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Lesart | Beitrag vom 03.07.2020

Diversität in der LiteraturszeneBei Queerness geht noch mehr

Lara Sielmann im Gespräch mit Andrea Gerk

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Eine Frau mit regenbogenfarbenen Socken liest auf dem Sofa.  (Eyeem / Riccardo Botta)
Queerness ist in der deutschen Literaturszene nach wie vor unterrepräsentiert. (Eyeem / Riccardo Botta)

Das Angebot queerer Filmformate ist mittlerweile umfangreich. In der Literaturszene sind Menschen, die mit Sexualität und Identitäten spielen, weniger präsent. Die Journalistin Lara Sielmann hat dennoch spannende Bücher und Zeitschriften entdeckt.

Am Beginn stand für Literaturjournalistin Lara Sielmann eine etwas enttäuschende Suche nach Queerness in der Literaturszene. Denn weil das Thema inzwischen beispielsweise in der Filmszene sehr präsent ist, könnte man denken, dass das auch für die Literaturszene gilt.

Aber, sagt Sielmann: "Ich muss gestehen, erstmal habe ich gar nicht so viel gefunden, fernab von Nischenverlagen – unter dem Label 'Queere Literatur' findet man so gut wie nichts, weder bei den großen Publikumsverlagen noch bei den etablierten unabhängigen Verlagen." Dabei sei die Nachfrage groß - je mehr Leute ihre Nichtkonformität zum klassischen Familienbild von Vater-Mutter-Kind offen leben.

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Bei genauerem Hinsehen habe sie aber einige ambitionierte Magazine entdeckt, etwa die queere Literaturzeitschrift "Glitter" oder die "Queer Media Society", ein Verbund von Medienschaffenden, die sich gegen die Diskriminierung von Lesben, Schwulen und Bisexuellen sowie Trans- und inter*- Menschen in den Medien einsetzen.

Außerdem gebe es in Leipzig zum Beispiel die Literaturzeitschrift "PS - Politisch Schreiben", die sich dezidiert an marginalisierte Gruppen wendet, und einen Katalog erstellt hat, wer bei ihnen mit welchen Merkmalen publizieren darf  - Queerness gehöre dazu, erklärt Lara Sielmann.

Lesenswerte Titel mit Queerness-Bezug

Sie fand auch eine Reihe sehr lesenswerter Bücher, etwa "Auf Erden sind wir kurz grandios" des in den USA lebenden Ocean Vuong. In Form von Briefen erzählt der Protagonist seiner vietnamesischen Mutter sein Leben - eine Coming-Of-Age Geschichte eines jungen schwulen Vietnamensen, der in den USA aufwächst. "Es geht inhaltlich sehr viel auch um seine Sexualität, die Liebe zu seinem ersten Freund."

Dennoch: "Beworben wird das allerdings weniger mit diesen Themen, sondern das migrantische, arme Amerika steht im Vordergrund." Da seien die Verlage, auch Hanser, der das Buch auf Deutsch herausgebe, offenbar noch zurückhaltend.

In den USA, sagt Sielmann, sei der Queerness-Diskurs weiter als in Deutschland, deshalb habe sie weniger Beispiele aus Deutschland gefunden. Einiges aber doch, etwa "Außer sich" von Sasha Marianna Salzmann. Es geht in dem Buch, kurzgefasst, um den Wechsel der Geschlechteridentität: Eine junge Frau nimmt mehr und mehr die Identität ihres Zwillingsbruders an.

"Dieser Prozess, das Annehmen eines anderen Geschlechtes, kommt in dem Pressetext vom Verlag kaum vor. Auch im Feuilleton wurde dieser Aspekt selten besprochen. Dafür stand umso mehr die Geschichte der Familie an sich – sowjetisches jüdisches Leben - im Vordergrund. Es scheint Berührungsängste mit der Thematik an sich zu geben", schlussfolgert Sielmann.

(mkn)

Ocean Vuong: "Auf Erden sind wir kurz grandios"
Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag
Car Hanser Verlag, 2019, 240 Seiten, 22 Euro

Sasha Marianna Salzmann: "Außer sich"
Suhrkamp Verlag, 2017, 366 Seiten, 22 Euro
Auch als Taschenbuch im selben Verlag erschienen

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