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Länderreport | Beitrag vom 27.08.2019

Diskussion um StraßenumbenennungKoloniales Erbe im Herzen Berlins

Von Wolf-Sören Treusch

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Aufnahme des Schildes der Mohrenstraße in der Friedrichstraße in Berlin (picture alliance / Britta Pedersen)
Beschwiegene Vergangenheit: Auch in Straßennamen in Berlin finden sich Bezüge zum deutschen Kolonialismus. (picture alliance / Britta Pedersen)

Das Wort "Mohr" gilt für viele als rassistisch. Trotzdem trägt in Berlin-Mitte immer noch eine Straße diesen Namen. Parteien und Aktivisten fordern schon lange eine Umbenennung, aber das ist nicht einfach, denn dagegen regt sich Widerstand.

Ein Kleintransporter als Bühne, daneben ein brummender Generator: Wie jedes Jahr rund um den 23. August feiert die schwarze Community von Berlin zusammen mit ihren Sympathisanten ein Fest. Der Anlass ist der internationale Tag der Erinnerung an den Sklavenhandel und seine Abschaffung. Ort des Geschehens: die Mohrenstraße in Berlin-Mitte.

In den Wortbeiträgen wird deutlich, dass das Fest ein politisches Anliegen hat: "Was ich in der Schule gelernt habe über deutschen Kolonialismus, ist: Das ist nicht so schlimm, weil andere Kolonialmächte waren viel größer. Und letztlich haben wir nicht mehr so ein großes Stück vom Kuchen abgekriegt. Das ist das, was ich in der Schule dazu gelernt habe."

M-Wort so schlimm wie N-Wort

Einzelne Parteien und Nichtregierungsorganisationen fordern schon seit langem, die Mohrenstraße umzubenennen. Einer der Aktivisten ist Mnyaka Sururu Mboro von "Decolonize Berlin". Das Wort Mohrenstraße kommt ihm nicht über die Lippen. "Deswegen habe ich auch sofort M*Straße gesagt. Es ist genauso wie das N-Wort. Ist genauso schlimm, nur sind zwei verschiedene Namen, aber sind die gleichen."

Neger oder Mohr – Bezeichnungen wie diese empfindet Mboro als diskriminierend. Tahir Della von der Initiative für Schwarze Menschen in Deutschland pflichtet ihm bei: "Der Begriff ist zunächst mal rassistisch, für schwarze Menschen, für Menschen afrikanischer Herkunft. Er bedeutet aus dem Lateinischen, Griechischen 'töricht, dumm, einfältig'. Aus diesem Grund muss die Straße umbenannt werden."

"Das ist eine Behauptung. Das ist durch nichts bewiesen", entgegnet Bodo Berwald. Er wohnt seit bald drei Jahrzehnten in der Mohrenstraße und findet nicht, dass sie umbenannt werden sollte.

"Es gibt viele Historiker, die sagen: Es kommt von ‚dunkel’, es war auch eine Selbstbezeichnung, es gibt noch eine Republik Mauretanien, die werden sich nicht selbst als dumm und töricht bezeichnen. Also dafür gibt es keinerlei Belege, dass Mohr diese Wurzel hat."

Straßenname mit Sklaverei verbunden

Was viele nicht wissen: Deutschlands koloniale Verstrickungen gehen zurück bis ins 17. Jahrhundert. 1683 besaß Brandenburg-Preußen eine Kolonie an der Westküste Afrikas. Ihr Name: Groß-Friedrichsburg.

1717 verkauften die Preußen die Kolonie an die Niederländer. Bis dahin waren sie am transatlantischen Sklavenhandel beteiligt. In dieser Epoche kam auch die Mohren- bzw. M*straße zu ihrem Namen, meint Christian Kopp von Berlin-Postkolonial, einem Verein, der Stadtführungen zur deutschen Kolonialgeschichte anbietet.

"Die Straße ist 1706 benannt, das ist die Zeit, als die ersten schwarzen Menschen hierher gebracht wurden. In der Regel waren das minderjährige Jungs, die hier am Hofe dienen mussten. Das heißt, der Name ist eng verbunden mit der Geschichte der Unfreiheit und Versklavung von Menschen afrikanischer Herkunft."

Die Straße kann nichts dafür

"Dass die Mohrenstraße benannt wurde nach minderjährigen Afrikanern, die hier versklavt waren und leben mussten, das stimmt ja alles nicht", widerspricht erneut Bodo Berwald. Der 77-jährige frühere Rechtsanwalt hat viele Stunden in Bibliotheken und Archiven verbracht, sagt er. Für die These, der Name der Straße stehe in Zusammenhang mit dem schwarzen Dienstpersonal am preußischen Hof, habe er keine Belege gefunden.

Bodo Berwald steht in der Mohrenstraße  (Deutschlandradio / Rolf-Sören Treusch)Bodo Berwald lehnt Umbenennung der Mohrenstraße ab. (Deutschlandradio / Rolf-Sören Treusch)

"Ich empfinde das als sachlich und rechtlich nicht gerechtfertigt, hier eine über 300 Jahre alte Straße umzubenennen, die erstmal nichts dafür kann, dass sie Mohrenstraße heißt; und die eigentlich auch die einzige Straße in Berlin ist, die anregt, um die Zeit um 1700 in Berlin mal zu reflektieren und von verschiedenen Facetten zu beleuchten."

Namen nicht leicht zu ändern

Der Streit um die Umbenennung der Mohrenstraße steht stellvertretend dafür, wie kompliziert es ist, Deutschlands Rolle im Kolonialismus angemessen aufzuarbeiten. Wie damit umgehen in einer Stadt, die übervoll ist mit Gedenk- und Erinnerungsorten? Und wo den meisten der Kiez näher ist als das koloniale Erbe?

"Die Anwohner ziehen bei Straßenumbenennungen in der Regel nicht wirklich aktiv mit", meint die Kulturstadträtin von Berlin-Mitte, Sabine Weißler. Sie hat schon manchen Kampf mitgemacht. In Berlin sind die Bezirke zuständig für Straßenumbenennungen.

"Straßennamen sind auch immer verbunden mit persönlichen Erinnerungen, mit einem Heimatgefühl. Da kann der Straßenname so gruselig sein, wie er will - die emotionale Bindung an einen Ort überwiegt. Straßennamen sind aber kein Eigentum der Anlieger. Deswegen ist es in jedem Fall anders, als wenn man, sagen wir mal, über eine Neugestaltung der Parkplätze spricht, nicht ein Anliegen der Bewohner in dieser Straße, sondern es ist ein Anliegen der gesamten Stadt."

Umbenennung im Afrikanischen Viertel

In ihren Zuständigkeitsbereich fällt auch das Afrikanische Viertel im Ortsteil Wedding. Dort sind drei Straßennamen nach deutschen Kolonialherren benannt. Männern, die mitunter für schlimmste Gräueltaten verantwortlich sind. Diese drei Straßen werden jetzt umbenannt. Das hat die Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Mitte beschlossen.

Auf den neuen Straßennamen werden Opfer und Gegner des Kolonialismus geehrt. Doch noch sind die Schilder nicht ausgewechselt worden. Etliche Anwohner, darunter viele Geschäftsleute, haben Widerspruch gegen die Entscheidung eingelegt. Sie befürchten hohe Kosten und Zeitaufwand, weil sie ihre Adresse ändern müssen. Tahir Della von der Initiative für Schwarze Menschen in Deutschland findet diese Einwände belanglos.

"Auf welche Menschen wollen wir uns in der Geschichte beziehen? Sind es diejenigen, die kolonisiert haben, die koloniale Verbrechen verübt haben, oder sind es die Menschen, die dagegen Widerstand geleistet haben auf unterschiedliche Art und Weise? Da würde ich sagen, ist eine nicht diskriminierende Gesellschaft besser als eben Visitenkarten, die geändert werden müssen, wie aufwändig das auch immer erscheint."

Christian Kopp am MikrofonStreitet für die Umbenennung der Mohrenstraße: Christian Kopp von der Initiative "Berlin Postkolonial".

Die Umbenennungsgegner finden zudem: Geschichte würde ausgelöscht, wenn die Straßennamen geändert würden. Ihr Alternativvorschlag: Erklärende Hinweistafeln anbringen.

"Es ist ziemlich abstrus zu behaupten, dass jetzt dadurch Geschichte ausgelöscht wird, zumal wir Namen ausgesucht haben und vorgeschlagen haben, die genau mit dieser Geschichte weiterhin zu tun haben", widerspricht Christian Kopp von "Berlin-Postkolonial".

Stelen sollen über Geschichte informieren

"Ich glaube, auf die Idee würde auch niemand kommen bei einem Adolf-Hitler-Platz oder bei einer Hermann-Göring-Straße", sagt Kopp. "Und niemand würde sagen, weiterhin lassen wir den Namen bestehen und erzählen halt, wer Adolf Hitler oder Hermann Göring war. Außerdem wollen wir, wenn dann umbenannt wird, Informationsstelen in den Straßen, die sagen: Wie hießen die Straßen früher? Wen haben sie geehrt? Warum musste umbenannt werden? Und wer sind die neuen Personen, die geehrt werden?"

Der Berliner Senat unterstützt diese Ideen. Im Herbst wird er eine Beschlussvorlage ins Abgeordnetenhaus für ein gesamtstädtisches Aufarbeitungs- und Erinnerungskonzept einbringen. Berlins Rolle in der Kolonialzeit soll mit Hilfe sogenannter Lern- und Erinnerungsorte beleuchtet werden.

Erster schwarzer Akademiker in Preußen

Dass die Mohren- bzw. M*Straße einen neuen Namen bekommt, ist jedoch vorerst nicht in Sicht. Auch wenn die Befürworter der Umbenennung einmal im Jahr ein Fest für ihre Idee feiern, sie nach Anton Wilhelm Amo zu benennen, den ersten schwarzen Akademiker in Preußen.

Berlin-Mittes Kulturstadträtin Sabine Weißler ist skeptisch: "Im Moment finde ich den Diskussionsstand noch nicht so, dass wir morgen die Umbenennung tatsächlich begründet durchführen könnten. Man muss auch sagen, dass wir vom Gesetz her ein Willkürverbot haben. Das heißt, es muss schon eine sehr gute Begründung und auch eine sehr gute Unterstützung geben."

Kein Problem, findet Mnyaka Sururu Mboro. Dann werden sie eben weiter feiern: "Bei der M*Straße sind wir noch nicht in der Phase zu sagen: Sie wird umbenannt. Wir machen da ein Umbenennungsfest. Wir werden so jedes Jahr weitermachen, bis sie umbenannt ist."

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