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Literatur | Beitrag vom 18.10.2020

Erfolgsmodell Literaturinstitut Zwischen Handwerk und Genie

Von Nils Kahlefendt

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Illustration von einem Mann, der an beiden Seiten seines Gesichts zwei Bücher lächelnd gegen sich drückt.   (imago stock&people/ Simon Ducroquet )
Werdende Autoren und Autorinnen haben heute viel Auswahl, wenn sie literarisches Schreiben studieren wollen. (imago stock&people/ Simon Ducroquet )

Inspiration ist schön, macht aber viel Arbeit, hätte Karl Valentin das Studium an Schreibschulen zusammengefasst. An vielen Orten kann heute literarisches Schreiben erlernt werden, und die Kritik an der vermeintlichen „Institutsprosa“ ist fast verstummt.

Als das kreative Schreiben um die Jahrtausendwende die Volkshochschulen, die Therapie- und Selbsterfahrungszirkel verließ und den professionellen Literaturbetrieb eroberte, war ein Verdikt schnell bei der Hand. "Institutsprosa" hieß es, und leitete sich ab von dem Haus, das im Jahr 2020 sein 25-jähriges Jubiläum feiert: dem Deutschen Literaturinstitut Leipzig (DLL). Mittlerweile ist die Kritik fast verstummt, und werdende Autorinnen und Autoren haben viel Auswahl, wenn sie literarisches Schreiben studieren wollen. Die USA, das Mutterland des "Creative Writing", hat es nicht mehr besser.

Einholen ohne Überholen

"Wir sind endlich ein Teil der westlichen Welt geworden", freute sich der Schriftsteller Josef Haslinger ("Opernball", "Mein Fall") damals, der erst Professor, dann Direktor des DLL wurde. Denn die Nationalsozialisten hätten einst verschuldet, dass ersten Einrichtungen in der UdSSR und den USA keine deutschen folgten. 1933 gründete Stalin das Maxim-Gorki-Institut, um mit den "Ingenieuren der Seele" den Sozialistischen Realismus zu etablieren, 1939 entstand der "Iowa Writers’ Workshop".

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1995 fiel der Widerstand gegen die Gründung des DLL heftig aus. Erst fünf Jahre zuvor war in Leipzig das "Johannes-R.-Becher-Institut" abgewickelt worden. Es galt den einen – zu Unrecht – als SED-Ziehschule parteigenehmer Schriftsteller, während andere hämisch auf mangelnde Erfolge verwiesen, veröffentlichen doch von den letzten 20 Absolventen nur noch zwei: Kerstin Hensel und Kurt Drawert. Wozu also einen Nachfolger des Instituts gründen?

Die Tücken der Subjekte

Unverständnis schlug auch dem Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil in Hildesheim entgegen, als er 1999 den Studiengang "Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus" aus der Taufe hob. Heute sind solche Vorbehalte kaum mehr nachvollziehbar. Alle Künste – Schauspiel, Regie, Malerei, Bildhauerei, Musik, sogar Komposition – können studiert werden, die Literatur jedoch nicht?

Nur was sollen Literaten studieren? Die Tücke der Objekte und Subjekte kennen sie wie Maler, Bildhauerinnen oder Regisseure nicht, weil sie einsam und anachronistisch lediglich mit Papier und Stift oder dem Computer als Schreibmaschine hantieren. Alles scheint sich in ihnen abzuspielen, und in Deutschland gelten sie seit den Stürmern und Drängern als begnadet dank einer Eingebung, besser noch: vieler. Inspirationen stellen sich ein – oder eben nicht. Studium unnötig.

Keine Bacchanale, kein Arkanum

Ähnlich argumentierte schon Platon. Bei ihm treten die Dichter in Ekstase aus sich heraus und werden von den Göttern erfüllt. Ihre Lieder bringen sie nicht durch Kunst, sondern durch göttliche Kraft hervor: Sie sind "Sprecher der Götter". Doch wer einmal die Seminarräume der Institute in Leipzig, Hildesheim, Köln oder Wien geblickt hat, dürfte enttäuscht sein: Tempel sind es mit Sicherheit nicht, Bacchanale werden hier wohl höchst selten gefeiert. Die Schulen der Autoren halten es mit Aristoteles, der Dichtkunst eher als "Sache des Talents als des Enthusiasmus" einschätzte. Talent aber, wusste Aristoteles, "lässt sich bilden". Wir wären alle Künstler, bemerkt der Maler Conti in Lessings "Emilia Galotti", gäbe es den Arm nicht zwischen Kopf und Leinwand.

Arbeitstreffen von Autorinnen und Autoren wie die Gruppe 47 oder der Tunnel über der Spree haben immerhin eine lange Tradition. An die Stelle solcher Treffen ist heute ein Studium getreten, in dem ohne Angst vor Prestigeverlust auch über handwerkliche Fragen gesprochen wird: über Erzählperspektiven und Dialoge, Atmosphäre und Spannung.

Akademisierung als Antwort

Für solche Fragen haben die Herausgeberinnen von Literaturzeitschriften heute ebenso wenig Zeit wie die Lektoren, die in den Verlagen zu Programmmanagern geworden sind und die Arbeit am Text den Agenten oder Außenlektoren überlassen müssen. Die Studiengänge und Werkstätten füllen eine Lücke, die jede junge Autorin, jeder junge Autor schmerzlich bemerkt. 

(pla)

Das Manuskript der Sendung können Sie hier herunterladen.

Es sprechen: Robert Frank und Niklas Korth
Ton: Ralf Perz
Regie: Stefanie Lazai
Redaktion: Jörg Plath

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