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Breitband | Beitrag vom 27.02.2021

Digitale Lehrmittel in NRWViel Geld für Bildung ohne Nachhaltigkeit?

Von Vera Linß und Marcus Richter

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Eine Hand wischt Tabletmonitor wie eine Tafel ab (imago images / Ikon Images)
Wisch und weg? Digitale Bildung hat besondere Anforderungen. Wenn Lizenzen auslaufen, können Inhalte verschwinden. (imago images / Ikon Images)

Das Land Nordrhein-Westfalen will 2,6 Millionen Euro für digitale Lernmittel bereitstellen. Was nach einer Menge Geld klingt, hat ein paar Haken. Kritiker fordern mehr Förderung freier Inhalte, die man auch bundesweit nutzen kann.

Vergangene Woche sorgte eine Meldung aus Nordrhein-Westfalen für Aufregung: Das Ministerium für Schule und Bildung teilte mit, dass man 2,6 Millionen Euro zusätzlich für digitale Lernmittel zur Verfügung stellen wird.

Diese Millioneninvestition hat vor allem bei den Lehrer*innen in Nordrhein-Westfalen Freude ausgelöst, sagt Lars Strotmann, Gymnasiallehrer für Geschichte und Philosophie. Er spricht für den Landesvorstand des nordrhein-westfälischen Philologenverbandes, der auch die Lehrer mit vertritt.

"Das war eigentlich längst überfällig, da jetzt alle Schülerinnen und Schüler einen Zugriff haben auf qualitativ hochwertige, aktuelle und vor allen Dingen an wissenschaftlichen Standards orientierte Informationsquellen, deren Einsatz im Unterricht und deren Inhalte ja den Prinzipien gymnasialer Bildung und Bildung insgesamt entsprechen."

Was passiert nach Ablauf der Frist?

Das Geld fließt in eine Drei-Jahres-Lizenz für ein Paket des digitalen Brockhaus-Nachschlagewerks. Darin enthalten ist die Enzyklopädie, ein Jugend- und Kinderlexikon und der Online-Kurs "Richtig Recherchieren". Und das hat dann doch für Verärgerung gesorgt.

Zum Beispiel bei Wikimedia, dem Verein hinter der Wikipedia. Dort begrüßt man grundsätzlich, dass in digitale Bildung investiert wird. Aber das passiere nicht nachhaltig, sagt  Heike Gleibs, der Leiterin Bildung, Wissenschaft & Kultur bei Wikimedia Deutschland: Zum einen, weil das Material nur für Lehrkräfte aus NRW nutzbar sei, zum anderen, weil es zeitlich befristet ist. "Dann stellt sich natürlich die Frage, was passiert nach den drei Jahren?"

Man hätte es schon schön gefunden, wenn dieses Geld in offene Lehrmittel geflossen wäre - weil es dann bundesweit und zeitlich unbegrenzt hätte genutzt werden können. Denn wenn diese Brockhaus-Lizenz ausläuft, könnte das bedeuten, dass Schülerinnen und Lehrer dann keinen Zugriff mehr auf das Material haben. 

Freie Zugänglichkeit von Lernmaterial

Auch Leonhard Dobusch, Professor für Organisation an der Universität Innsbruck, kritisiert die Investition: "Das Problematische ist, dass das der Standardfall ist, dass öffentliche Mittel nicht für frei verfügbare Inhalte ausgegeben werden, sondern für Inhalte, wo man immer nur für ein paar Jahre eine Lizenz kauft."

Der Klassiker ist das gedruckte Schulbuch. Das ist immer noch Standard in Deutschland, plus ein paar dazu gekaufte, urheberrechtlich geschützte digitale Ergänzungspakete. "Ich bin total dafür, verlegerische Leistungen, gerade auch im Bereich von Bildungsmedien, wo die verlegerische Leistung oft viel größer ist, als in anderen Kontexten, angemessen zu entschädigen und dafür zu bezahlen", sagt Dobusch. "Die Frage, die sich trotzdem stellt, ist, ob es nicht schon längst an der Zeit wäre, hier Geschäftsmodelle und auch Finanzierungsmodelle zu entwickeln, die eine freie Lizenzierung und damit eine freie Zugänglichkeit dieser Materialien im Netz ermöglichen."

Typische Beschaffungspolitik

Wie man freie Unterrichtsmaterialien finanzieren könnte, dazu hat Leonhard Dobusch zusammen mit Maximilian Heimstädt, Organisationsforscher am Weizenbaum-Institut, eine Studie erstellt und darin auch Modelle entwickelt:

"Eine Möglichkeit wäre, dass man Ausschreibungen von Lehr- und Lernmaterial in einer Weise organisiert, dass es eine Open Access-Klausel gibt", sagt Dobusch. "Dass also Lehr- und Lernmaterialien nach einer gewissen Nutzungsphase, nach der sie dann ohnehin wahrscheinlich aktualisiert werden müssen, unter einer freien Lizenz veröffentlicht werden. Oder dass man frei lizenzierte Materialien nach aktueller tatsächlicher Nutzung, die man über stichprobenartige Nutzungserhebungen, so wie man das zum Beispiel bei der GEMA im Musikbereich macht, dann nach Nutzungsintensität vergütet. Das wäre näher dran an einem Marktmodell. Es werden freie Lizenzmaterialien verwendet und für die, die wirklich genutzt werden, gibt es eine Vergütung."

Die Studie ist jetzt drei Jahre alt. Und seit über zehn Jahren wird in Deutschland über offene Bildungsmaterialien diskutiert. Vor diesem Hintergrund kan man verstehen, warum die Kritik an dem Brockhaus-Deal da ist. Weil er typisch ist für die Beschaffungspolitik der öffentlichen Hand und nicht einfach nur eine nette, beherzte Corona-Maßnahme. 

Von Neutralität weit entfernt

Die Kritiker*innen sagen: Wenn etwas aus öffentlichen Mitteln finanziert wird, dann sollte man sich rechtfertigen müssen, wenn man dagegen ist, Inhalte unter freien Lizenzen zu veröffentlichen. Es gibt eine Stellungnahme der Kultusministerkonferenz, die fordert eine Neutralität bei der Lernmittelfinanzierung. Es soll möglich sein, sowohl proprietäre als auch offene, frei lizenzierte Lernunterlagen mit öffentlichen Mitteln zu finanzieren. Von dieser Neutralität sind wir aber noch weit entfernt. Es gibt kaum etablierte Modelle, mit denen frei nutzbare Lehrmittel genutzt werden können. 

Dabei sind zumindest die Lehrer*innen aus NRW durchaus offen dafür, sagt Lars Strotmann. Er plädiert für den Einsatz von Open Educational Ressources (OER) in der Schule. "Wir würden uns eigentlich ein Nebeneinander beider Möglichkeiten wünschen. Dass nach Ablauf der Lizenzen nach drei Jahren die Maßnahme und das Nutzungsverhalten evaluiert wird, um das Verhältnis gegebenenfalls neu zu justieren. Wir können uns natürlich auch vorstellen und würden uns wünschen, dass jetzt parallel zu diesen Lizenzen OER verwendet werden."

Bund arbeitet an OER-Strategie

Die Bundesregierung arbeitet an einer Strategie für Open Educational Resources, weil der Koalitionsvertrag das vorsieht. Allerdings hat sie mit der Erarbeitung dieser Strategie bis zum Schluss gewartet. Erst jetzt nämlich - kurz bevor ein neuer Bundestag gewählt wird - will man die Strategie finalisieren, mit der auch OER etabliert werden soll. 

Welche Vorteile freie Materialien bringen können, zeigt zum Beispiel die Bildungssuchmaschine "Wir lernen online", die im Jahr 2020 mit öffentlichem Geld online gegangen ist. Sie enthält 170.000 Bildungsinhalte - Videos, Grafiken, Texte - die frei und kostenlos zur Verfügung stehen, größtenteils als OER.

"Die Materialien dürfen nicht nur genutzt werden, was ja auch schon mal schön ist, die dürfen aber auch verändert, angepasst, weiterentwickelt werden, wo wir den großen Vorteil sehen, auch gegenüber solchen Konzepten wie dem Online-Brockhaus", sagt Heike Gleibs. "Da dürfen die Lehrkräfte die Materialien ja nutzen, sie dürfen die aber nur unter bestimmten Bedingungen nutzen und zum Beispiel nicht verändern und auch bestimmte Lernszenarien oder individuelle Bedürfnisse ihrer Schülerinnen und Schüler anpassen."

Die Interessen der Verlagslobby

Warum ist es so schwierig, das in größerem Stile zu etablieren? Das liege an den Bildungsmedienverlagen, sagt Leonhard Dobusch. Die hätten kein großes Interesse daran, ihre eingefahrenen und etablierten Geschäftsmodelle, die sie auch über Jahrzehnte optimiert haben, zugunsten eines freien Ansatzes aufzugeben. "Diese neuen Angebote, die muss man über Anreize im Bereich der öffentlich-rechtlichen Vergabe und Finanzierungsregulierung erzeugen. Und das wird teilweise auch Widerstände von Verlagsseite hervorrufen." Die Verlage müssten neue Angebote schaffen und auch neue Verträge mit den Urhebern aushandeln.

Kompatibel mit Wikipedia und Lehrplänen

Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt es bereits offene Bildungsinhalte. Da ist in den letzten Jahren Bewegung reingekommen. Am bekanntesten sicherlich Terra X vom ZDF. Das ZDF verfolgt auch den konsequentesten Ansatz: Die Doku-Reihe wird sogar unter einer Wikipedia-kompatiblen Lizenz veröffentlicht, man kann die Videos in Artikel einbinden. Dadurch haben sich das schon über eine Million Menschen auf der Wikipedia angesehen.

Erfolgreich auch: der Bayerische Rundfunk. Lars Strotmann findet die Angebote sehr gut, weil sie kompatibel mit den Lehrplänen sind. Das trifft auf offene Inhalten nicht immer zu. Da muss zum einen ein Signal kommen von ganz oben, aber es ist niemand daran gehindert, jetzt schon etwas zu tun. Denn dass sich seit zehn Jahren so wenig bewegt, das zumindest findet auch Lars Strotmann kritikwürdig.

"Dieser Vorwurf ist nicht ganz von der Hand zu weisen, wobei anders herum mit Schnellschüssen niemandem geholfen ist", sagt er. "Wichtig ist dort, dass man miteinander ins Gespräch kommt und zielorientiert diese Dinge fortentwickelt. Und möglicherweise ist ja jetzt die Diskussion rund um die Lizenzen ein Anlass, darüber noch mal konstruktiv nachzudenken. In unserem Verband werden diese Dinge schon seit einigen Jahren diskutiert im Hinblick auf ein Nebeneinander. Möglicherweise wird diese Debatte noch mal an Fahrt gewinnen, wir würden es uns wünschen."

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