Geschichtsrevisionismus

Trumps Feldzug gegen das Erinnern

Donald Trump vor einem Mikrofon im Roosevelt Room des Weißen Hauses.
Heroische Gemälde wie das Porträt von Theodore Roosevelt im Roosevelt Room des Weißen Hauses (im Hintergrund zu sehen) werden von Donald Trump vermutlich auch zukünftig noch geduldet. Bei Werken mit einem kritischeren Blick auf die US-Historie sieht es jedoch anders aus. © picture alliance / Consolidated News Photos / Will Oliver - Pool via CNP
US-Präsident Donald Trump will ein anderes amerikanisches Geschichtsbild. Dafür geht er gegen Institutionen und Kultureinrichtungen vor, die ihm zu „links“ oder „woke“ sind. Sein Ziel: nur noch Positives über sein Amerika.
In seiner zweiten Amtszeit will US-Präsident Donald Trump nicht nur als Friedensbringer wahrgenommen werden, ganz oben auf seiner Agenda steht auch eine Kampfansage gegen den seit Jahrzehnten gewachsenen kritischen Umgang mit der Vergangenheit des eigenen Landes.
Trump und seine politischen Helfer lassen Ausstellungen beenden, sie übernehmen Institutionen und verbannen ihnen missliebige Bücher aus der Schullektüre. Wenn es nach dem Präsidenten geht, soll eine durch und durch positive Revision der US-amerikanischen Geschichte stattfinden – auf sämtlichen Ebenen.
Bürgerrechtler werfen der Trump-Regierung vor, durch ihr Vorgehen jahrzehntelange Fortschritte zunichtezumachen und die kritische Auseinandersetzung mit entscheidenden Phasen der US-Geschichte zu behindern. 

Feldzug gegen die Erinnerung an Sklavenhaltung

In Philadelphia wurde Ende Januar 2026 eine Freiluftausstellung über die Geschichte der Sklaverei in den USA entfernt. Das sorgte unter anderem in sozialen Netzwerken für Empörung. "Es ist komplett inakzeptabel, dass die Nationalparkverwaltung unter der Leitung von Präsident Donald Trump und Innenminister Doug Burgum eine Ausstellung über Sklaverei abgebaut hat", erklärte Philadelphias Stadtratspräsident Kenyatta Johnson im Onlinedienst X. 
Die Großstadt im US-Bundesstadt Pennsylvania habe dagegen Klage eingereicht. Es handele sich um "einen Versuch, die amerikanische Geschichte" zum Nachteil der Schwarzen "umzuschreiben", betonte Johnson. Nach Angaben der Stadtverwaltung von Philadelphia ist der Abbau der Ausstellung "vermutlich" eine Folge eines Dekrets, das Trump im März 2025 unterzeichnet hatte.

Kulturkampf mit Ansage: Donald Trumps Dekret

In seinem Dekret forderte der US-Präsident, "die Wahrheit und den Verstand in der amerikanischen Geschichte wiederherzustellen" und die "Verbreitung von spaltender Ideologie" rückgängig zu machen. Patriotismus, Einheit und Fortschritt sollten künftig im Mittelpunkt stehen, „anti-amerikanische“ Narrative und Darstellungen unterbunden werden. Die Ausstellung in Philadelphia mit dem Titel "Freiheit und Sklaverei in der Entstehung einer neuen Nation" wurde in dem Dekret als Beispiel angeführt. 
Das Dekret ist Teil einer umfassenderen Strategie, die Geschichte vor dem 250. Jubiläum der USA im Jahr 2026 umzudeuten. Sie gilt als beispiellos in der amerikanischen Geschichte. Zwar hat es immer wieder mal Versuche der Einflussnahme seitens Regierungen gegeben, jedoch nie zuvor in diesem Ausmaß.

Trumps Angriff auf die Museen

Museen haben laut Trump auf Geschichtsdarstellungen im Sinne der Regierung hinzuarbeiten. Die Smithsonian Institution, ein Verbund von 21 Museen und 14 Bildungs- und Forschungseinrichtungen und der nach eigener Darstellung größte Museumskomplex der Welt, sowie zahlreiche andere Museen müssen ihre Programme, Ausstellungskonzepte, Wandtexte und Kataloge zur Prüfung vorlegen. Bundesmittel werden nur noch für Ausstellungen freigegeben, die den neuen Vorgaben entsprechen.
Im August 2025 hatte der US-Präsident auf seiner Plattform Truth Social die Smithsonian Institution direkt angegriffen. Bei Smithsonian drehe sich alles nur darum, „wie schrecklich unser Land ist, wie schlimm die Sklaverei war und wie wenig die Unterdrückten erreicht haben - nichts über Erfolge, nichts über Strahlkraft, nichts über Zukunft“. Die Smithsonian Institution wird zwar zu einem großen Teil vom US-Kongress finanziert, sie ist inhaltlich aber eigentlich unabhängig von der Regierung. 
Dabei geht es Trump nicht nur um eine positive Darstellung des Landes, wie er behauptet, sondern auch um sich selbst: So wurden auf Druck seiner Regierung Hinweise auf zwei Amtsenthebungsverfahren gegen Trump aus Ausstellungen des Museums für US-amerikanische Geschichte in Washington entfernt. 
Trump hat seine Anwälte angewiesen, Museen zu überprüfen und „genau denselben Prozess zu starten, der bereits an Colleges und Universitäten durchgeführt wurde, wo enorme Fortschritte erzielt wurden“. Damit spielte der 79-Jährige auf das Vorgehen seiner Regierung an, Universitäten mit Kürzungen von Fördergeldern unter Druck zu setzen, um etwa Diversitätsprogramme zu stoppen. Einrichtungen in Washington, aber auch im ganzen Land, seien das letzte Überbleibsel der „Woke“-Kultur, schrieb Trump. Damit meinen er und die US-amerikanische Rechte übertrieben politisch korrektes und moralisierendes Verhalten.  

Was Trump mit seiner Revision der US-Geschichte erreichen will

US-Präsident Trump und die Republikaner wollen ein positives Geschichtsverständnis, eine Geschichte, auf die man stolz sei, sagt der Historiker Andreas Etges. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut der Ludwig-Maximilians-Universität-München mit Forschungsschwerpunkt Kritische Erinnerungskultur.
Diese von der Trump-Regierung angestrebte Sicht auf die US-Geschichte solle möglichst alles ausblenden, „was kritisch oder problematisch ist“. Es solle eine rein positive Nationalgeschichte gezeigt werden. Kritikerinnen sprechen daher von Zensur und Geschichtsklitterung. In Staaten wie Texas oder Florida werden etwa Teile der Geschichte der schwarzen Bevölkerung sowie rassismuskritische Bücher auch aus den Schullehrplänen gestrichen.
Bei der Feier des 250. Jahrestags der US-Verfassung am 4. Juli 2026 solle „die Erfolgsgeschichte“ im Mittelpunkt stehen. Trump wolle „nichts von Sklaverei, von Rassendiskriminierung und vielen anderen Dingen wissen“, so Etges. Die Erzählung der US-Regierung sei, dass in den vergangenen Jahren Geschichtsrevisionismus passiert sei, also die Umdeutung eines wissenschaftlich anerkannten Geschichtsbildes. “Von der US-Regierung wird das Narrativ verfolgt, dass die letzten Jahrzehnte ein ideologisches linkes Geschichtsbild – auch unterstützt durch die Demokraten – die Geschichte der USA auf Sklaverei, Rassentrennung und Unterdrückung reduzieren oder zumindest fokussieren würde.“
Mitauslösend für die Debatte um die Erinnerungskultur sei die Kontroverse um die Südstaaten und den Bürgerkrieg gewesen, erklärt Andreas Etges. Dabei seien auch Denkmäler von Südstaatengenerälen gestürzt worden. „Auch die Südstaatenflagge, die immer noch in vielen Teilen der USA wehte“, sei oftmals heruntergerissen worden.
Das, was nun passiere, sei ein Stück weit „die Gegenreaktion auf die durchaus erfolgreiche Durchsetzung kritischer Geschichtsdarstellungen“.  Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Gegenwart und damit dann vielleicht auch die Zukunft, sagt Etges in Anlehnung an Georg Orwells dystopischen Roman „1984“. 
Auch der Historiker Volker Depkat sagt, Donald Trump versuche, „die historische Wahrheit, die wir seit den 1960er-Jahren in hoch kontroversen geschichtswissenschaftlichen Prozessen bisher erarbeitet haben, wieder zurückzudrehen“. Letztlich wolle er auf den Stand der 1950er-Jahre zurück. Diese seien für die Konservativen in den USA das „letzte gute Jahrzehnt, bevor es in Amerika den Bach runter ging“, so der Wissenschaftler der Uni Regensburg. 

Die Folgen von Trumps Angriffen auf Erinnerungskultur

Trump könne auf die von der Bundesregierung finanzierten Museen Einfluss nehmen, betont der Historiker Depkat. Sein Gebaren sei präzedenzlos und autoritär. „Autoritäre Regime fangen immer damit an, dass die Kontrolle über Geschichte und Geschichtsschreibung erlangen wollen und bestimmen wollen, wie die Geschichte zu schreiben ist.“ Doch der amerikanische Präsident ist immer nur so mächtig, wie man ihn lässt.  Unterhalb der Bundesebene gibt es eine Museums- und Bildungslandschaft, die von den Einzelstaaten und von den Kommunen finanziert wird. „Da hat die Bundesregierung überhaupt keinerlei Anspruch darauf.“ 
Auch auf die Wissenschaftslandschaft sei der Durchgriff der Bundesregierung wohl nicht in dem Maße möglich, wie es in Deutschland der Fall wäre. Denn amerikanische Universitäten und Colleges haben ein Budget aus Mitteln des Bundes und der Einzelstaaten. Der Anteil der Bundesförderung sei oft der kleinste, gehe allerdings meist in die Forschung, so Depkat.  
Wenn man in längeren Perioden denke, könne man hoffen, dass vielleicht irgendwann der Kongress wieder anfange, seine Macht zu behaupten, sagt Volker Depkat. Und dass auch die Republikaner im Kongress wieder damit beginnen, sich als Wächter über den Präsidenten zu begreifen. Momentan sei das allerdings eher unwahrscheinlich.

abr / pj 
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