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Kompressor | Beitrag vom 12.08.2019

Digitale KommunikationOMG! Wie das Internet unsere Sprache verändert

Anatol Stefanowitsch im Gespräch mit Shanli Anwar

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Eine junge Frau liegt am Rand eines Pools und kommunziert über ihr Handy. (Unsplash/ Bruno Gomiero)
Jederzeit erreichbar, überall kommunizieren - das Handy hat unsere Gewohnheiten und Sprachstile beeinflusst. (Unsplash/ Bruno Gomiero)

In Internet-Texten können schon mal die Regeln der Rechtschreibung oder der Interpunktion aufgehoben sein. Ein Zeichen von Sprachverfall? Nicht unbedingt: Die Linguistin Gretchen McCulloch findet das hochinnovativ.

Memes, Emojis, Abkürzungen wie LOL oder OMG –  die Art, wie wir kommunizieren, verändert sich im Internet rasant. Angesichts fehlender Interpunktion und Groß- und Kleinschreibung befürchten Kritiker gar einen Sprachverfall. Die selbsternannte "Internet-Linguistin" Gretchen McCulloch jedoch sieht das Phänomen positiv. In ihrem Buch "Because Internet. Understanding the New Rules of Language" zeigt sie, dass Online-Communitys linguistisch extrem innovativ sind. Sie entwickeln permanent neue Slangwörter, Emojis, Gifs, Memes und Akronyme wie "FYI". McCulloch begreift die Sprache im Netz begeistert als "größtes OpenSource-Projekt der Menschheit".

Kreative Interpunktion gab es schon vor dem Internet

Eine große Stärke des Buches sei, dass McCulloch die Kommunikationspraktiken, die es vor dem Internet gab, mit denen verbindet, die wir schon längst vergessen haben und die zum Teil sehr ähnlich sind, erklärt Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch.

"Sie spricht zum Beispiel darüber, dass die kreative Interpunktion - z.B.  Äußerungen, die nicht durch Punkt und Komma getrennt werden, sondern durch mehrere Punkte und Gedankenstriche -, dass das in der informellen Sprache auch vor dem Internet so war. Sie hat sich alte Postkartensammlungen angeguckt und gesehen, dass das dort ganz ähnlich ist."

Auf Postkarten, hätten Menschen schon immer viel daneben gezeichnet. Ganz so neu ist das Phänomen Emoji also nicht. Außerdem zeige McCulloch, dass vieles von dem, was wir als Internet-Slang wahrnehmen würden, bis in die 50er-Jahre zurückverfolgt werden könne, als es das Internet noch gar nicht gab. "Vieles kommt aus der Computer-Ära, aber aus der Zeit vor dem Internet", sagt Stefanowitsch.

Permanenter Wandel

In der Frühzeit des Internets hätten dann technisch versierte Nutzer den Internet-Slang stark geprägt. In Zeiten von MySpace, Blogs und Chats entstanden wiederum neue Kommunikationsformen. Mit dem Aufkommen der Sozialen Medien sei außerdem ein Dialog in Echtzeit möglich geworden.

"In so einer Chat-Anwendung kann ich sehen, wenn der andere schreibt. Und dadurch entsteht natürlich ein Zeitdruck, den es in der Frühzeit des Internets nicht gab", erklärt Stefanowitsch.

Problematische Aspekte werden kaum behandelt

Während Kulturpessimisten die neuen Entwicklungen kritisch sehen, verstehe sich McCullhan als Mitglied der Netzgemeinschaft. "Sie ist deshalb auch grundsätzlich sehr begeistert von allem und lässt alles, was am Internet eventuell ein bisschen problematisch ist, weitgehend außen vor: Hate Speech kommt überhaupt nicht vor. Die Vereinnahmung der Meme-Kultur durch die Altright-Bewegung, das wird kurz erwähnt."

(mwl)

Gretchen McCulloch: "Because Internet. Understanding the New Rules of Language"
Riverhead Books 2019
288 Seiten, 22,26 Euro

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