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Interview / Archiv | Beitrag vom 10.10.2015

ErnährungstrendsVegan und vegetarisch auf die Schnelle

Konsumforscher Wolfgang Adlwarth im Gespräch mit Ute Welty

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Veganer Hamburger (imago/biky)
Schnell gemacht und gegessen - ein veganer Hamburger (imago/biky)

Vegan und vegetarisch, aber auch schnelles Essen unterwegs liegen voll im Trend, sagt Konsumforscher Wolfgang Adlwarth. Unsere Esskultur verändert sich und was uns demnächst in den Regalen erwartet, zeigt die weltgrößte Messe für Ernährung in Köln mit 7000 Anbietern aus 108 Ländern.

In Köln zeigt die Messe für Ernährung, die "Anuga", vom 10. bis 14. Oktober was im Lebensmittelhandel demnächst in die Regale kommen könnte. Gut 7000 Anbieter aus 108 Ländern präsentieren ihre Neuheiten.  

Im Trend bei Lebensmitteln sieht der Konsumforscher Wolfgang Adlwarth Veganes und Vegetarisches. Dabei verbinde sich ein ethisch-moralische Anspruch in der Ernährung mit Gesundheitsaspekten. Unsere Esskultur habe sich individualisiert, Konsum und Ernährungsgewohnheiten extrem ausdifferenziert, sagte der Handelsexperte der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Deutschlandradio Kultur.

Drei Milliarden Mahlzeiten zuhause sind weggefallen

Weiterer großer Trend sei das Essen auf die Schnelle: Immer mehr Menschen ernähren sich nicht zuhause sondern unterwegs. Studien zeigten, dass in den letzten zehn Jahren drei Milliarden Mahlzeiten, die zuhause eingenommen wurden, mittlerweile weggefallen seien. Der Konsumforscher macht dafür gestiegenen Anforderungen an Mobilität und Flexibilität gerade bei jüngeren Menschen veranwortlich: "Sodass für Mittagessen oder teilweise sogar Frühstück gar keine Zeit bleibt und sodass man auf Fertigangebote angewiesen ist oder teilweise sogar gar nicht mehr isst. (...) Und das führt dazu, dass ein Gutteil der Bevölkerung gar nicht mehr richtig kochen kann," erklärte Adlwarth.

Ernährung mit Blick auf Gesundheit und moralisch-ethische Werte

Generell habe sich das Ernährungsbewusstsein bei den Deutschen stark gewandelt. Beim Essen werde stärker auf die Gesundheit geachtet, was sich in der Wahl von besonderen Lebensmitteln wie lactose- oder glutenfreien Produkten niederschlage.

Kaufentscheidungen würden aber auch verstärkt nach ethischen Kriterien getroffen: "Essen wird immer stärker damit verbunden (...) dass es auch moralisch-ethischen Funktionen genügt. Dass man damit im Grunde ausdrückt, wer man ist. (...) In dem Sinne, dass ich mich dann auch als Gutmensch darstellen kann." Der vegan-vegetarische Trend erfülle damit gleich mehrere Bedürfnisse, erklärte der Konsumforscher: "Sowohl den Nachhaltigkeitsaspekt (...) als auch dem Gesundheitsaspekt." Dieser Trend zu Mehrfachkominationen werde sich weiter fortsetzen. 


Das vollständige Interview im Wortlaut: 

((Einspielung Noch 'n Toast, noch 'n Ei ...))

Ute Welty: Etwas Marmelade, etwas Konfitüre – so frühstückten die Gebrüder Blattschuss 1997. 2015 können wir zumindest bei jeder Frühstückszutat Bedenken anmelden. Zu viele Kohlenhydrate, zu viel Cholesterin, Koffein und Zucker. Essen ist inzwischen viel mehr als Sattwerden, es ist Wissenschaft, Philosophie und vielleicht auch Religion. Und natürlich ist Essen ein Geschäft, das wird vor allem deutlich, wenn heute die Anuga beginnt, die größte Ernährungsmesse der Welt. Und da sind wir dann auch beim Thema: Ernähren Sie sich oder essen Sie noch? Diese Frage kann ich gleich weitergeben an Wolfgang Adlwarth von der Gesellschaft für Konsumforschung. Guten Morgen!

Wolfgang Adlwarth: Guten Morgen!

Welty: Sich richtig ernähren oder einfach lecker essen – in der Wortwahl offenbart sich ja schon ein sehr unterschiedlicher Standpunkt gegenüber Nahrungsmitteln. Vergessen die Menschen zu essen, weil sie sich richtig ernähren wollen?

Das Ernährungsbewusstsein ist bei den Deutschen enorm gewachsen

Adlwarth: Teilweise ja, teilweise nein. Es ist schon so, dass das Ernährungsbewusstsein bei den Deutschen enorm gewachsen ist. Man achtet beim Essen sehr stark auf die Gesundheit, und das schlägt sich dann nieder eben in der Wahl von solchen Produkten, die Sie auch gerade angesprochen haben. Laktosefrei, glutenfrei und was es dort alles gibt. Und auf der anderen Seite hat aber Essen nach wie vor die Funktion, eben hier auch erstens mal satt zu machen und vor allen Dingen eben gut zu schmecken. Diese beiden Dinge miteinander zu verbinden, das ist so ein bisschen die Kunst.

Welty: Wo Sie glutenfrei, laktosefrei, vegetarisch, vegan gibt es ja auch noch, wo Sie das alles ansprechen – kaum einer isst ja heute wirklich noch alles. Wie lässt sich denn diese breite Spreizung der Angewohnheiten und Überzeugungen erklären? Das war ja zum Beispiel in den Fünfzigern völlig unüblich.

Adlwarth: Das ist richtig. Das hat auch damit zu tun, dass es in der Zwischenzeit ganz unterschiedliche Stile gibt zu kochen und sich zu ernähren. Früher hatten wir hier den Alltagskoch, das war im Grunde hier der Regelfall. Heute differenziert sich das aus. Wir haben in einer Untersuchung, die wir jetzt kürzlich gemacht haben, acht verschiedene Kochtypen festgestellt.

Welty: Acht verschiedene Kochtypen? Mit Herd und ohne Herd, oder?

Adlwarth: Teilweise dann tatsächlich ohne Herd. Das sind diejenigen, die quasi überhaupt nicht mehr kochen. Das geht also auf der einen Seite los von dem Edel-Koch, der eben hier sich kreativ auslebt beim Kochen, bis dann eben auf der anderen Seite so Typen wie dem Snacker, der im Grunde hier nur zwischendurch immer ein bisschen was isst, gar nicht mehr am Herd steht, oder eben hier auch demjenigen, der quasi nur aufwärmt und Fertiggerichte, Ready-to-cook-Angebote nutzt.

Welty: Aber woran liegt das denn? Wie gesagt, in den Fünfzigern war es völlig unüblich, da haben alle Leute alles gegessen, und es ist auch das gegessen worden, was auf den Tisch kommt. Und heute ist es ja eine Philosophie, eine Religion, eine Individualisierung, die kaum noch nachzuvollziehen ist.

 in den letzten zehn Jahren sind drei Milliarden Mahlzeiten weggefallen

Adlwarth: Das hat zumindest zwei wesentliche Gründe. Das eine ist hier tatsächlich, sind gesellschaftliche Entwicklungen. Wir haben ja eine immer höhere Flexibilitäts- und Mobilitätsanforderung an die Leute, insbesondere eben hier auch an junge Menschen, sodass für Mittagessen oder teilweise auch fürs Frühstück gar keine Zeit bleibt, das mit eigenem Kochen anzurichten. Das heißt, da ist man dann tatsächlich hier ausgerichtet danach, dass man Fertigangebote nutzt oder eben teilweise überhaupt nicht mehr isst. Wir haben das festgestellt in Untersuchungen hier, in den letzten zehn Jahren sind im Grunde drei Milliarden Mahlzeiten, die zu Hause eingenommen werden, weggefallen, wird weniger konsumiert. Und das führt natürlich dann auch dazu, dass man ein anderes Kochverhalten hat, und es führt zum Teil auch dazu, dass ein Gutteil der Bevölkerung gar nicht mehr richtig kochen kann. Und dann kommt es eben zu dieser Ausdifferenzierung. Der zweite Grund ist sicherlich der, dass wir eben hier auch einen deutlichen Bewusstseinswandel haben. Essen wird immer stärker damit verbunden, nicht nur, dass es eben satt macht und gesund ist, sondern dass es auch sozusagen moralisch-ethischen Funktionen genügt, dass man damit im Grunde ausdrückt, wer man ist – zeige mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist –, aber in dem Sinne hier, dass ich mich da sozusagen auch als Gutmensch darstellen kann.

Welty: Lässt sich unterscheiden, welcher Trend einem wirklichen Bedürfnis entspricht, und welcher Trend bewusst von der Industrie gesetzt wird oder eben auch ein neues Geschäftsfeld eröffnet?

Adlwarth: Diese großen Trends, die sind schon Trends, die hier aus dem Verbraucher heraus kommen.

Welty: Quasi aus dem Bauch heraus.

Adlwarth: Quasi, genau. Oder aus den Lebensumständen. Natürlich gibt es immer wieder Trends und Themen, die von der Industrie gesetzt werden, das ist aber dann eher so wie Modezyklen. Ich war gestern auch auf der Anuga, ich habe hier beispielsweise gesehen, dass es im Moment viele Dinge gibt, die in Herzform angeboten werden. Das ist sicherlich nicht unbedingt was, was jetzt hier ein direktes Verbraucherbedürfnis ist, aber wo man eben hier sozusagen auf die Art und Weise so einen kleinen Trend setzt. Und das ist ja eine ganz nette und hübsche Angelegenheit und ist sicherlich hier auch interessant und kaufanregend für den Verbraucher. Aber die wesentlichen, die großen Trends, das, was ich gerade angesprochen habe, das sind schon Dinge, die hier eben aus Entwicklungen bei den Menschen, bei den Verbrauchern heraus entstehen.

Welty: Was halten Sie für den nächsten wichtigen Trend?

Adlwarth: Was eben momentan ganz groß ist, ein ganz großer Trend, ist das Thema vegetarisch beziehungsweise vegan. Aber das eben hier aus zwei Gründen heraus: in Verbindung zum einen mit dem, was ich eben gesagt habe, dem Nachhaltigkeitsaspekt, dem moralisch-ethischen Anspruch, auf der anderen Seite aber eben hier in der Verbindung mit Gesundheitsaspekten. Und das, denke ich, ist hier auch ein großer Punkt, dass Produktangebote, dass Nahrungsmittel hier Kombinationen von Bedürfnissen stärker erfüllen sollen, als das vielleicht bisher der Fall ist.

Welty: Fleisch ist also der große Verlierer. Der Konsumforscher Wolfgang Adlwarth von der Gesellschaft für Konsumforschung hier im Interview im Deutschlandradio Kultur. Danke Ihnen!

Adlwarth: Danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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