Eckart Conze: „Friedlos“
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Das Morden geht immer weiter
07:07 Minuten

Eckart Conze
Friedlos. Die Deutschen zwischen Kriegsgewalt und Friedenssuche. Von 1648 bis heutedtv, München 2026576 Seiten
35,00 Euro
Der Historiker Eckart Conze beschreibt in einer groß angelegten Studie die Gewalt des Krieges, vom Westfälischen Frieden 1648 bis heute. Das Buch zeigt: Die Suche nach einem dauerhaften Frieden war bisher vergeblich. Und wird es wohl auch bleiben.
Dem Westfälischen Frieden von 1648 gingen jahrelange Verhandlungen voraus, über den Inhalt, aber auch über Teilnehmer und Ort des Vertragsschlusses. Währenddessen gingen die blutigen Kämpfe weiter. Was schließlich als großer Friede gefeiert wurde, erwies sich nicht als dauerhaft.
Der Dreißigjährige Krieg war nur einer in einer langen Reihe gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Dynastien und Staaten, wie sie der Marburger Historiker Eckart Conze in seinem neuen Buch beschreibt. „Krieg ist kein Normalzustand, aber Krieg ist ein Phänomen und auch eine historische Erscheinung, die es in der Geschichte immer wieder gegeben hat", betont er: "Aber daraus speist sich eben auch als historischer Prozess und als historische Entwicklung immer wieder der Versuch, Frieden zu schaffen.“
Eckart Conze schildert auf über 500 Seiten detailliert die Abfolge von Kriegen und Friedenssuche vom 17. Jahrhundert bis heute. Im Mittelpunkt stehen Deutschland und Europa, Kolonialkriege tauchen nur am Rande auf. Was der Autor für die deutsche Geschichte konstatiert, ein Übermaß an Krieg und Verbrechen, gilt auch für die Vergangenheit anderer europäischer Großmächte.
Kriegsgeschehen auf der Metaebene
Dabei beschränkt sich der Autor nur auf gewaltförmige Konflikte zwischen Königreichen und Staaten. Erbittert geführte Bürgerkriege wie der russische oder der spanische Bürgerkrieg mit Millionen Opfern vor allem unter der Zivilbevölkerung erwähnt Conze, wenn überhaupt, nur am Rande. Generell betrachtet er das Kriegsgeschehen auf der Metaebene. Ihm geht es um die Ursachen von Gewaltausbrüchen, um Konfliktlinien, Allianzen, Handlungsspielräume, Machtverhältnisse und Profiteure: „Es gibt Interessen, politische Interessen, ökonomische Interessen, die auf Krieg hinstreben, die sich vom Krieg Gewinne, Vorteile versprechen, machtpolitische Vorteile, geopolitische Vorteile, strategische Vorteile.“
Was Eckart Conze weitgehend ausspart, man könnte auch sagen, den Leserinnen und Lesern erspart, sind konkrete Schilderungen der Kriegsverläufe, das Gemetzel auf den Schlachtfeldern, das barbarische, menschenverachtende Handeln der Akteure. Zu den skrupellosen Machtpolitikern und Kriegstreibern zählt er - neben Ludwig XIV., Friedrich dem Großen, Stalin oder Hitler - aktuell auch Wladimir Putin.
Ohne dessen Politik und Persönlichkeit sei der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine gar nicht denkbar, meint der Historiker: "Weil dieser Krieg längst auch eine Funktion gewonnen hat, die Herrschaft Putins, die Diktatur Putins zu sichern, seine individuelle persönliche Macht zu sichern." Auch Napoleon habe Kriege geführt, "Kriege geradezu gebraucht, um seine eigene Macht, seine eigene Herrschaft zu stabilisieren“.
Um Kriege einzuhegen, zu beenden oder gar nicht erst ausbrechen zu lassen, suchten und suchen Politiker, Diplomaten oder Philosophen nach Lösungen: ein jahrhundertelang vergebliches Bemühen, wie der Autor überzeugend darlegt. Ob der Westfälische Friede, der Wiener Kongress, die Genfer Konvention, die Haager Konferenzen, die Gründung von Friedensgesellschaften, der Versailler Vertrag, die Gründung der Vereinten Nationen, der Atomwaffensperrvertrag oder der Internationale Strafgerichtshof – das Ringen um Abrüstung und gewaltfreie Lösungen bescherte keinen dauerhaften Frieden.
Über den "Wahnwitz der Menschheit"
Eckart Conze zitiert den preußischen Grafen Lehndorff, der nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges in seinem Tagebuch notierte: „Wenn man nun einmal bedenkt, welche unzähligen Opfer dieser Krieg gefordert hat, wie viele Provinzen verwüstet, wie viele Familien ruiniert worden sind, und das alles, um die Herrscher in dem Status quo ante zu sehen, so möchte man über den Wahnwitz der Menschheit laut aufschreien.“
Der „Wahnwitz der Menschheit“ nahm kein Ende, im Gegenteil. Zwei Weltkriege, der Holocaust, die Stellvertreterkriege im globalen Süden, Millionen Tote in Vietnam, Ruanda, Kongo oder Sudan, all dies brachte kein Umdenken. „Dieses Buch bietet keine Zukunftsprognose, es bietet in dem Sinne auch keine Lehren aus der Geschichte, die sich zusammenfassen ließen in einigen wenigen Sätzen", sagt Conze. "Es bleibt gewissermaßen der Appell, weiterhin den Kampf gegen die Friedlosigkeit zu führen, politisch, diplomatisch, im Zweifelsfall auch militärisch. Aber es gibt keine Fortschrittsgeschichte.“
Nüchtern und ohne Illusionen
Eckart Conzes Buch ist eine eindrucksvolle Darstellung des Kriegsgeschehens und des Ringens um Frieden; eine nüchterne, illusionslose Bestandsaufnahme über die letzten fünfhundert Jahre. Gegenwärtig führt Wladimir Putin einen brutalen Krieg in der Ukraine, Trump droht Iran mit dem Untergang der Zivilisation. Ganz zu schweigen vom Bürgerkrieg im Sudan, der bereits Millionen Menschen vertrieben hat. Eine internationale Geberkonferenz versucht, diese größte humanitäre Krise weltweit ein wenig zu lindern. Doch das Morden und die Vertreibung gehen unvermindert weiter.



































