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Fazit | Beitrag vom 27.09.2020

Dokumentarfotografie in HamburgPorträts der USA zwischen Tristesse und Empathie

Von Anette Schneider

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Demonstration gegen den Vietnamkrieg, Detroit 1970. (Haus der Photographie, Deichtorhallen Hamburg / Courtesy The Jerry Berndt Estate 2020)
Jerry Berndt zeigte die Kämpfe der Protestbewegung, hier einen Marsch gegen den Vietnamkrieg. (Haus der Photographie, Deichtorhallen Hamburg / Courtesy The Jerry Berndt Estate 2020)

Zwei US-amerikanische Dokumentarfotografen, zwei Sichtweisen: Jerry Berndts empathischer und Matt Blacks trister Blick auf die USA sind nun in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen. Ihre ausdrucksstarken Werke ergänzen einander.

Schrottplätze, in denen Männer nach Verwertbarem suchen. Menschenleere Straßen mit flachen Häusern, hinter denen das Nichts beginnt. Blicke in ärmliche Hütten. Dazwischen einige Landschaftspanoramen mit verstepptem Land, vertrockneten Plantagen oder einem langgestreckten, leerstehenden Kaufhaus.

Matt Blacks Geografie der Armut

Die Bilder wirken wie aus den Jahren der großen Depression, so, als hätte man sie schon oft irgendwo gesehen. Doch sie sind von heute. 2014 begann der Magnum-Fotograf Matt Black sein Projekt "American Geography", für das er fünf Jahre in Folge mit dem Bus in von Armut gebeutelte Kleinstädte der USA reiste, deren Armutsquote über 20 Prozent lag, so Kurator Ingo Taubhorn:

"Er bereist Amerika – über 160.000 Kilometer in 46 Staaten – und stellt fest, dass diese Orte sich auf gewisse Weise gleichen. Man erkennt einfach eine Geografie der Armut. Und das zieht sich durch die 75 Bilder und durch die acht Panoramen."

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So sieht man immer ähnliche Szenerien: Straßen, Häuser und Stromleitungen, die dekorative Schatten auf Häuserfronten werfen.

Tristesse des Immergleichen

Matt Black, 1970 selbst in einer kalifornischen Kleinstadt mit hoher Armutsquote geboren, wurde bekannt durch Serien über den mühsamen Überlebenskampf kalifornischer Farmer und Tagelöhner sowie mexikanischer Bauern. In seinen neuesten Arbeiten fehlen Menschen fast völlig.

Dazu erklärt Taubhorn: "Es gibt ein Zitat, wo er sagt: 'Ich wollte auf keinen Fall die Armut versachlichen, vielmehr die Gefühle der Machtlosigkeit transportieren'." Das ist dem 50-jährigen Fotografen perfekt gelungen. Nur wofür soll das gut sein?

Die Bilder vermitteln eine lähmende, klinisch reine Tristesse des Immergleichen: Alles ist durchzogen von einem schulterzuckenden "So ist es eben". Formvollendet komponiert, perfekt ausgeleuchtet, in strengem Schwarzweiß und abgezogen auf großem, quadratischem Format wird einem zum tausendsten Mal die behauptete Unveränderbarkeit der Verhältnisse vorgeführt. 

Jerry Berndts aufklärerische Fotografie

Während Matt Black den Großteil der hohen Ausstellungshalle bespielt, stößt man seitlich in einem kabinettähnlichen, langen Raum auf das genaue Gegenteil: auf mitreißende, aufklärerische, eingreifende Fotografie.

Weiße Männer starren voll aggressiver Verachtung auf Demonstranten gegen den Vietnamkrieg. Junge Menschen demonstrieren gegen Atomkraft. Polizei knüppelt sie nieder. Weiße Rassisten schwenken US-Fahnen. Schwarze Protestler fordern Bürgerrechte ein.

Matt Black: Commemoration of the Wounded Knee Massacre, Pine Ridge, South Dakota, USA, 2016  (Haus der Photographie, Deichtorhallen / Matt Black / Magnum Photos)Matt Blacks Bilder prangern an. Hier erinnern zwei Native Americans an das Massaker von Wounded Knee am 29. Dezember 1890. (Haus der Photographie, Deichtorhallen / Matt Black / Magnum Photos)
Dicht an dicht hängen die kleinformatigen Arbeiten des 2013 verstorbenen Fotografen Jerry Berndt aus seinem Projekt "Beautiful America". Die vornehmlich zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren entstandenen Aufnahmen wählte Kuratorin Sabine Schnakenberg aus. Sie erklärt:

"Was man als Hintergrund für diese Serie begreifen muss, ist, dass Jerry Berndt tatsächlich Teil dieser Protestbewegung gewesen ist. Er hat Demonstrationen organisiert. Und er fotografiert das wirklich, um es zu dokumentieren. Und zwar aus dem Grund, dass die offizielle Presse ganz anders fotografiert, darstellt und andere Zahlen benennt als die Sachen, wie sie wirklich passiert sind. Und dagegen wehrt er sich. Er sagt, er fotografiere nicht aus Berufung, sondern weil es notwendig sei, das jetzt so zu dokumentieren."

Fotos, die Ursachen benennen

Diese Dringlichkeit überträgt sich unmittelbar auf den Betrachter, denn Jerry Berndt zeigt, was Matt Blacks Bilder verschweigen: Armut, Rassismus, Drogenmissbrauch, Gewalt haben benennbare Ursachen. Und der Mensch kann sich gegen die Verhältnisse, die ihn kaputt machen, wehren.

Aufnahmen aus den 1970er-Jahren aus Detroit etwa zeigen den Milliardärssitz von Dodge, die Verelendung der Stadt durch die Schließung der Autoindustrie, Straßenkinder, Autowracks an den Straßenrändern. Dazwischen die weiße Mittelschicht: große Autos, kleine Einfamilienhäuser, Schönheitsköniginnen. Dazu Wahlplakate von Nixon. Demonstrationen gegen Rassismus. Und immer wieder die staatliche Gewalt in Aktion.

Mitfühlend und empathisch 

Jerry Berndt zeigt die ganze Gesellschaft und führt damit ungemein dynamisch die Ursachen der herrschenden Widersprüche, die uns hier und jetzt noch immer umtreiben, vor Augen. Dazu sagt die Kuratorin Schnakenberg: "Das finde ich so schön an dieser Ausstellung, dass sie nicht nur anprangert, sondern genau so mitfühlend und emphatisch, wie er fotografiert, überträgt sich das auch auf den Betrachter."

Mag die ausgestellte Ohnmacht Matt Blacks auch hoch im Kurs stehen, Jerry Berndt, der unter anderem für die New York Times arbeitete, Fidel Castro auf Kuba besuchte und daher vom FBI jahrelang überwacht wurde, ist mit seinen klar komponierten, scharf beobachtenden im besten Sinne parteilichen Bildern die Entdeckung und eine Wohltat.

Die Ausstellungen "Matt Black - American Geography" und "Jerry Berndt - Beautiful America" sind noch bis zum 3. Januar 2021 im Haus der Photographie der Hamburger Deichtorhallen zu sehen.

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