und verrückter.

Susanne Burg: Beschreiben Sie also die zunehmende Dominanz der Religion oder geht es Ihnen eher um die Radikalisierung?

Kirill Serebrennikov: Es geht mir um den Einfluss der Kirche auf die Zivilgesellschaft, um die Macht, die sie hat und die zu einem Teil des Staates und der Regierung werden lässt. Gleichzeitig geht es um die Radikalisierung von einigen Menschen in der Kirche, die doch eigentlich an Gott glauben und uns von Liebe, Geduld und Mitgefühl erzählen sollten, die sich aber aus mir völlig unbekannten Gründen manchmal sehr radikal verhalten und versuchen, alles zu zerstören, was ihnen nicht gefällt.

Susanne Burg: Eine Lehrerin im Film hinterfragt, was da vorgeht, hinterfragt diesen Glauben. Sie ist Atheistin. Wenn man das überträgt auf die russische Gesellschaft: Wie viel wird heutzutage noch hinterfragt?

Kirill Serebrennikov: Die Lehrerin ist eine Liberale. Damit befindet sie sich in Russland heutzutage schon beinahe außerhalb des Gesetzes, weil liberal inzwischen gleichgesetzt wird mit "schlechter Mensch". Wenn man zum Ausdruck bringen möchte, dass jemand dumm ist, nicht zuverlässig oder verrückte Sachen sagt, dann nennt man ihn "liberal". Kritisch denkende Menschen wie diese Biologielehrerin fühlen sich nicht mehr wohl. Sie stehen ganz alleine da und sind natürlich etwas nervös. Die Lehrerin kann kaum fassen, was in ihrer Klasse und in ihrer Schule passiert, aber sie versucht, es mit gesundem Menschenverstand zu verstehen.

Das Umfeld des sich radikalisierenden Schülers Benjamin ist überfordert (undatierte Filmszene). (Neue Visionen Filmverleih)Das Umfeld des sich radikalisierenden Schülers Benjamin ist überfordert (undatierte Filmszene). (Neue Visionen Filmverleih)

Susanne Burg: Sie verwenden Bibelzitate im Film, Zitate, die Benjamin zum Beispiel benutzt, um zu belegen, dass Frauen gehorsam und unterwürfig sein und keusch aussehen sollten. Man kommt nicht umhin, auch an den Islam zu denken, den ja viele Christen als unterdrückerisch Frauen gegenüber wahrnehmen. Müssen wir diesen Standpunkt überdenken, dass das Christentum in dieser Hinsicht so anders ist als der Islam?

Kirill Serebrennikov: Ich weiß nicht, ob wir diese alten Bücher nehmen und unser Leben verändern sollten, das wurde ja alles schon vor sehr, sehr langer Zeit geschrieben. Wissen Sie, die Geschichte der Menschheit ist ziemlich blutig und ich bin mir nicht sicher, ob das ein gutes Vorbild für uns ist. Mir erscheint es wesentlich besser, das neue Jahrhundert mit neuen Ideen zu beginnen, nicht mit diesen blutigen Gedanken.

Susanne Burg: Was den Stil ihres Films betrifft, arbeiten Sie sehr viel mit langen Einstellungen. Wie stark steht das im Bezug zu ihrer Erfahrung mit dem Theater, wo…

Kirill Serebrennikov: Ich sehe das Theater als etwas völlig anderes, weil…

Susanne Burg: Ich meine, weil es im Theater ja unmöglich ist, Szenen zu schneiden…

"Ich bevorzuge lange Einstellungen"

Kirill Serebrennikov: Für mich geht es im Kino um Zeit, es geht um den Fluss. Schnitte verbinde ich mehr mit einer Fernsehästhetik und mit Musikvideos. Ich bevorzuge lange Einstellungen, weil sie mir das Gefühl von richtigem Leben geben, von Realität, also genau das Gegenteil des Gefühls, das das Theater hervorruft. Beim Theater geht es um die Vorstellungskraft – man zeigt dem Schauspieler die leere Bühne und sagt: "das ist ein Wald". Man muss sich also vorstellen, dass da ein Wald ist. Beim Film funktioniert das nicht so. Die langen Einstellungen machen viel Arbeit, um alles etwas realistischer erscheinen zu lassen. Man muss sehr präzise arbeiten.

Susanne Burg: Sie arbeiten in so vielen verschiedenen Genres, Theater, Film, Sie machen Opern und Ballett – das ist jetzt eine sehr weitgefasste Frage, aber vielleicht haben Sie ja eine einfache Antwort: Wie befruchten sich in Ihrer Arbeit all diese unterschiedlichen Genres gegenseitig?

Kirill Serebrennikov: Ich glaube, ich bin einfach ein sehr neugieriger Mensch. Und wenn mich jemand fragt: "Würdet Du gerne mal…?", dann sage ich gleich "ja!", ich bin neugierig, was alles Neue betrifft, ich mag Reisen, neue Leute kennenlernen, Sachen ausprobieren, die ich vorher noch nie gemacht habe. Deshalb hat sich meine Karriere wahrscheinlich so entwickelt.

Susanne Burg: Und jetzt kann man das jüngste Werk von Kirill Serebrennikov im Kino sehen: "Der die Zeichen liest" heißt es. Vielen Dank.

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