Seit 20:03 Uhr Konzert
Freitag, 18.06.2021
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Literatur | Beitrag vom 13.05.2021

Erschöpfung in der LiteraturWas Thermodynamik mit den "Buddenbrooks" zu tun hat

Moderation: Dorothea Westphal

Illustration: Kopf eines Mannes auf ausgebranntem Streichholz. (IMAGO / Ikon Images / Gary Waters)
Erschöpfungsprozess könne man auch nach den Gesetzen der Thermodynamik erklären, findet Kevin Vennemann und interpretiert so die "Buddenbrooks". (IMAGO / Ikon Images / Gary Waters)

Schon die Literatur des 19. Jahrhunderts hat sich mit dem Thema Erschöpfung befasst, beispielsweise Thomas Mann in seinem Roman "Buddenbrooks". Diesen könne man nach den Gesetzen der Thermodynamik interpretieren, sagt Autor Kevin Vennemann.

In seinem berühmtesten Roman, "Buddenbrooks", beschreibt Thomas Mann den Verfall einer Familie. Diesen Erschöpfungsprozess könne man auch nach den Gesetzen der Thermodynamik interpretieren, argumentiert der Literaturwissenschaftler und Autor Kevin Vennemann in seinem Buch "Die Welt vom Rücken des Kranichs".

Vennemann unterrichtet am Scripps College in Claremont, Kalifornien. Mit dem Kultur- und Medienwissenschaftler Andi Schoon, der in Bern das Y Institut der Hochschule der Künste leitet, unterhält er sich über seine These sowie über das Phänomen der Müdigkeit unter Kultur- und Kunstschaffenden heute.

Das Feature "Erschöpfung in der Literatur: Was Thermodynamik mit den 'Buddenbrooks' zu tun hat" wurde erstmals am 12. März 2021 in der Sendung Zeitfragen ausgestrahlt.

Erschöpfung betreffe die Buddenbrooks insofern, sagt Vennemann, als dass sie den Anschluss an die Zeit und den Entwicklungen dieser Zeit verlören.

"Je angestrengter die Familie versucht, mit der Zeit Schritt zu halten, desto mehr erschöpft sie, weil sie sich von sich aus nicht motivieren kann sich anzupassen, sich weiterzuentwickeln, sich auf dem Laufenden zu halten. Und umso größer der Aufwand ist, den die Familie investiert, desto rascher erschöpft sie. Und das hat sehr viel zu tun mit den parallel zur Handlung des Romans entwickelten Theorien des auch thermodynamischen Niedergangs nicht nur der Welt, nicht nur unserer politischen Verhältnisse, sondern eben auch aller naturwissenschaftlichen Zusammenhänge."

Niedergang einer Familie

Andi Schoon, der viel Thomas Mann gelesen hat, wäre nie auf die Idee gekommen, den Roman "Buddenbrooks" so zu lesen, findet aber, dass es erstaunlich gut funktioniere:

"Es wäre natürlich eine andere Möglichkeit, andere Ideen des 19. Jahrhunderts zu verwenden, um den Niedergang dieser Familie zu beschreiben. Die Marxsche Theorie wäre sicherlich eine Möglichkeit, zu zeigen, dass sich die Art des Erwerbs verändert und so diese gemütliche Form von Kontorshandel langsam abgelöst wird vom härteren Industriekapitalismus", so Schoon.

"Oder man geht mit Darwin und der Evolutionstheorie und sagt: Na ja, wer sich nicht den neuen Zeiten anpasst, der überlebt eben nicht. Es gibt, glaube ich, verschiedene Möglichkeiten, die 'Buddenbrooks' mit Ideen des 19. Jahrhunderts zu lesen. Aber die Thermodynamik ist schon eine Variante, die mich wirklich ziemlich überzeugt hat."

Konträr zu den Erwartungen des Marktes

Schoon, der an diesem Tag nach stundenlangem Unterrichten über Zoom an einer sehr zeitgenössischen Form von Müdigkeit leidet, erzählt, auf welche Weise seine Studenten und Studentinnen an der Hochschule der Künste erschöpft seien:

"Die Krux ist, glaube ich, dass sich die Studierenden während ihres Studiums irgendwie auf ein Dasein im Kulturbereich vorbereiten, auf eine Art, die ihnen ein Auskommen ermöglicht." Die eigenen Wünsche würden aber nicht unbedingt mit den angenommenen Erwartungen des Marktes, mit denen man es dann irgendwann einmal zu tun haben wird, übereinstimmen. Das und die Tatsache, dass es sich trotz allem um ein privilegiertes Dasein handele, seien erschöpfend, meint Schoon.

Die Gefahr der Selbstausbeutung

In seinem Essay "Sujet Imaginaire" hat er das näher untersucht und darauf hingewiesen, dass beispielsweise immer mehr Absolventen auf den Markt kämen, als dieser vertrage. Daraus folge, "dass man es schwer hat, so etwas wie Solidarität zu entwickeln, weil man miteinander in Konkurrenz steht. Und auch das ist eine ambivalente Situation, dass man natürlich schon Verbündete hat, aber letztlich dann doch darauf angewiesen ist, im richtigen Moment dann beispielsweise ein Stipendium zu bekommen. Und da spielen natürlich letztlich alle gegen alle."

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Die Gefahr der Selbstausbeutung sei groß, was sich auch auf den außerkünstlerischen Bereich übertragen lasse. Schoon führt den italienischen Philosophen Antonio Negri an, der das Phänomen beschreibt, dass sich die Fabrik des neunzehnten Jahrhunderts seit dem Zweiten Weltkrieg eigentlich in die Gesellschaft ergossen habe und auch in unsere Körper gewandert sei.

"Was zur Folge hat", sagt Schoon, "dass wir abends nicht nach Hause gehen, nachdem die Werkssirene gedröhnt hat, sondern wir bleiben sozusagen unserer Arbeitstätigkeit verpflichtet. Und die Arbeit sieht vielleicht manchmal etwas stärker aus wie Freizeit. Dafür sieht die Freizeit auch stärker aus wie Arbeit. Und das ist natürlich ein Verhältnis, das fast zwangsläufig zumindest die Gefahr einer Selbstausbeutung in sich trägt."

"Buddenbrooks" thermodynamisch gelesen

Kevin Vennemanns Buch "Die Welt vom Rücken des Kranichs" hat den Untertitel: "Thermodynamik und der Verfall einer Familie". Der erste Satz der Thermodynamik besagt, dass sich alles, was wir tun, aus einem großen Pool der Gesamtenergie bediene, der immer gleich bleibe.

Der zweite Satz besagt dagegen, dass dieser Pool zwar existiere, ein Großteil der Energie auf Dauer aber für unsere menschlichen Bedürfnisse unbrauchbar werde. Dass wir also für alles, was wir tun, mehr Energie brauchen als wir herausbekommen. Irgendwann in ferner Zukunft sei ein größerer Teil unbrauchbar: "Die Schlussfolgerung wäre dann", so Vennemann, "dass wir daran zugrunde gehen und zwar erschöpfend."

Die thermodynamische Lesart des Romans "Buddenbrooks" gehe voll auf, meint Andi Schoon: "Herr Vennemann hat zu Recht darauf hingewiesen, dass er in seinem Buch wirklich zahllose Indizien gefunden hat, die genau darauf hindeuten, dass Thomas Mann eben dieses Phänomen auch ganz gezielt eingesetzt hat."

Scheu vor dem Risiko

Anstatt sich vorsichtig der Außenwelt zu öffnen, bliebe die Familie in ihrer eigenen Welt, sagt Vennemann: "Solche Öffnungen bedeuten natürlich ein Risiko, sie bedeuten einen energetischen Austausch mit der Außenwelt. Sie bedeuten auch, dass man vielleicht Energie verliert, aber dafür auch neue Energie in den eigenen Energiehaushalt hineinbringen kann von außen. Und das ist im Prinzip ein produktiver Austausch zwischen energetischen Systemen und beschreibt, wie zum Beispiel eine ideale Dampfmaschine arbeiten sollte."

Doch die Buddenbrooks verstehen das nicht. Sie wollen in ihrem hermetischen System bleiben und riskieren damit ihren Untergang. Ehen würden zwar aus energiepolitischer Hinsicht geschlossen, so Vennemann, weit komme die Familie damit aber nicht. Eine der Leidtragenden ist Toni Buddenbrook, die aus ökonomischen Gründen heiratet und sich damit für die Familie opfert.

Die geopferte Frau

Tony, so Vennemann, sei vielleicht die erschöpfteste der Figuren: "Sie leidet vor allem daran, dass von ihr alles Mögliche erwartet wird. Sie soll zum Wohle der Familie heiraten. Sie soll das vergessen, was auch immer sie selbst ist oder sie selbst hätte sein können. Und ich glaube, dass es diese Entscheidung und die Reue und die damit verbundene Erwartungshaltung der Welt um sie herum ist, was die Figur Tony vor sich hertreibt."

Trotzdem ist Tony Buddenbrook in gewisser Weise eine Ausnahme unter den Frauenfiguren in den Romanen des 19. Jahrhunderts. Nicht nur, weil sie zweimal geschieden ist, sondern auch, weil sie überlebt, was berühmten Heldinnen wie Effi Briest, Anna Karenina oder Madame Bovary nicht vergönnt war.

Energie zum Wohle der Gemeinschaft

Das sei wirklich erschütternd, sagt Vennemann. "Wenn man sich die großen westlichen Romane des 19. Jahrhunderts anschaut, dass es für Frauen eigentlich immer nur die Möglichkeit gibt, ihre Energie zum Wohle der Gemeinschaft zu investieren, das heißt, repräsentativ zu heiraten oder sich keusch zu verhalten und sich auf keinen Fall selbst zu verwirklichen und dass etwaige Verstöße eigentlich immer nur mit zwei Möglichkeiten bestraft werden: Die Frau kann sich erlösen, indem sie heiratet. Das ist eine Möglichkeit.

Während in den Romanen nach 1850, vielleicht nicht zufällig nach der Formulierung der thermodynamischen Hauptsätze, diese Möglichkeit der Hochzeit immer seltener wird. Frauen, die nach 1850 gegen gesellschaftliche Gebote der korrekten Energieinvestitionen verstoßen, werden relativ konsequent mit dem Tod bestraft."

Den Kontakt zur Welt verlieren

Andi Schoon hat im Frühjahr 2018 eine Erzählung veröffentlicht mit dem Titel "Die schwache Stimme". Vier Figuren der heutigen Zeit ringen darin auch mit Ermüdung und Erschöpfung:

Schoon erzählt: "Ja, die sind tatsächlich gefangen in einem Zwiespalt zwischen einer inneren Konzeption und der äußeren Welt. Und es kommt immer wieder zu Momenten, in denen ihnen klar wird, dass das, was sie sich vorgestellt hatten, in Wirklichkeit nicht aufgeht. Aber immerhin sind das Figuren, denen ich noch zugestanden habe, dass sie diesen Zweifel entwickeln können, und das ist ja eigentlich ein hoffnungsvoller Moment. Es kann auch ein sehr deprimierender Moment sein, nämlich eine Einsicht, dass man mit seiner Konzeption falsch lag."

Vennemann sieht Parallelen zu den "Buddenbrooks": "Weil diese Figuren jeweils auf sehr verschiedene Weise merken, dass sie den Kontakt zur Geschwindigkeit der Welt verlieren."

(DW)

Kevin Vennemann: "Die Welt vom Rücken des Kranichs. Thermodynamik und der Verfall einer Familie"
Matthes & Seitz Berlin 2020, 236 Seiten, 28 Euro.

Andi Schoon: "Sujet Imaginaire. Ein Figurenentwurf" 
Matthes & Seitz, eBook, 40 Seiten

Andi Schoon: "Die schwache Stimme. Erzählung"

Textem Verlag Hamburg 2018, 140 Seiten, 14 Euro.

Literatur

Die Literaturkritik in der KritikWer bespricht wen?
Eine schwarze Brille liegt auf einem Stapel aufgeschlagener Bücher. (Unsplash / Tamara Gak)

Literaturkritik gibt es im Feuilleton und im Netz. Grün sind sich ihre Exponenten nicht immer. „Elektronisches Stammtischgeschnatter“ nannte Sigrid Löffler die Konkurrenz, die sich als moderner und aufgeschlossener begreift. Eine Debatte.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur