Ein visueller Dauerlauf ohne Entkommen

Von Elisabeth Nehring |
Der Bremer Choreograph Urs Dietrich hat das deutsche Requiem als musikalisch-tänzerische Inszenierung im Dom realisiert, aber versäumt es dabei, Bariton Martin Kronthaler und andere Sänger in die Ebene von Tanz und Szene miteinzubeziehen.
1868 wurde das deutsche Requiem von Johannes Brahms im St. Petri Dom uraufgeführt und verhalf seinem noch jungen Schöpfer zu nachhaltigem Erfolg. Die Texte nahm Brahms aus der Bibel; der Begriff "deutsch" im Titel bezog sich auf die deutsche Sprache der Texte, die damit für alle verständlich wurden. Es war damals schon eine moderne Form von Requiem und regt genau deswegen Künstler von heute an, sich immer wieder damit auseinander zu setzen.

Der Bremer Choreograph Urs Dietrich hat zusammen mit dem Tanztheater sowie der Oper Bremen und der St. Petri Dom Gemeinde das deutsche Requiem als musikalisch-tänzerische Inszenierung im Dom realisiert. Unter der musikalischen Leitung von Markus Poschner musizieren und singen die Bremer Philharmoniker, der Domchor sowie Chor und Extrachor des Theater Bremen.

Sänger und Musiker – insgesamt fast 150 Personen – sind stufenförmig im mächtigen Mittelschiff angeordnet und effektvoll mit warmem Licht ausgeleuchtet. Elf Tänzer bewegen sich überwiegend durch den Mittelgang entlang der Stuhlreihen oder kommen aus den Längsschiffen. Sie rennen, schreiten, trippeln oder gehen.

Urs Dietrich hat, bis auf eine schöne tänzerische Gruppenszene, eher sparsam für den Kirchenraum choreographiert. Dafür hebt er die Tänzer vor allem ins Bild, d.h. in die Videoprojektion von Ulrich Scholz. Die wird den ganzen Abend über fast pausenlos auf jene zentrale, riesige Leinwand geschickt, die drohend über den Köpfen der Sänger hängt. Kühle Bilder, in denen Menschen durch endlose Gänge laufen, ins Nichts verschwinden oder bei lebendigem Leib verbrennen, im zweiten Teil der Inszenierung aber auch Aufnahmen wilder Tanzbewegungen, die ständig übergroß vor unseren Augen erscheinen.

Dieser visuelle Dauerlauf lässt kein Entkommen zu, außer, man schließt die Augen. Viele Besucher haben das getan, auch um sich auf die wunderbare musikalische Interpretation zu konzentrieren. Markus Poschner, Dirigent und musikalischer Leiter, führt mit abgeklärtem Enthusiasmus und sicherer Hand durch den Abend, an dem vor allem Bariton Martin Kronthaler beeindruckte. Er hat nicht nur eine große Stimme, sondern auch stärkere Präsenz und Ausdruckskraft als die eher introvertierten Tänzer.

Choreograph Urs Dietrich hat es versäumt, ihn und andere Sänger und Musiker in die Ebene von Tanz und Szene miteinzubeziehen, eine Schwäche dieses so aufwändigen und imposanten künstlerischen Großprojekts.

Johannes Brahms: "Ein deutsches Requiem"
Inszenierung am Theater Bremen
Inszenierung: Urs Dietrich
Musikalische Leitung: Markus Poschner
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