Seit 23:30 Uhr Kulturnachrichten

Donnerstag, 05.12.2019
 
Seit 23:30 Uhr Kulturnachrichten

Lesart / Archiv | Beitrag vom 30.04.2019

Erinnerungsbücher aus Russland und UkraineDas Schweigen der Großeltern brechen

Von Olga Hochweis

Beitrag hören Podcast abonnieren
Stapel von verschienden Bildern aus der Sovietzeit (Imago / ITAR-TASS / Yuri Smityuk)
Der Umgang mit der Sowjetgeschichte fällt in Russland und Ukraine bis heute schwer. (Imago / ITAR-TASS / Yuri Smityuk)

Eine kollektive Erinnerungskultur, die die millionenfache Erfahrung von Lagerhaft und Unterdrückung aus Sowjetzeiten aufarbeitet, fehlte in Russland bisher. Doch jetzt drängt eine Welle von Erinnerungsbüchern auf den Markt.

Eine Moskauer Wohnung, vollgestellt mit Familiengegenständen, die nach dem Tod der Tante zur Erinnerung einlädt. Ein alter Kriegsveteran, der im Suff auf Gänse schießt, denen er den Namen "Fritz" gab – Symbol der verhassten Deutschen. Oder die wiederholte Erzählung einer Großmutter, wie sie während der ukrainischen Hungerkatastrophe Anfang der 1930er-Jahre vom eigenen Vater vor einem Waisenhaus ausgesetzt wurde.

Die Szenen und Motive aus den Erinnerungsbüchern russischer und ukrainischer Autorinnen und Autoren sind so vielfältig wie die Geschichten, die jedes einzelne ihrer Leben prägen. Menschen Tribut zu zollen und sie der Vergessenheit zu entreißen, das prägt eine Welle neuer literarischer Erinnerungsbücher.

Erinnerung fand nicht statt

Jahrzehntelang war Erinnerung in der Sowjetunion vermintes Terrain. Ein einziger Brief oder eine Fotografie konnten existenzielle Folgen haben, Terror und Verfolgung nach sich ziehen.

Aus Angst wurde über millionenfache Lagererfahrung selbst in der eigenen Familie nicht gesprochen. Viele erfuhren nie die Umstände des Todes ihrer Angehörigen. Sie wurden "entpersönlicht", so zitiert Masha Gessen in ihrem Foto-Essay-Buch "Vergessen - Stalins Gulag in Putins Russland" (zusammen mit Misha Friedman) den Angehörigen zweier Opfer.

Die Generation der heute 35-50-jährigen Autorinnen und Autoren, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Freiheit aufwuchs, hat mit dem Schweigebann der Eltern-und Großelterngeneration gebrochen. Eine große Dringlichkeit ist spürbar in ihren Erinnerungsbüchern. Sie ist persönlich wie politisch motiviert.

Aufarbeitung des Staatsterrors ist ausgeblieben

Kollektive Erinnerungskultur, so die zentrale These von Masha Gessen, hat bis heute nicht stattgefunden. Die Traumata von einst sind gegenwärtig geblieben: Es gab keine Zäsur, keine Aufarbeitung des jahrzehntelangen Staatsterrors. Gessens Hauptwerk "Die Zukunft ist Geschichte", für das sie im März 2019 den Preis zur Europäischen Verständigung erhielt, folgt vier Protagonisten, die allesamt in den frühen Achtzigern geboren wurden und engagiert die russische Zivilgesellschaft mit aufbauen wollten.

Es ist ein Buch der Desillusionierung geworden, ein Abbild der gesellschaftlichen Rückschritte unter Putins Regime. Sein Untertitel spricht Bände: "Wie Russland die Freiheit gewann und wieder verlor".

Ein zentraler Ausgangspunkt für den Großteil der Erinnerungsbücher ist die eigene Familie - die Eltern, die Großeltern, die verstorben sind und deren Geschichten und Erfahrungen weitertragen werden. Maria Stepanova widmet ihrer russisch-jüdischen Intellektuellenfamilie mit "Nach dem Gedächtnis" eine "Romanze" – ein Buch, das im Kern um die Urgroßmutter Sarra Ginzburg kreist.

Die Hauptfigur ist aber die Erinnerung selbst und der subjektive Umgang des Einzelnen mit Formen des Gedächtnisses. Persönliche Erinnerungssplitter und essayistische Exkurse bilden ein komplexes, lyrisch aufgeladenes Mosaik.

Große Historie und kleine Geschichten

Sehr viel fiktionaler und in epischer Breite geht Sergej Lebedew auf Spurensuche in seiner eigenen deutsch-russischen Familiengeschichte. Er spannt in "Kronos' Kinder" den Bogen über einen Zeitraum von 200 Jahren und verschränkt die große Historie mit den kleinen Geschichten seiner fiktiven Romanfigur Kirill.

Tanja Maljartschuk wiederum, Preisträgerin des Ingeborg Bachmann-Wettbewerbs 2018, verschränkt in ihrem Roman "Blauwal der Erinnerung" eine sehr stark autobiografisch geprägte Geschichte mit der historischen Figur Wjatscheslaw Lypynskyj, der genau 100 Jahre vor der Ich-Erzählerin geboren wurde. Kunstvoll und eindringlich pendelt sie zwischen Vergangenheit und Gegenwart und zeigt am Beispiel der Erzählungen ihrer eigenen Großmutter, wie stark diese einander bedingen.

Besprochen wurden:
Masha Gessen/Misha Friedmann: "Vergessen – Stalins Gulag in Putins Russland" (dtv)
(Suhrkamp)
Maria Stepanova: "Nach dem Gedächtnis", Roman (Suhrkamp)
Sergej Lebedew, "Kronos' Kinder", S.Fischer, Roman
Tanja Maljartschuk, "Blauwal der Erinnerung", Kiepenheuer& Witsch, Roman

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur