Eva Menasse: "Dunkelblum"

    Ein Massaker als Leerstelle

    13:51 Minuten
    Die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse lächelt in die Kamera. Sie hat eine Sonnenbrille ins Haar geschoben, trägt Ohrringe und ein blaues Kleid mit weißen Punkten.
    "Ich wollte keinen historischen Roman schreiben, sondern eine paradigmatische Menschheitsgeschichte", sagt Eva Menasse. © picture alliance / dpa / Soeren Stache
    Eva Menasse im Gespräch mit Frank Meyer · 18.08.2021
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    Hintergrund des Romans "Dunkelblum" von Eva Menasse ist ein Massaker, das 1945 an jüdischen Zwangsarbeitern verübt wurde. Dabei schreibt die Autorin nicht über das Morden. Ihr geht es darum, was eine solche Schuld mit den Menschen eines Ortes macht.
    Die Einwohner einer österreichischen Kleinstadt in Sichtweite der Grenze zu Ungarn leben mit einem furchtbaren Verbrechen: Im März 1945 werden über hundert jüdische Zwangsarbeiter getötet und in einem Massengrab verscharrt. Was in der Realität im burgenländischen Rechnitz geschah, verlegt Schriftstellerin Eva Menasse in den fiktiven Ort "Dunkelblum".

    Ende des Kalten Krieges

    Die Jetzt-Zeit der Geschichte spielt 1989, das Ende des Kalten Krieges zeichnet sich ab. In Ungarn wird der Eiserne Vorhang löchrig und aus Wien kommen Studenten nach Dunkelblum, um den verwahrlosten jüdischen Friedhof instand zu setzen. Ein Mann aus Boston sucht ein Massengrab und stellt Fragen.
    In dem Roman wird das Massaker an den jüdischen Zwangsarbeitern nicht geschildert, obwohl es das Gravitationszentrum des Werks ist. "Das Massaker ist deswegen eine Leerstelle, weil es mir gar nicht unbedingt darum geht", sagt Menasse. "Es ist geschehen", betont sie: "Das reicht."
    Menasse kümmert sich vielmehr darum, was das Morden mit Dunkelblum macht: "Mir geht es darum, was das mit einer Gemeinschaft macht, mit einer kleinen Stadt, wo jeder jeden kennt, wo jeder ungefähr weiß, wie der andere drauf ist, oder auf welcher Seite er stand im Zweiten Weltkrieg, ob er eher ein Nazi war oder ein Kommunist, oder ein Mitläufer oder vielleicht sogar ein Jude, wie der, der den kleinen Kaufmannsladen betreibt", sagt Menasse. "Mir ging es um die Darstellung der Gruppe und ihre Dynamik über die Jahrzehnte, nachdem so etwas geschehen ist."

    Kein Rechnitz-Roman

    Menasse betont, ihr neuer Text sei kein Rechnitz-Roman. Sie habe sich dem Thema zugewandt, weil "es so viele dieser Massaker in dieser Gegend gegeben hat, innerhalb von drei oder vier Wochen, kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs." Sie habe Landschaft und alle Geschehnisse unbedingt fiktionalisieren müssen: "Ich wollte ja keinen historischen Roman schreiben, sondern eine paradigmatische Menschheitsgeschichte, wie sie eben immer wieder passiert."

    "Eva Menasse breitet ein figurenreiches Panorama, ein soziales Wimmelbild von Dunkelblum aus, ganz in der Tradition des bösen österreichischen Anti-Heimatroman", erläutert Sigrid Löffler in ihrer Rezension von "Dunkelblum". Auch sie hebt hervor, dass die Mordnacht im Buch nicht imaginiert werde. "Der Roman weiß nicht mehr, als wir alle über das reale Rechnitz wissen können", so ihr Fazit.

    © Deutschlandradio / Verlag Kiepenheuer & Witsch
    Zu dem realen Ort sagt sie, das Massaker von Rechnitz sei durchaus gut erforscht. Man kenne die Täter und das Ausmaß des Mordens. Was aber fehle, seien die Überreste der Opfer: "Das Massengrab fehlt. Das ist das, was über Rechnitz bis heute wie ein Fluch hängt."
    (mfu)

    Eva Menasse: "Dunkelblum"
    Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021
    524 Seiten, 25 Euro

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