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Interview / Archiv | Beitrag vom 16.12.2016

Domians letzte Sendung"Er ist nicht ersetzbar"

Claudia Schedlich im Gespräch mit Dieter Kassel

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Der Moderator Jürgen Domian (dpa picture alliance/ Henning Kaiser)
Der Moderator Jürgen Domian (dpa picture alliance/ Henning Kaiser)

Gewalt, Verlust, Krankheit: Gut 20 Jahre sprach Jürgen Domian in seiner Sendung mit Anrufern über deren oft existentielle Probleme. In der Nacht auf Samstag moderiert er zum letzten Mal. Die Psychologin Claudia Schedlich aus seinem Team sagt: Er hat eine "sehr wertvolle Arbeit" geleistet.

Claudia Schedlich ist sich sicher, dass sie Domian vermissen wird. Was sie an ihm besonders schätzt: dass er selbst kein Psychologe ist. "Ich glaube, wer er ist und wie er ist und wie er mit den Leuten spricht, das ist ein ganz wichtiger Punkt." Domian reagiere "sehr unmittelbar, sehr menschlich, auch sehr persönlich in vielen Gesprächen". Das sei genau das, was die Leute an ihm schätzten: "Das ist weniger eine psychologische Intervention, sondern es ist wirklich ein persönliches Gespräch."

Das sei eine "sehr wertvolle Arbeit". Allerdings: Probleme tatsächlich lösen könne die Sendung nicht, betont Schedlich, die vier Jahre lang im Hintergrund mit Anrufern gesprochen hat. Das sei auch nicht der Anspruch: "Was wir vorrangig tun, das ist, den Menschen einen Weg aufzeigen, wo sie weiterführende Hilfe bekommen können." Sie selbst habe sich dabei oft gefragt, wie Domian seine nächtliche Arbeit mehr als 20 Jahre ausgehalten habe. Es müsse wohl sehr erfüllend und befriedigend gewesen sein. 

Was Domian demnächst machen wird, weiß Schedlich nicht. Eines aber ist für die Psychologin sicher: "Domian ist in der Form, wie er das gemacht hat, nicht ersetzbar."


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Für Jürgen Domian ist schon morgen Weihnachten, denn dann hat er seine letzte Nachtsendung hinter sich. 20 Jahre Nachttalk gehen dann zu Ende, und diese 20 Jahre haben Jürgen Domian schon auch ziemlich verändert. Vor allen Dingen ist das Thema Tod für ihn immer wichtiger geworden. Er hat ja auch schon Bücher darüber geschrieben, aber Thema war das für ihn auch schon vor der Übernahme dieser Sendung.

((Einspieler))

Soweit Jürgen Domian mit einem Ausschnitt aus einem längeren Gespräch, das Sie ab 09-07 Uhr in unserer Sendung "Im Gespräch" hören können und das wir dann noch einmal senden, weil in der kommenden Nacht die letzte Domiansendung im WDR-Hörfunk bei "1LIVE" und auch im WDR-Fernsehen läuft.

Da ist dann auch Claudia Schedlich mit dabei. Sie ist eine der Psychologinnen, die mit zum Team gehören, wobei sie in der kommenden Nacht nur mit dabei ist, um auch mitzufeiern, aber sie hat in der letzten Nacht, bei der vorletzten Sendung mitgearbeitet. Sie schläft deshalb jetzt noch, und ich habe sie deshalb gestern schon gefragt, ob sie, wenn es denn jetzt bald vorbei ist, eigentlich Jürgen Domian vermissen wird.

Claudia Schedlich: Auf jeden Fall. Also ich habe diese Jahre, die ich bei Domian jetzt gearbeitet habe, als eine sehr wertvolle Arbeit erlebt und ihn auch sehr schätzen gelernt, und ich werde die Arbeit und ihn auch vermissen.

Kassel: Wie wird denn eigentlich entschieden, wer in dieser Sendung live ins Radio und ins Fernsehen kommt und wer nicht?

Schedlich: Das ist eine Entscheidung, die auf verschiedenen Ebenen getroffen wird. Also letztendlich laufen die Gespräche ein bei den Rechercheuren, die die Gespräche alle annehmen, und die Gesprächsinhalte und auch die Anliegen der Personen werden weitergegeben an die Redaktion und an die Regisseure, die dann mit den einzelnen Personen noch mal Rücksprache halten und dann entscheiden, ob eine Person auf Sendung geht. Die Entscheidungskriterien sind sehr unterschiedlich. Also manchmal sind es inhaltliche oder thematische Entscheidungen. Das ist meistens eigentlich der Fall.

Gefahr, dass Menschen sich sehr preisgeben

Kassel: Gibt es auch Fälle, wo Sie dann das Gefühl haben oder auch die Rechercheure schon, die Geschichte ist eigentlich interessant, das ist auch jemand, der sie eigentlich erzählen kann, aber wir wollen das nicht, um die Leute auch vor sich selbst zu schützen, da ist jemand, der vielleicht doch etwas zu Persönliches erzählen will?

Schedlich: Also es gibt schon Menschen, wo der Eindruck entstehen kann, dass die sich sehr, sehr preisgeben würden in so einer Sendung. Da kann es schon mal sein, dass das zum Schutz der Person unterlassen wird, dass sie auf Sendung geht. Ist aber eher selten der Fall, sondern das ist auch eine Sache natürlich im Gespräch, was Domian dann ja tut, auch zu steuern, inwieweit die Leute Dinge von sich preisgeben oder nicht und unter Umständen dann auch mal eine Grenze zu setzen oder das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.

Kassel: Inwieweit ist diese Sendung, ist diese Auswahl der Anrufer oder überhaupt die gesamte Menge der Anrufer auch ein Spiegel der Gesellschaft? Jürgen Domian hat jetzt kurz vor Ende seiner Sendung auch in einem Interview gesagt, er habe zum Beispiel festgestellt, dass ganz am Anfang, vor 20 Jahren, Sexthemen sehr spannend waren und die Leute bewegt haben, das hätte deutlich nachgelassen, und dafür käme zum Beispiel das Thema Gewalt heute verstärkt vor. Sie sind jetzt erst seit rund vier Jahren dabei, aber haben Sie dann insgesamt auch den Eindruck, da gibt es so Themen, die haben manchmal mehr Konjunktur und dann wieder weniger?

Schedlich: Also in meiner persönlichen Erfahrung in den letzten Jahren waren sehr viele Themen rund um das Thema Gewalt, also sei das häusliche Gewalt, aber auch Überfallerfahrungen oder auch sexuelle Gewalterfahrungen wurden häufig thematisiert.

Dann berichten Menschen häufig über Verlusterfahrungen. Das ist ein Thema, was sehr, sehr viel angesprochen wird von Hörerinnen und Hörern, wenn sie nahestehende Menschen verloren haben, eigene schwere körperliche Erkrankung ist ein Thema, was nicht selten aufgetaucht ist, aber auch, dass Menschen wirklich sehr starke Probleme haben, sich nicht mehr im Leben orientieren können und manchmal durchaus auch lebensmüde sind.

Sehr belastende, sehr traurige Erfahrungen

Kassel: Gibt es denn dann auch Gespräche, die Sie führen mit Menschen, wo Sie selber das Gefühl haben, das lässt mich nicht mehr los, das ist jetzt nicht mehr nur Arbeit, was ich mache, da fällt es mir schwer, das nicht privat an mich heranzulassen?

Schedlich: Also mir fällt konkret ein Abend ein, den ich sehr eindrücklich oder nachträglich in Erinnerung hatte, da hatte ich mehrere Gespräche mit Familienmitgliedern, die ein Kind durch Gewalt verloren haben, und an einem Abend waren das drei Gespräche, und das waren schon sehr, sehr, sehr, sehr schwierige Erfahrungen, sehr belastende, sehr traurige Erfahrungen, und das zu begleiten, das hat mich noch nachträglich beschäftigt, ja.

Kassel: Aber Sie haben doch Grenzen, ich meine, die Nacht ist auch irgendwann rum, Sie müssen mit einigen Menschen in der Nacht sprechen, man kann doch sicherlich die Probleme dieser Leute auch als Psychologin nicht einfach in einer viertel Stunde, auch nicht in einer Stunde oder sogar zwei, die man sich ja sicherlich kaum nehmen kann, wirklich lösen.

Schedlich: Nein, lösen können wir sie überhaupt nicht. Also das ist auch nicht der Anspruch, den wir haben, die Probleme zu lösen. Was wir vorrangig tun, das ist den Menschen unter Umständen einen Weg aufzeigen, wo sie weiterführende Hilfe bekommen können. Das ist ein ganz, ganz wichtiger Teil unserer Arbeit. Also sie einmal dafür zu motivieren, sich weiterführende professionelle Hilfe zu suchen und auch Wege aufzuzeigen und zu erklären, wie sie diese Hilfe bekommen können und wo. Also bis dahin, dass wir zum Teil auch Adressen weitergeben, recherchieren, Kontaktmöglichkeiten recherchieren und an die Person weitergeben.

Kassel: Wie bei jeder Sendung dieser Art - obwohl es vielleicht eine Sendung genau in dieser Art gar nicht gibt - aber es ist ja so, dass die Anzahl der Leute, die sich das anhören und im Fernsehen auch ansehen, viel größer ist als die Anzahl der Leute, die anrufen. Was glauben Sie, warum so viele Leute das hören: weil denen dann auch geholfen wird oder spielt doch eher so ein gewisser Voyeurismus eine Rolle?

Schedlich: Das hat bestimmt vielschichtige Gründe. Also Voyeurismus mag ein Grund sein. Ich glaube aber, dass die überwiegende Anzahl der Hörer mit einem großen Interesse auch den Berichten und Erfahrungen und auch Schicksalen anderer Menschen zuhört. Ich glaube, dass einige Hörer, die selbst nicht anrufen, durchaus auch von den Ratschlägen, die Domian gibt, oder von dem Erfahrungsaustausch, der auf Sendung stattfindet, profitieren können oder Dinge für sich rausziehen und nutzen können, Ideen entwickeln - wie so Trittbrettfahrer…

Kassel: … im positiven Sinne.

Schedlich: Ja genau.

Kassel:!! Jürgen Domian selbst ist ja nun kein Psychologe. Er hat Philosophie, Germanistik und Politikwissenschaften studiert, –

Schedlich: Ja.

Domian reagiert sehr unmittelbar, sehr menschlich

Kassel: – würden Sie sagen, um so eine Sendung zu machen, ist das sogar eher ein Vorteil oder könnte man sagen, das ist eigentlich egal, was der Mann gelernt hat, es kommt darauf an, wer er ist und wie er ist?

Schedlich: Also ich glaube, wer er ist und wie er ist und wie er mit den Leuten spricht, das ist ein ganz wichtiger Punkt. Manchmal kann es wirklich auch von Vorteil sein, weil Domian reagiert sehr unmittelbar, sehr menschlich, auch sehr persönlich in vielen Gesprächen, und das ist auch genau das, was die Leute an ihm, denke ich, sehr, sehr schätzen. Das ist also weniger eine psychologische Intervention, sondern das ist wirklich ein persönliches Gespräch.

Kassel: Eine Frage zum Schluss: Ich meine, Sie haben es auch gesagt, so sehr man als Profi auch versuchen muss, dann auch wieder abzuschalten, viel auch immer wieder nachgedacht haben über einzelne Anrufer, die Sie auf welche Art und Weise auch immer beeindruckt haben, aber ist nicht auch die Frage, die man auch als Psychologin am schwersten beantworten kann, eine ganze andere, nämlich wie hat Jürgen Domian das gut 20 Jahre lang ausgehalten?

Schedlich: Das habe ich mich sehr oft gefragt. Ich habe ihn das auch mal gefragt. Also das eine ist ja, die Gespräche jede Nacht zu führen. Das andere ist aber auch, ich sage mal, die Arbeitszeit, die tägliche Arbeitszeit ist ja eine sehr besondere Arbeitszeit, die ja auch sehr lebensbestimmend ist. Ich habe mich das oft gefragt, wie er das über 20 Jahre durchgehalten hat, und was ich so eine sehr nachvollziehbare Antwort fand, einfach, dass die Arbeit auch was sehr, sehr Erfüllendes, sehr Befriedigendes hat und dass das es möglich macht, so lange diese Arbeit zu machen.

Kassel: Mir geht immer durch den Kopf, Leistungssportler müssen ja, wenn sie aufhören mit dem Leistungssport, abtrainieren. Das kann große Gefahren bergen für das Herz-Kreislauf-System, wenn jemand, der sehr viel Sport gemacht hat, plötzlich sich kaum noch bewegt.

Glauben Sie, Jürgen Domian muss jetzt irgendwie so ein bisschen abtrainieren, weil wenn jemand, der sich so intensiv mit teilweise herben Problemen fremder Menschen beschäftigt hat, 20 Jahre lang, das in Zukunft in der Form nicht mehr tun wird, der muss psychologisch ein bisschen abtrainieren, oder?

Schedlich: Könnte man so nennen, ja. Also ich frage mich schon auch, was an die Stelle treten wird. Also was wird Domian machen, wenn er das nicht mehr tut, und ich glaube – das glaube ich wirklich, ich habe es nicht so mit ihm besprochen –, aber ich glaube, dass ihm das auch fehlen wird.

Kassel: Uns allen wird er ja, glaube ich, fehlen. Das haben Sie ganz am Anfang unseres Gespräches schon gesagt.

Schedlich: Ja.

Kassel: Was ist, wenn ich Ihnen jetzt sage, ich habe mit den Kollegen vom Westdeutschen Rundfunk gesprochen, ich darf Ihnen den Job anbieten, Sie dürfen die Sendung in Zukunft moderieren, würden Sie es machen?

Schedlich: Nein. Ich könnte das nicht. Ich könnte das nicht. Also ich war wirklich, denke ich, als Psychologin im Hintergrund wunderbar geeignet, aber genau die Qualitäten, die Domian auszeichnen, auch das Nichtpsychologische, das sehr Spontane, sehr Unmittelbare, auch Eingehen oder Umgehen mit den Menschen, das könnte ich überhaupt nicht. Domian ist in der Form, wie er das gemacht hat, nicht ersetzbar durch jemand anderen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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