"Schützen Sie ihr Privatleben!"

Der eine wähnt sich als Opfer übermächtiger Medien, die andere ist durch soziale Medien zur Berühmtheit geworden: Ex-Bundespräsident Christian Wulff traf in Goslar mit der Poetry-Slammerin Julia Engelmann zusammen - und gab Tipps für das Leben in der Öffentlichkeit.
Am Anfang waren das Lied des israelischen Musikers Asaf Avidan – und eine Eingebung für den Augenblick. Julia Engelmann singt die Strophe, die sie zu ihrem berühmten Gedicht anregte: Es ist ein Aufruf, das Leben in die Hand zu nehmen, bevor es zu spät ist.
Das Video vom Auftritt der Poetin bei einem Poetry-Slam in Bielefeld wurde millionenfach im Internet aufgerufen. Engelmann sieht sich seit einer ganzen Weile von einer Welle der Euphorie getragen: Youtube-Star, Dauergast in Talkshows.
"Ich bin sehr happy-end-affin würde ich sagen. Ich bin ein sehr optimistischer, positiver Mensch. Ich habe früh gelernt, dass meine eignen Gedanken entweder meine größten Feinde oder meine besten Freunde werden können. Und ich habe in mir so ein tiefes Gefühl, dass ich denke, es wird schon alles gut."
Wulff ist Fan von Engelmann
An diesem Abend in der historischen Waschkaue des Erzbergwerks Rammelsberg in Goslar sitzt das Publikum dicht gedrängt. Durchweg Menschen reiferer Jahrgänge sind versammelt, filmen die 23-Jährige mit ihren Smartphones.
Auch Christian Wulff lauscht ergriffen, outet sich als Fan. Durch seine Tochter sei er auf die Künstlerin aufmerksam geworden. Der frühere Bundespräsident ist nach Goslar gekommen, um mit Engelmann über das Leben in der Öffentlichkeit zu sprechen – und was sich daraus machen lässt.
"Diese Art von Literatur, von Schriftstellerei: Sie haben über das Loslassen viel geschrieben, wunderbar, klug - hat auch einem alten Mann wie mir geholfen!"
Lobt Wulff wie beiläufig – und bedeutungsschwer fügt er hinzu:
"Ratschlag habe ich nur einen einzigen. Nämlich, schützen Sie ihr Privatleben!"
Wulff noch immer von Prozess und Berichterstattung gezeichnet
Wulff wähnt sich als Opfer übermächtiger Medien. Die vierte Gewalt im Staate habe längst nicht mehr den Anspruch, Politik nur zu begleiten und zu kommentieren. Auch in Goslar lässt ihn die Causa Wulff nicht los.
"Es waren extreme Monate für alle Beteiligten und das hat viel Schaden angerichtet und viel zerstört. Es war völlig überzogen, es war unverhältnismäßig, es war eine Hexenjagd!"
Das Verfassen seiner Streitschrift "Ganz oben, ganz unten" habe ihm geholfen, die Bitterkeit zu überwinden, sagt er. Er reist damit durchs Land, streitet mit Medienmachern. Wulff sagt, er habe eine überfällige Debatte über die Verrohung im Diskurs angestoßen.
"Polarisierung, Emotionaliserung, es wird immer auf einen Punkt vereinfacht und auf den schielt alles, das macht die Leute kirre."
Auch die so genannten sozialen Medien brächten nicht immer das Beste im Menschen hervor, bemerkt Wulff. Es sei beklagenswert, wie Funktionsträger im Netz niedergemacht werden. Wer will da noch Politiker bleiben oder werden?
Engelmann: "Mein Opa sagt, wer seinen Kopf aus dem Fenster hält, muss auch mit Gegenwind rechnen!"
Engelmann in der Kritik
Kontert Engelmann, als der Moderator sie nach einer gefühlten Ewigkeit noch einmal aus ihrer Statistenrolle holt. Nach dem Hype brach über Engelmann die Hähme herein: Ihre Selbstzufriedenheit sei unerträglich, schrieben Kritiker. Sie ernte Applaus, obwohl sie doch nur banale Befindlichkeiten in naive deutsche Worte kleide. Doch von Trübsal keine Spur, sie lässt sich nicht entmutigen:
"Ich denke, es hat auch etwas damit zu tun, wo mein Einfluss anfängt und wo mein Einfluss endet. Ich versuche durch das, was ich mache, also durch das Schreiben, anderen Menschen was Positives zu geben, wenn sie möchten. Und von daher denke ich, das, was ich in meinem Mikrokosmos und in mir selber tun kann, das mache ich auch."
Wulff warnt vor Gefahren für Demokratie von innen
Christian Wulff ist am Ende eines langen Abends zum Plaudern aufgelegt. In seiner jetzigen Rolle dränge es ihn nicht zur großen medialen Aufmerksamkeit, sagt er. Das direkte Gespräch mit den Menschen sei ihm wichtiger:
"Ich finde es extrem wichtig, Menschen zu erklären, dass sich grundlegende Dinge um uns herum geändert haben. Und dass das zu mehr demokratischem Engagement , zu mehr Unterstützung der demokratischen Parteien und Politiker führen muss, damit dieses Land die Gefahren erkennt. Wir sind nicht nur von außen bedroht , durch den Terrorismus, sondern wir sind auch nachhaltig von innen, aus uns selbst heraus bedroht, wenn das Engagement für Europa , für unsere Demokratie nicht wieder stärker wird – und sich nicht immer mehr ihre private Nische suchen und einfach nur Protest äußern."
Wulff schaut sich noch einmal um, in der gewaltigen Industriehalle, in der die Zeit scheinbar still steht. Oben von der Decke baumeln die Klamotten der Kumpel, als wären die gerade erst aus dem Raum gegangen.