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Religionen / Archiv | Beitrag vom 19.10.2014

DrogenHilfe in der Wüste des Lebens

Wie sich eine christliche Notunterkunft in Köln um obdachlose Junkies kümmert

Von Michael Hollenbach

Spritze, Löffel, Feuerzeug - Utensilien, die zum Heroinkonsum genutzt werden. (picture alliance / dpa / Marcus Simaitis)
Damit sie ohne Entzugserscheinungen durch die Nacht kommen, nehmen die Gäste vor dem Eintreten ins Notel noch einmal Drogen. (picture alliance / dpa / Marcus Simaitis)

Keine Gebete, kein Missionieren – dafür warmes Essen und ein frisches Bett. Das christliche Notel in Köln kümmert sich um obdachlose Junkies. Hier geht es um praktisch gelebte christliche Nächstenliebe und darum, zu verhindern, dass die Junkies noch weiter abrutschen.

Das Notel, ein christliches Haus in der Kölner Innenstadt, bietet obdachlosen Drogenabhängigen eine Notunterkunft für die Nacht. Die Räume befinden sich in einem Haus des Spiritaner-Ordens, einer kleinen katholischen Ordensgemeinschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Ärmsten der Armen zu versorgen. Und genau darum geht es den Christinnen und Christen, die sich hier jeden Abend und jede Nacht um die Junkies kümmern. Michael Hollenbach berichtet:

Jeden Abend um acht Uhr öffnet das Notel seine Tore.

"Hallo Karl-Heinz. Alles klar?" 

In der "Rezeption", einem schlichten Raum mit Schließfächern und Schuhregalen, empfangen Bärbel Ackerschott und Christian Meis die Junkies.

"So Bärbel, wenn Du möchtest."

Nachdem die Drogenabhängigen ihre Habseligkeiten in einem Schließfach verstaut haben, werden sie von Bärbel Ackerschott nach Drogenbestecken oder Waffen abgetastet.

"Au, Kalle, Socken aus, raus."

Gesunde Füße sind überlebenswichtig

Ackerschott: "Es ist ganz wichtig, dass unsere Gäste die Schuhe ausziehen und auch die Socken, dass wir die Füße sehen. Füße sind für Menschen auf der Straße überlebenswichtig. Wenn da Verletzungen sind oder Blasen gelaufen oder Socken kaputt, reagieren wir sofort und es gibt – ich sage immer, das ist unsere weiße Flotte – dann gibt es Gummischlappen, die müssen natürlich jeden Tag desinfiziert werden."

"Du musst die Socken ausziehen."

Christian Meis blättert den Comic eines Notel-Gastes durch und konfisziert ihn für die Nacht.

"Also, das kommt nicht mit rein. Das entspricht nicht dem, was wir hier lesen. Ein kirchlicher Träger. Erst mal geht es um Drogen und nackte Frauen, das brauchen wir hier nicht."

Ackerschott: "Christian, Du bleibst hier. Komm, komm, Du bist nicht gefilzt."

Ackerschott: "Unsere Gäste müssen als erstes, wenn sie reinkommen, das Bett beziehen. Bevor sie reinkommen, müssen sie ja noch mal Drogen nehmen, damit sie möglichst lange ohne Entzug durch die Nacht kommen. Dann kommen die rein, fit wie ein Turnschuh und 20 Minuten später ist die Wirkung voll da, und dann müssten wir das Bett beziehen. Das wollen wir nicht. Deswegen müssen sie sofort das Bett beziehen."

Wer erkrankt, wird in einer separaten Station betreut

Danach setzen sich die Notel-Gäste an den großen Tisch. Jeden Abend gibt es hier ein warmes Essen. Neun Sozialarbeiter, von denen acht als Halbtagskräfte arbeiten, und mehr als 20 Ehrenamtliche betreuen die jeweils zehn Drogenabhängigen, die hier übernachten – mehr Plätze stehen nicht zur Verfügung. Die Junkies können duschen, ihre Kleidung wird über Nacht gewaschen; wer erkrankt, wird in einer separaten Station betreut.  

Ackerschott: "Die Gastfreundschaft, die wir hier versuchen zu praktizieren, ist eine Absichtslose. Man muss dem Suchtkranken nicht sagen, dass sein Suchtmittel nicht gesund ist, das wissen die. Unser Wollen, dass sie mit der Droge aufhören, wäre eher Bedrohung. Wenn jemand äußert, dass er was ändern möchte, dann unterstützen wir ihn. Dann kann es sein, dass wir mitten in der Nacht noch versuchen, einen Entgiftungsplatz zu suchen."

Einer der Notel-Gäste ist Detlef Schulte. Er hat bereits vier Therapien hinter sich – letztlich alle erfolglos.

"Gefühlt sage ich: Alle kommen wieder."

Schulte: "Es fehlen einem die Clean-Kontakte, die Hobbys. Weil, wenn man aufhört mit Drogen, das hinterlässt ja einen Riesenloch. Das ist so tiefgreifend. Also ich habe es nicht geschafft in den 24 Jahren. "

Ackerschott: "Gefühlt sage ich: Alle kommen wieder. Auch wenn jemand geheiratet hat, drei, vier Kinder bekommen hat, stabil war in Familie und Arbeit, auf einmal geht es nicht mehr. Es kommt eine Krise, es kommt ein Konflikt, und das, was hoch zuverlässig ist, ist die Droge. Die Droge ist der beste Freund."

Schulte: "Ich kenne die alle. Ich bin schon 24 Jahre dabei. Ich war mit vielen auch zusammen in der JVA. Man kennt sich von der Straße, von der Szene. Man begleitet sich, und die Droge begleitet sie immer mit. Den Ausstieg schaffen die wenigsten. Das ist ein Teufelskreis."

Sehnsucht nach der Sklaverei der Droge

Ackerschott: "Ich vergleiche unser Konzept gern mit dem Volk Israel in der Wüste: Die kamen auch irgendwie nicht richtig los von den Fleischtöpfen, kämpften ums nackte Überleben und sind im Kreis gelaufen und sind ums Goldene Kalb getanzt. Und unsere Leute sind auch in der Wüste ihres Lebens und sehnen sich immer wieder in die Sklaverei der Droge, obwohl sie wissen, dass es ungesund ist. Das verheißene Land ist ein Leben ohne Drogen, aber das kann halt über 40 Jahre dauern, bis man den Schritt tut – und manche tun ihn nie. Und unsere Aufgabe ist es, sie zu begleiten, und auch sprachlos und fassungslos daneben zu stehen, wenn sie um das Goldene Kalb, die Droge, tanzen. Wir tun alles, damit sie die Wüste überleben, damit es überhaupt noch eine Chance gibt, irgendwann den Schritt zu tun."

Schulte: "Ich war jetzt im Gefängnis gewesen, zwei Jahre. Finde keine Wohnung, keine Arbeit, bin zum Glück noch nicht abgerutscht volle Pulle, nehme jetzt Dubotex als Substitution."

"Die sind näher beim Herrn als wir"

Ackerschott: "Ich sage immer, sie nehmen uns mit in die Wüste ihres Lebens, und die Wüste ist auch der Ort der Gotteserfahrung. Und das ist auch der Dienst, den die an uns tun. Das wissen die aber gar nicht. Wir hatten mal, als wir hier angefangen haben, gesagt: 'Es ist ganz wichtig, dass wir sie im Gebet in die Nähe Gottes bringen.' Heute sage ich: 'Was für eine Arroganz.' Die sind näher beim Herrn als wir, ja? Weil ihr Leben existenzieller bedroht ist, da geht es um die absoluten Basics. Es geht um Leben und Tod. Sie tun einen Dienst an uns, indem sie uns in die Nähe zum Herrn drängen, um mit ihnen in dieser Wüste sein zu können."

Schulte: "Bei dem Wetter – es regnet gerade draußen … Wenn es die Einrichtung nicht gäbe, müssten die Leute draußen schlafen. Wenn ich einen Raum habe, wo ich mich in mich kehren kann, wo ich mich aufgehoben fühle, wo ich ein Ohr finde, was mir zuhört und Hilfe bekomme. Ist für mich ein Rettungsanker. Ohne das hier – Katastrophe."

Ackerschott: "Es ist schwer auszuhalten, wenn junge Leute da sind. So um die 20. Wenn man dann denkt: Entgifte, mach Therapie und leb Dein Leben! Und man weiß: Es ist aussichtslos. Zusehen, wie die in die Sucht rennen und abstürzen, das ist manchmal schwer auszuhalten. Sie können niemanden gegen seinen Willen retten."

Bärbel Ackerschott hat das Notel vor 24 Jahren gegründet. Als Gemeinschaft von Christen betreuen sie die Junkies:

"Wir tun es, weil wir hinter diesem Jesus von Nazareth hergehen"

"Das ist unsere Kapelle.  Das Spezifische am Notel ist, dass wir als Arbeitsgemeinschaft auch Gebetsgemeinschaft sind. Unser missionarischer Auftrag heißt: als Christen präsent sein. Wir verkünden nicht. Hier wird vorm Essen nicht gebetet, hier wird auch Heilig Abend nicht die Weihnachtsgeschichte gelesen. Das ist unser Raum der Ruhe, unsere Ressource."

Wer hier im Notel mitarbeitet, muss überzeugter Christ sein, sagt die Kölnerin, die trotz – oder vielleicht auch wegen - ihrer Arbeit so viel Lebensfreude ausstrahlt:

"Das Spezifische für uns ist, dass wir es im Kontext von Nachfolge tun: Wir tun es, weil wir hinter diesem Jesus von Nazareth hergehen. Er hat mit den Menschen gegessen, er hat sie in ihrer Situation ernst genommen, er hat mit ihnen gesprochen, er hat sie begleitet, er hat geheilt. Wir versuchen, das zu tun, was er gemacht hat."

Finanziert wird die Arbeit von der Kommune, vom Bistum Köln und durch Spenden. Im Notel würden sie keine bessere, aber auch keine schlechtere Sozialarbeit machen als in anderen Einrichtungen, sagt Bärbel Ackerschott. Aber ihre Arbeit sei getragen vom christlichen Glauben sowie der Gemeinschaft – und das gebe Kraft.

Das Notel-Konzept: Zumindest Verelendung verhindern

"Wenn alle im Bett sind, beten wir die Komplet, beten dann auch namentlich für alle, die hier im Haus sind. Ich sage immer: Das ist Ausdruck unseres Glaubens, das ist auch eine gute Portion Psychologie. Wir gehen entspannter in die Nacht, wenn wir die dem Herrn abgegeben haben. Der Zettel mit den Übernachtern wird dann als Ritus des Abgebens immer in die Bibel gelegt."

Ackerschott: "Erfolg wird in unserer Gesellschaft meistens definiert: Haben wir sie von der Droge weggebracht. Und da haben wir natürlich keinen Erfolg. Das ist ja gar nicht unser Konzept. Unser Konzept ist: Wir wollen Verelendung verhindern."

Und das schaffen sie – zumindest jeweils für eine Nacht.

 

 

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