Fatima Daas: "Die jüngste Tochter"

    Innerer Kampf der Identitäten

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    Buchcover zu Fatima Daas: Die jüngste Tochter
    Wiederholung, Verknappung, Diskontinuität - mit diesen Stilmitteln entwickelt Fatima Daas ihren Roman "Die jüngste Tochter". © Deutschlandradio / Ullstein
    Von Kolja Unger · 26.05.2021
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    Lesbisch und muslimisch, arabisch und französisch, Ghetto-Kind und Autorin: In ihrem Romandebüt schreibt Fatima Daas über die Identitätssuche einer jungen Frau und vereint scheinbare Widersprüche. Ihre Sprache übt einen spiralförmigen Sog aus.
    Der Erfolg von "Die jüngste Tochter" ist verdient. Nicht etwa weil die Feuilletons seit einigen Jahren sich viel mit Identität beschäftigen oder weil "muslimisch" und "lesbisch", "Französin" und "Migrantin" sowie "Banlieue" und "Literatur" so vermeintlich krasse Gegensatzpärchen bilden. Na ja, "Banlieue" und "Literatur" ist vielleicht noch am ehesten eines, wenn man sich den Literaturbetrieb anschaut, aber Fatima Daas kommt nahezu ohne Ghetto-Gewaltszenen wie in Mathieu Katovitz´ "La Haine" aus.
    "Die jüngste Tochter" übt vielmehr in seiner Formelhaftigkeit einen magischen, beziehungsweise spirituellen Sog aus und das ist das Markenzeichen des Romans. Andauernd stellt Fatima sich neu vor. Mit ihren Namen, mit Zuschreibungen und Erwartungen.
    "Ich heiße Fatima. Ich trage den Namen einer heiligen Figur des Islam. Ich trage einen Namen, den ich ehren muss."
    Kapitel um Kapitel beginnt so oder in leicht abgeänderter Form, bis nach und nach neue Informationen und Blickweisen auf sie, die Protagonistin, offenbart werden.

    Innerer Kampf der Identitäten

    Das hat etwas Beschwörerisches, Repetitives, vielleicht vergleichbar mit dem Rezitieren von Koransuren. Der Text entwickelt sich spiralförmig und enthüllt Ebene für Ebene seine Protagonistin in der Summe ihrer Identitäten.
    Als jüngste Tochter algerischer Eltern in einem französischen Vorort. Als Asthmatikerin. Als Mädchen, das sich nicht wie ein richtiges Mädchen fühlt, im Dazwischen lebt, weder Französin noch Algerierin ist. Ja, und natürlich als junge Frau, die versucht, ihre Liebe zu Frauen mit ihrer Liebe zu Gott in Einklang zu bringen. Ihre Homosexualität mit ihrer anerzogenen Homophobie, wie sie sagt.

    Nähe, Distanz und Exkommunikation

    Die Handlung wird in dislinear angeordneten Episoden erzählt. Dennoch lassen sich zwischen ihnen Zusammenhänge ausmachen. Ein zentraler Handlungsstrang ist sicherlich Fatimas wirklich steiniger Versuch, sie selbst zu sein, ohne von ihrer Familie und deren Glaubensgemeinschaft und in letzter Instanz von Gott und ihrer Mutter verstoßen zu werden. Der zweite wichtigste Handlungsstrang ist die Liebesgeschichte mit Nina. In allen Beziehungen, die Fatima eingeht oder eben nicht, geht es um das Thema Nähe/Distanz.
    "Wir schauen uns lachend an, sitzen mit mindestens fünfzehn Zentimeter Abstand einander gegenüber. So als gäbe es um Nina eine Sperrzone, die ich nicht zu betreten wage. Eine unsichtbare Absperrung, die nur in meinem Kopf existiert. Mal habe ich Angst, ihr nahe zu sein, mal, ihr nicht nah genug zu sein."

    Liebe ein Tabu

    Da sind noch zwei, drei andere Frauen, mit denen Fatima Schwierigkeiten hat. Was aber bei Nina anders ist: Sie weist Fatima ab und Fatima ist in sie verliebt. Nun denkt Fatima, "vielleicht bin ich gar nicht polyamorös. Und vielleicht bin ich es wert, geliebt zu werden."
    Tiefsitzende Selbstzweifel also. Und es lässt sich eine Verbindung erkennen zwischen Fatimas Familienthema und ihren zum Scheitern verurteilten Versuchen, Beziehungen zu führen. An manchen Stellen wird diese doch sehr explizit benannt:
    "Die Liebe war bei mir zu Hause ein Tabu, Zärtlichkeit und Sexualität auch. Als meine Schwestern es geschafft hatten, meinen Vater zu überreden, uns Charmed im Fernsehen anschauen zu lassen – weil es nur einen Fernseher gab, der im Schlafzimmer meiner Eltern stand –, genügte es, dass die Hand eines Mannes die einer Frau streifte, damit mein Vater khmaj sagte und sofort den Kanal wechselte."
    Das Buch richtet sich an darin nicht erwähnte Schwestern, an Leidensgenossinnen und -genossen, an all die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die immer noch wie Fatima Daas Protagonistin sich im Dazwischen gefangen fühlen.

    Sätze, wie Blicke in die Ferne

    So oder so – es gibt nicht viele Ghetto-Kids im Literaturbetrieb, die so gekonnt mit ihrem Debütroman zu gefragten Schriftsteller*innen avancieren.
    Der eingangs erwähnte Sog, die Atmosphäre, das Sich-in-sie- Hineinversetzen – all das erzeugt Fatima Daas zu einem ganz großen Teil mit ihren extrem kurzen und prägnanten Sätzen. Einer besteht oft nur aus zwei, drei Wörtern. Ein Absatz aus einem Satz. Dadurch werden sie unmissverständlich und bekommen viel Raum und Bedeutung. So, wie wenn im Film jemand etwas sagt und dann in die Ferne blickt.

    Fatima Daas: "Die jüngste Tochter"
    Aus dem Französischen von Sina de Malafosse
    Claasen Verlag 2021
    192 Seiten, 20 Euro

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