Eva Menasse: "Dunkelblum"

    Der Rest ist Schweigen

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    Das Buchcover "Dunkelblum" von Eva Menasse ist vor einem grafischen Hintergrund zu sehen.
    In "Dunkleblum" zeichnet Eva Menasse die Auswirkungen eines verdrängten Verbrechens nach. © Deutschlandradio / Verlag Kiepenheuer & Witsch
    Von Sigrid Löffler · 17.08.2021
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    Der Mord an 180 jüdischen Zwangsarbeitern 1945 im burgenländischen Rechnitz wurde niemals vollständig aufgeklärt. Rechnitz heißt im neuen Roman von Eva Menasse "Dunkelblum": 44 Jahre später beginnt Verdrängtes in dem Ort zu rumoren.
    Über das Massaker an jüdischen Zwangsarbeitern, das sich in den letzten Kriegstagen 1945 im burgenländischen Rechnitz ereignete, existieren viele Mutmaßungen, aber wenig Beweise. Historiker und Journalisten haben geforscht, mehrere Dokumentar- und Spielfilme, Doku-Romane und Theaterstücke liegen vor, darunter das Stück "Rechnitz (Der Würgeengel)" von Elfriede Jelinek, doch die Faktenlage ist lückenhaft.
    Feststeht, dass in der Nacht vom 24./25. März 1945 etwa 180 jüdische Zwangsarbeiter am Ortsrand von Rechnitz erschossen und in eine eilends ausgehobene Grube geworfen wurden. Und dass die Täter zu den Teilnehmern eines Kameradschaftsabends der NSDAP gehörten, zu dem Graf und Gräfin Batthyány die Gestapo und lokale Parteibonzen ins Schloss Rechnitz eingeladen hatte.

    Das Massengrab wurde nie gefunden

    Trotz jahrelanger Suche wurde das Massengrab bis heute nicht gefunden, die genaue Zahl der Opfer ist nicht bekannt, über die Identität der Täter kann nur gemutmaßt werden. Ein Volksgerichtsverfahren in den ersten Nachkriegsjahren erbrachte keine Klärung. Die Täter waren flüchtig oder blieben unbehelligt. Die Rechnitzer verschwiegen, was sie wussten.
    Angelehnt an diese Ereignisse legt nun Eva Menasse einen Roman vor, der die Auswirkungen dieses verdrängten Verbrechens nachzeichnet. Mit dem titelgebenden Städtchen "Dunkelblum" ist erkennbar Rechnitz gemeint.
    Die Autorin breitet ein figurenreiches Panorama, ein soziales Wimmelbild von Dunkelblum aus, ganz in der Tradition des bösen österreichischen Anti-Heimatromans. Gemeinsam ist den älteren Dunkelblumern die ungenaue Erinnerung an eine geheimgehaltene und nie gesühnte Schuld aus den letzten Kriegstagen.

    Den Boden der Geschichte versiegelt

    Die einen hocken als selbstzufriedene Hotel-Besitzer im arisierten Eigentum vertriebener Juden. Andere haben auf das Gelände des niedergebrannten Schlosses ihr Autohaus und ihren Drogeriemarkt gebaut und damit den Boden der Geschichte versiegelt.
    Der Arzt des Ortes, der in der Praxis seines jüdischen Vorgängers ordiniert, weiß von den vergrabenen Toten, schweigt aber lieber. Genau Bescheid weiß der Besitzer des Modehauses Rosalie, ein Ober-Nazi und gewiefter Leugner seiner Kriegsverbrechen und der seiner Ex-Kameraden im Ort.

    Ein Massaker als Leerstelle – Eva Menasse über "Dunkelblum": "Das Massaker ist deswegen so eine Leerstelle, weil es mir ja gar nicht unbedingt darum geht. Es ist geschehen. Das reicht. Mir geht's ja genau darum, was das mit einer Gemeinschaft macht, mit einer kleinen Stadt, wo jeder jeden kennt, wo jeder ungefähr weiß, wie der andere drauf ist, oder auf welcher Seite er stand im Zweiten Weltkrieg." Hören Sie hier das ganze Interview mit der Autorin.

    Die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse lächelt in die Kamera. Sie hat eine Sonnenbrille ins Haar geschoben, trägt Ohrringe und ein blaues Kleid mit weißen Punkten.
    © picture alliance / dpa / Soeren Stache
    Doch im Spätsommer 1989, der Gegenwartsebene des Romans, gerät alles in Aufruhr. Nebenan in Ungarn fällt der Eiserne Vorhang. Aus Wien kommen Studenten, um den verwahrlosten jüdischen Friedhof von Dunkelblum wieder instand zu setzen. Auf der Suche nach einem angeblichen Massengrab beginnt ein Fremder, ein Herr aus Boston, im Ort herumzufragen.
    Bei den Außenseitern der Gemeinde - dem jüdischen Greißler, dem schwulen Hobby-Historiker und den verrückten alten Frauen - beginnt das Verdrängte zu rumoren. Und zum Entsetzen der Mittäter und Mitwisser von einst wird zwecks Baus eines Wasserspeichers eine Wiese am Ortsrand aufgegraben, wobei prompt ein Skelett zum Vorschein kommt.

    Scheingemütlicher Erzählton

    Doch dabei belässt es Eva Menasse auch schon. So detailfreudig ihre Phantasie beim Ausmalen des fiktiven Biotops von Dunkelblum arbeitet und so sehr die Autorin in einem scheingemütlichen Erzählton voller Austriazismen schwelgt, um die bodenständige Gemeinheit ihrer Figuren zu illustrieren, so strikt versagt sie es sich, das zentrale Geschehnis, die Mordnacht, zu imaginieren. Das Massaker selbst bleibt die verschwiegene Leerstelle im Zentrum des Romans. Der Roman weiß nicht mehr, als wir alle über das reale Rechnitz wissen können.
    Der Rest ist Schweigen. Das ehrt das literarische Feingefühl der Autorin. Dennoch fühlt man sich als geeichter Romanleser vage düpiert. "Das ist nicht das Ende der Geschichte", lautet der schale letzte Satz des Romans.

    Eva Menasse: "Dunkelblum"
    Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021
    524 Seiten, 25 Euro

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