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Lesart | Beitrag vom 25.11.2020

Elif Shafak über "Schau mich an"Von der Macht der Blicke

Moderation: Andrea Gerk

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Die Schriftstellerin Elif Shafak sitzt auf einem grauen Sofa. Im Hintergrund ist ein Bücherregal zu sehen. (Olivier Hess)
Elif Shafak verarbeitet in ihren Büchern auch eigene schmerzliche Erfahrungen als Außenseiterin. (Olivier Hess)

Elif Shafaks Roman über ein ungleiches Liebespaar ist nach 20 Jahren auf Deutsch erschienen. Für die Schriftstellerin ist das Thema hochaktuell: Demokratiefeindlichkeit und die Dominanz von Social Media verhinderten Vielfalt, sagt Shafak.

Elif Shafak hat ein Herz für Außenseiter. Die türkische Schriftstellerin wurde in Straßburg geboren und wuchs in einem konservativ-traditionellen Stadtteil von Ankara als Kind geschiedener Eltern bei ihrer Mutter auf. Sie habe immer darunter gelitten, nie wirklich dazuzugehören und Außenseiterin zu sein, sagt Shafak. 

Ihr bereits vor 20 Jahren veröffentlichter Roman "Mahrem" über eine ungewöhnliches Liebespaar ist jetzt auch auf Deutsch unter dem Titel "Schau mich an" erschienen. Er treibt das Außenseitertum auf die Spitze: Eine übergewichtige Frau und ihr Geliebter, ein Kleinwüchsiger, werden von allen angestarrt. Doch während sich die Frau vor der Welt verstecken will, zieht der Mann die Aufmerksamkeit bewusst auf sich. Er fängt, fast obsessiv, an, sein "Lexikon der Blicke" zusammenzustellen.

Die Demokratie ist bedroht

Für Shafak, die zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der Gegenwart zählt und sich für Gleichberechtigung und freiheitliche Werte in der Türkei und weltweit einsetzt, ist ihr Roman heute aktueller denn je.

Digitalisierung, Autoritarismus, Nationalismus und Gruppennarzissmus, die sozialen Medien – all das bestimme unseren Blick auf andere und auf uns selbst, sagt sie: "Die Demokratie ist immer stärker in Gefahr, sie wird in vielen Ländern bedroht. Und wenn die Demokratie irgendwann einmal verloren geht, dann hat man keine Chance mehr für Diversität. Es ist dann sehr schwer, anders zu sein."

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Durch die politischen Veränderungen und durch die Dominanz der sozialen Medien fühle man sich im Alltagsleben permanent beobachtet, gesteuert und fremdem Blicken ausgeliefert.

Wie die dunkle Seite des Mondes

Selbst die eigenen Posts in Social-Media-Kanälen spiegelten die Beurteilung durch andere wider. "Wir müssen die sozialen Medien so sehen wie den Mond: Es gibt das Helle und das Licht. Sie fördern die Gleichheit und gerechte Strukturen über Grenzen hinweg. Sie ermöglichen Kommunikation und Informationsfluss."

Zu lange habe man sich mit dieser hellen Seite beschäftigt. Doch es gebe auch die dunkle Seite von Social Media, und jetzt sei es fast zu spät zu versuchen, damit umzugehen. Sie komme aus einem Land, in dem es keine Demokratie gebe, sagt Shafak. "Deshalb bin ich ganz klar in meiner Ansicht, dass keine Einzelperson, keine Partei, keine Gruppierung alleine die Macht haben sollte."

(mkn)

Elif Shafak: "Schau mich an"
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier
Kein & Aber, Zürich 2020
400 Seiten, 24 Euro

Ebenfalls gerade auf Deutsch erschienen ist ein Kinderbuch:

Elif Shafak: "Liane und das Land der Geschichten: Ein Buch über die Magie des Lesens"
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier
arsEdition, 2020, 160 Seiten, 12 Euro


Hören Sie hier das Interview im Original ohne Übersetzung:

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