Dror Mishani: „Vertrauen“

Geleitet von der Kraft des Glaubens

05:35 Minuten
Das Cover zu Dror Mishanis "Vertrauen" zeigt eine Frau mit zum Bob geschnittenen braunen Haaren, die ihr Gesicht verbergen.
© Diogenes

Dror Mishani

Aus dem Hebräischen von Markus Lemke

VertrauenDiogenes, Zürich 2022

350 Seiten

22 Euro

Von Carsten Hueck · 10.03.2022
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Ein ausgesetztes Kind, ein ertrunkener alter Mann und ein Ermittler, der sich zu Höherem berufen fühlt. Der israelische Autor Dror Mishani schreibt über Glauben, Selbstermächtigung und Tod zwischen Tel Aviv und Paris.
Der neue Kriminalroman des Autors Dror Mishani beginnt wie ein Ende: Oberinspektor Avi Avraham, 43 Jahre alt, ein verschlossener Ermittler, der in seiner Freizeit Kriminalromane liest, möchte sich beruflich verändern. Er will raus aus dem täglichen Kleinkram in Cholon, einem wenig glanzvollen Vorort im Süden von Tel Aviv. Er langweilt sich mit den kleinen, gewöhnlichen Fällen, zumeist tragischen Gewalttaten, die er zwar erfolgreich aufklärt, deren Bearbeitung ihm aber zunehmend sinnlos erscheint. Avi will aus der provinziellen Polizeiarbeit aussteigen.
Sein Vorgesetzter reagiert ratlos. Will der verdiente Mitarbeiter zu einer landesweit operierenden Einheit, vielleicht sogar in den internationalen Polizeidienst? Midlifekrise? Nicht ganz und doch ein bisschen. Denn Avi fühlt sich tatsächlich zu Höherem berufen.

Ein Baby führt ins religiöse Milieu

Bis aber eine neue Tätigkeit in Sicht ist, muss er sich weiterhin mit alltäglichen Fällen beschäftigen. Viagraschmuggel, versuchte Brandstiftung, ein verschwundener Tourist, ein ausgesetztes Baby.
Dieses Baby führt die Kollegin Avi Avrahams zu einer alleinerziehenden, religiösen Kindergartenhelferin, deren jüngste Tochter gerade 15 ist. Erst gibt die Frau an, selbst Mutter des ausgesetzten Kindes zu sein, dann gesteht sie, dass die Minderjährige die Mutter des Babys ist. In dieser Geschichte geht es um Religion und soziale Verhältnisse, um seelischen Missbrauch und weibliche Ermächtigung.

Spuren zum Geheimdienst

Geschickt verknüpft Mishani diesen Fall mit dem eines älteren Mannes, der in Israel einreist und kurz darauf als Leiche aus dem Meer gefischt wird. Offensichtlich hatte er aus Angst um sein Leben kleine Spuren hinterlassen, die es dem Ermittler ermöglichen, tiefer in die Lebensgeschichte des Mannes zu dringen. Sie führt ihn nach Paris, wo sich auch die Mutter des ausgesetzten Babys aufhält, und sie führt ihn weiter: in die Welt des israelischen Geheimdienstes.
Dror Mishani entwickelt seinen Roman in ruhigem Tempo, aus wenig spektakulären Alltagssituationen inmitten gewöhnlicher Menschen. Er erzählt aus deren Perspektive und verfügt mit Avi Avraham über einen Protagonisten, der zwar aussieht wie der Held aus der Netflix-Actionserie „Fauda“, sich aber eher gemächlich durch die Handlung bewegt, diese auch nicht antreibt, sondern sich selbst nur kraft seiner Intuition und seines Eigensinns hin und wieder in eine überraschende Richtung lenkt.

Verweise auf Wallander und Maigret

Immer wieder macht sich der Autor einen Spaß, wenn er Avi Avraham über dessen Lieblingsermittler Kurt Wallander sinnieren lässt, ihn auf die Spuren von Kommissar Maigret durch Pariser Straßen schickt oder eine Figur auftritt, die den Namen des Erfinders des „Wachtmeister Studer“, des Schriftstellers Friedrich Glauser trägt.
„Vertrauen“ ist ein literarischer Krimi, der mit Zitaten und Verweisen auf das gesamte Genre spielt und es dabei erweitert. Die Spannung besteht in dem Versuch, Handlungsfäden zusammenzuführen, die Mishani erst scheinbar belanglos und parallel entwickelt, so dass lange unklar bleibt, was eigentlich „der Fall“ ist.

Innere Gewissheit jenseits des Verstandes

„Emuna“, so der hebräische Originaltitel, ist ein religiöser Begriff. „Vertrauen“, das ist eine Übersetzungsmöglichkeit, die Kraft des Glaubens, Bezeichnung einer inneren Gewissheit jenseits des Verstandes, eine andere. Alle Figuren dieses Romans, inklusive des Ermittlers, haben mit „Emuna“ zu tun. Den einen fehlt sie, den anderen verleiht sie beängstigende oder heilende Stärke.
Am Ende wird klar, warum das Baby ausgesetzt wurde, warum der Tourist ertrank. Aber klar ist auch, dass es dahinter noch jeweils eine andere Geschichte gibt.
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