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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.09.2018

Ex-Landrat über WackersdorfWiderstand als Bürgerpflicht

Hans Schuierer im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Demonstranten mit Transparenten. In München demonstrieren am 12.10.1985 Atomkraftgegner gegen den geplanten Bau einer Wiederaufarbeitungsanlage für Kernbrennstoffe in Wackersdorf in der Oberpfalz. | Verwendung weltweit (picture alliance/dpa/Foto: Frank Leonhardt)
Demonstration in München gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf im Oktober 1985. (picture alliance/dpa/Foto: Frank Leonhardt)

Die Parallelen zum Protest im Hambacher Forst sind offenkundig: Vor gut 30 Jahren gab es in Wackersdorf Widerstand gegen eine Wiederaufbereitungsanlage für Atommüll. An der Spitze des Protests stand der damalige SPD-Landrat Hans Schuierer.

Der Protest am Hambacher Forst gegen den Braunkohleabbau ist nicht der erste seiner Art. Veteranen des zivilen Widerstandes denken dabei an die Startbahn West in Frankfurt, das Dorf Grohnde, die Castortransporte - oder an das bayerische Wackersdorf. Dort sollte in den 80er Jahren eine Wiederaufbereitungsanlage (WAA) für Atommüll entstehen.

06.09.2018, Bayern, Klardorf: Der ehemalige Landrat des Landkreises Schwandorf, Hans Schuierer (SPD), aufgenommen während eines Interviews zum Kinofilm ?Wackersdorf?. Foto: Timm Schamberger/dpa | Verwendung weltweit (dpa)Hans Schuierer, der ehemalige SPD-Landrat von Schwandorf. Er lehnte die Wiederaufbereitungsanlage von Wackersdorf ab. (dpa)

Am Donnerstag kommt ein Spielfilm von Oliver Haffner über den Protest in die Kinos. Im Mittelpunkt steht Hans Schuierer, der es als SPD-Landrat im Kreis Schwandorf seinerzeit ablehnte, die Baugenehmigung zu unterschreiben. Der echte Hans Schuierer ist heute 87 Jahre alt und erinnert sich an die Stimmung jener Zeit, die für ihn viele Parallelen zum Hambacher Forst aufweist – denn auch in Wackersdorf sei ein großer Wald betroffen gewesen. Schuierer sagt:

"Bertolt Brecht hat gesagt: Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht." Nach dieser Maxime hätten die besorgten und aufgebrachten Bürger und habe letztlich auch er gehandelt, nachdem ihm klar geworden sei, wie gefährlich die Wiederaufbereitungsanlage für die Bevölkerung und die Natur gewesen sei.

Der Kamin machte ihn misstrauisch

Die Baupläne, die einen 200 Meter hohen Kamin vorsahen, hätten ihn stutzig gemacht. Und als die Erklärung geliefert wurde, der Kamin solle anfallende radioaktive Schadstoffe breit über die Gegend außerhalb Wackersdorfs verteilen, stand für ihn fest: "Dann bin ich gegen diese Anlage."

Die Situation damals sei schwierig gewesen – auch die Bevölkerung habe zwei Fronten gebildet, betont Schuierer: Jene, die von Anfang an Widerstand geleistet hätten und jene, die die Aussicht auf Tausende neue Arbeitsplätze begrüßt hätten, zumal der Gemeinde damals gerade durch eine Betriebsstilllegung 1600 Arbeitsplätze verloren gegangen seien.

"Der größte Luftverschmutzer"

Eine vergleichbare Situation gebe es in der Gegend um den Hambacher Forst. Den protestierenden Bürgern dort "würde ich eigentlich viel Erfolg wünschen. Aber ich glaube, dass der Abbruch nicht mehr aufzuhalten ist." Dabei sei die Braunkohle-Industrie "der größte Luftverschmutzer weltweit". In seinem Landkreis habe es eine ähnliche Anlage gegeben – für ihn "die größte Dreckschleuder Bayerns". Schon damals sei er deshalb in Konflikt mit der bayerischen Regierung geraten.

Der Widerstand gegen die Wiederaufbereitungsanlage kurze Zeit später sei der einzig richtige Weg gewesen. Denn der anhaltende Protest haben habe den Staat Bayern durch den starken Polizeieinsatz sehr viel Geld gekostet. Auch dies habe letztlich dazu geführt, das Vorhaben aufzugeben.

(mkn)


Das Interview im Wortlaut:

Stephan Karkowsky: Der Protest am Hambacher Forst ist nicht der erste seiner Art. Veteranen des zivilen Widerstands denken dabei an die Startbahn West in Frankfurt, an das Atom-Dorf Grohnde, die Castor-Transporte oder, ganz wichtig, an Wackersdorf. Dort sollte in den 80er-Jahren mal eine Wiederaufbereitungsanlage für Atommüll entstehen, eine WAA. Am Donnerstag nun kommt ein Spielfilm über diesen Protest in die Kinos. Im Mittelpunkt steht da Hans Schuierer, der es als SPD-Landrat seinerzeit ablehnte, die Baugenehmigung zu unterschreiben. Der echte Hans Schuierer ist heute 87 Jahre alt und bei mir am Telefon. Herr Schuierer, guten Morgen!

Hans Schuierer: Guten Morgen!

Karkowsky: Ihrem damals strukturschwachen Landkreis in der Oberpfalz winkten 3.000 Arbeitsplätze und hohe Steuereinnahmen. Alles hätten Sie gut gebrauchen können. Wirkte das nicht zunächst wie ein Geschenk auf Sie?

Schuierer: Ja, so habe ich es auch ursprünglich gesehen, und so ist es mir auch geschildert worden. Bloß bin ich da relativ schnell drauf gekommen, dass es also nicht unbedingt ein Geschenk ist oder ein sehr gefährliches Geschenk und eine gefährliche Anlage. Mir wurde ja gesagt, dass das ein Betrieb mit 3.200 Arbeitsplätzen wird und ein sauberer Betrieb ohne gefährliche Schadstoffe und so weiter. Da war ich zunächst einmal dafür. Bis ich gemerkt hab, dass die ja uns anlügen und die Unwahrheit sagen, und dann war die Sache für mich erledigt. Dann bin ich vom Befürworter zum Gegner geworden.

Fachleute haben vor den Gefahren gewarnt

Karkowsky: Im Film wird das so dargestellt, dass die Atomlobby Sie ziemlich umschmeichelt. Da kommen Präsentkörbe in Ihr Büro, da ist Entenleberpastete drin. Dann werden Sie eingeladen in schicke und teure Restaurants, da gibt es Hummer und andere Dinge. Was hat Sie denn eigentlich ins Grübeln gebracht? Warum bekamen Sie dann doch relativ rasch Zweifel an diesem Projekt?

Schuierer: Wie das bekannt geworden ist, haben sich auch Bürgerinitiativen gebildet, und da waren auch eine ganze Reihe von Fachleuten dabei, also Chemiker, Physiker und so weiter. Die haben dann eben gewarnt vor dieser Anlage, dass das ein sehr gefährlicher Betrieb wird mit radioaktivem Schadstoffausstoß und so weiter. Da bin ich natürlich auch stutzig geworden, habe mich auch informiert, hab natürlich auch nachgefragt bei den Befürwortern.

Ganz entscheidend war für mich eine Aussage des Vorstandsvorsitzenden. Als mir die Pläne gezeigt wurden, habe ich dann gesehen, da ist ein 200 Meter hoher Kamin vorgesehen. Und da frage ich, ja, was soll denn der 200 Meter hohe Kamin? Und dann sagt der ziemlich wortwörtlich: Ja, damit die radioaktiven Schadstoffe möglichst breit verteilt werden und die Bevölkerung vor Ort geschützt wird. Da sag ich, von radioaktiven Schadstoffen war nie die Rede. Sie haben mir immer gesagt, das ist ein sauberer Betrieb. Aber wenn das so ist, dass hier radioaktive Schadstoffe über den 200 Meter hohen Kamin abgegeben werden, dann bin ich also sofort gegen diese Anlage. Und so bin ich zum Gegner geworden.

Geteilte Meinungen und Fronten

Karkowsky: Sie haben sich dann tatsächlich dem Antiatomprotest angeschlossen und gegen massiven Druck aus München die Unterschrift unter der Baugenehmigung verweigert. Wie kam das denn an in Ihrem Landkreis? Standen die Bürger sofort hinter Ihnen, oder wollten die lieber die Arbeitsplätze und dafür ein gewisses Risiko?

Schuierer: Da war zuerst natürlich schon eine geteilte Meinung. Das waren zwei Fronten da, denn man muss ja auch wissen, dass dort ein Betrieb stillgelegt wurde mit ungefähr 1.600 Arbeitsplätzen der bayerischen Braunkohleindustrie. Also ähnlich wie jetzt im Hambacher Forst da. Die wollten natürlich auch wieder ihre Arbeitsplätze. Und auf der anderen Seite waren eben die Gegner, die gesagt haben, wir können Arbeitsplätze nicht erkaufen über eine gefährliche Anlage, wo also Natur und Menschen in Gefahr sind.

Karkowsky: Nun lag das Baugelände im Taxöldener Forst. Wie sehr erinnert Sie denn der Widerstand im Hambacher Forst an ihre eigenen Erlebnisse im Kampf gegen die WAA?

Braunkohle - "der größte Luftverschmutzer weltweit"

Schuierer: Ich habe das auch in den Medien verfolgt, und es ist natürlich sehr ähnlich, auch mit den Bauhütten da, und Hüttendörfern im Forst selbst, das ist auch bei uns genauso gewesen. Ich würde dem eigentlich viel Erfolg wünschen, aber ich glaube, dass der Abbruch nicht mehr aufzuhalten ist, so wie ich das verfolgt habe.

Ich sehe diese Braunkohlenindustrie eigentlich als den größten Luftverschmutzer weltweit. Wir haben ja auch eine ähnliche Anlage gehabt, die Bayernwerke, mit Braunkohle betrieben. Und da habe ich damals schon vor dieser WAA-Anlag gesagt, das Bayernwerk ist mit seiner Verkohlung der Braunkohle die größte Drecksschleuder Bayerns. Und da habe ich dann damals schon, bin ich natürlich in Konflikt gekommen mit der bayerischen Staatsregierung, mit den Bayernwerken und so weiter. Aber ich hab gesagt, wie es ist. Das erinnert mich jetzt wieder an diese Zeit damals bei uns. War bei uns nicht anders.

Karkowsky: Sie konnten ja den Baubeginn doch nicht verhindern, denn da gab es ja eine Lex Schuierer, damit hat dann die Landesregierung Sie übergangen und trotz massiven Widerstands ab Dezember '85 den Bau genehmigt. Haben Sie da den Glauben an die Politik verloren?

"Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht"

Schuierer: Na ja, ich hab schon immer wieder drauf hingewiesen, dass hier also das Recht mit Füßen getreten wird und dass also hier Recht zu Unrecht wird, und hab immer wieder auch auf Fallersleben hingewiesen, der ja, ich glaube 1844 gesagt hat: Nicht betteln, nicht bitten, nur mutig gestritten, es kämpft sich nicht schlecht für Freiheit und Recht. Und Berthold Brecht hat auch gesagt: "Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht." Und hier ist in Wackersdorf wirklich Recht zu Unrecht umgekehrt worden.

Karkowsky: Am Ende dann ist die Anlage doch nicht fertiggestellt worden, da befand die Betreiberfirma dann auf einmal, das wäre zu teuer geworden. Das hatte wohl auch mit Ihrem Protest zu tun. Glauben Sie heute noch immer, der Widerstand war richtig und wichtig und konnte am Ende doch die WAA verhindern?

Schuierer: Es war unserer Überzeugung nach nur der Widerstand, der diese Sache natürlich sicherlich auch mit wesentlich verteuert hat, das ist ja ganz klar. Da waren ja Polizeibeamte, jedes Wochenende vier-, fünf-, sechstausend Polizeibeamte aus der ganzen damaligen Bundesrepublik da. Da wurden Krähenfüße ausgelegt, die Polizeifahrzeuge sind massenhaft in diese Krähenfüße reingefahren und sind dann platt gewesen.

Jedes Wochenende Tausende am Bauzaun

Es ist ja ein ungeheurer Schaden entstanden. Allein der bayerische Staatshaushalt hat 1986, ich glaube, 1,2 Millionen D-Mark damals ausgewiesen gehabt, und am Ende des Jahres waren es über 50 Millionen. Da ist es ganz klar, dass dann natürlich der bayerische Staat und auch die Betreiberfirma – die haben ja eine ähnliche Situation gehabt, auch die Bauverträge – sie haben dauernd Schaden gehabt, der Bauzaun ist da beschädigt worden. Und das hat die Sache wesentlich verteuert, und die sind mit diesem Widerstand, mit diesen Tausenden von Gegnern nicht mehr fertig geworden. Das waren ja jedes Wochenende einige tausend Leute am Bauzaun.

Karkowsky: Dieser Mann steht im Mittelpunkt des Spielfilms "Wackersdorf", der Donnerstag in die Kinos kommt. Hans Schuierer, der es als SPD-Landrat seinerzeit ablehnte, die Baugenehmigung für die Wiederaufbereitungsanlage zu unterschreiben. Heute ist er 87 Jahre alt. Herr Schuierer, Danke für das Gespräch!

Schuierer: Ich danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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