Familienbeziehungen

Zerrissenes Band: Wenn Kinder mit ihren Eltern brechen

Kahle Bäume im Nebel.
Familien gehen kaputt, wenn Probleme zu lange unbearbeitet bleiben. Für viele Eltern kann der Kontaktabbruch der Kinder zu tiefer Resignation führen, sagt die Therapeutin Claudia Haarmann © picture alliance / Ritzau Scanpix / Ida Marie Odgaard
Der Kontaktabbruch zwischen Kindern und Eltern ist in der Regel Folge eines langen Leidensprozesses. Die Kinder erleben ihn häufig erst einmal als Befreiung, die Eltern als Schock. Doch oft ist der Bruch nur temporär und es gibt eine Wiederannäherung.
Wenn das Kind eines Promipaares der ganzen Welt über Social Media mitteilt, keinen Kontakt mehr mit den eigenen Eltern zu wünschen - so wie jetzt Brooklyn Beckham, Sohn von Victoria und David Beckham - rückt ein Thema in den Fokus, das Betroffene normalerweise selten im Rampenlicht verhandelt sehen wollen.
Die Kinder empfinden die Trennung oft erst einmal als eine Art Schutzraum, in dem keine neuen Wunden geschlagen werden können, die Eltern erleben ein Trauma. Auf beiden Seiten entstehen Scham- und Schuldgefühle. All dies verträgt sich nicht gut mit öffentlichem Interesse, das Thema ist gesellschaftlich stigmatisiert.
Dem eigentlichen Bruch geht oft eine jahrelange Phase der Entfremdung voraus, in der man sich nur noch zu Geburtstagen oder Weihnachten sieht, ohne sich etwas zu sagen zu haben. Allerdings: Viele Kontaktabbrüche sind nicht endgültig. Kinder und Eltern nehmen nach einer Zeit der Reflexion wieder Kontakt zueinander auf. 

Kontaktabbrüche sind kein Randphänomen

Kontaktabbrüche in Familien sind nicht selten. Jeder fünfte Erwachsene in Deutschland breche irgendwann den Kontakt zum Vater ab, jeder zehnte zur Mutter, sagt die Psychotherapeutin Claudia Haarmann. In den allermeisten Fällen sind die Kinder zwischen 20 und 50 Jahre alt, dem Bruch geht eine lange Zeit der Auseinandersetzung voraus. Oft hat das - nun schon erwachsene - Kind das Gefühl, die Anweisungen oder Grenzüberschreitungen der Eltern nicht mehr aushalten zu können.

Die Wunden im Lauf der Jahre

Die Psychotherapeutin Sandra Konrad beschreibt es ähnlich: Oft wiederkehrende Enttäuschungen und Konflikte oder sehr unangenehme Treffen mit den Eltern münden langfristig in Kontaktabbrüchen. Elterliche Kritik, die als ungerecht oder entwertend empfunden werde, führe bei den Kindern dazu, dass sie sich tagelang von Treffen mit ihren Eltern erholen müssten, sagt Konrad. Hinzu kämen Schuldzuweisungen oder als zu hoch empfundene Erwartungen der Eltern.
Eltern sähen ihre geäußerte Kritik oft als Teil ihrer Liebe und ihres Sich-Kümmerns, schließlich wisse man ja, was gut für das eigene Kind sei. Doch sie übersehen, dass sie dadurch die Autonomie der Kinder verletzten, sagt Claudia Haarmann. Die Kinder nähmen das als ständige Einmischung in das eigene Leben wahr, und dies könne dann der Beginn eines Entfremdungsprozesses sein.
Ein weiterer Grund für einen Bruch kann Desinteresse sein. Kinder sind verletzt, weil sie das Gefühl haben, dass die Eltern sie nicht sehen und hören, sich nicht für sie und ihr Leben interessieren. Sie fühlen sich dadurch zurückgewiesen.
Durch das Eltern-Kind-Verhältnis ziehe sich dann eine Lieblosigkeit von der Kindheit über die Jugend bis ins Erwachsenenalter hinein, sagt Konrad: “Es ist oft ein zu viel oder ein zu wenig an Nähe, wovon Betroffene berichten. Und dann kommt irgendwann der Moment, an dem sie sagen, jetzt kann ich nicht mehr und ich will auch nicht mehr.”

Der Bruch: Schock und Akt der Befreiung 

Der letzte Anlass, der dazu führt, das ein Kind den Kontakt abbricht, kann nichtig sein. Von den geschockten Eltern wird er als Kleinigkeit wahrgenommen und umso weniger als Grund für den Bruch verstanden, für den Nachwuchs ist er nur der berühmte letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.
Die Kinder handelten aus großer Not und stürzten dabei die Eltern in eine noch größere, sagt Haarmann. Deren Welt breche zusammen, viele resignierten oder fielen in eine schwere Depression.
Ein Kontaktabbruch deute immer auf mangelnde Konfliktfähigkeit innerhalb der Familie hin, betont Konrad. Wichtige Themen seien nicht angesprochen worden. Oft gebe es bei einem Blick in die Vergangenheit der Familie gleich mehrere Kontaktabbrüche.

Nach der Funkstille: Wege der Wiederannäherung 

Ein solcher Bruch in der Famile ist schmerzhaft, aber nicht hoffnungslos: Grundsätzlich sei eine Wiederannäherung möglich und finde in den meisten Fällen auch statt, sagen beide Therapeutinnen. Wichtig sei jedoch, dass die Eltern die Entscheidung der Kinder erst einmal akzeptierten und ihnen Zeit und Raum zum Durchatmen ließen - auch wenn dies mitunter Jahre dauere.
Hilfreich ist auch, den eigenen Anteil an der Situation zu hinterfragen und den Kindern zu signalisieren, dass man jederzeit offen für ein Gespräch sei. Druck und den Kindern hinterherzulaufen führe hingegen dazu, dass diese sich weiter zurückzögen. Eltern sollten die subjektive Wahrheit und die Verletzungen ihres Kindes anerkennen, auch wenn sie diese nicht verständen.
Akzeptanz braucht es allerdings auch von Seiten der Kinder. Dazu gehört, die Erwartung aufzugeben, dass die Eltern sich noch ändern werden und nachzuvollziehen, aus welchen Gründen heraus sich das Verhalten der Eltern entwickelt hat. Und letztlich auch die Bereitschaft, zu verzeihen. Manchmal ist dieser Weg jedoch nur im Rahmen einer professionellen Familientherapie möglich, die dabei hilft, die Sprachlosigkeit in der Familie zu überwinden.

Onlinetext: rja
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